Psychische Erkrankungen sind ein großes Thema in den sozialen Medien. Influencer berichten von ihrer eigenen Krankheitsgeschichte und stellen fragwürdige Diagnosen. Mit Selbsttests soll sich angeblich herausfinden lassen, woran man leidet. Die Plattformen profitieren von dem Trend.
Die Alltagspsychologie kann laut Experten zwar durchaus positiv sein, zum Beispiel für die Enttabuisierung. Doch sie warnen eindringlich vor Falschinformation und einer Pathologisierung des Menschseins. Bestimmte Diagnosen werden regelrecht „gefeiert“ – nur treffen sie oft nicht zu.
Keine Frage: „Mental Health“ trendet. Es gibt zahlreiche Hashtags dazu, gerade zu bestimmten Diagnosen wie ADHS oder Depression. Wie präsent letzteres Thema auf Social Media ist, zeigt das Deutschland-Barometer Depression der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention. Demnach haben 40 Prozent der Menschen in Deutschland in der Woche vor der Erhebung im September 2025 einen entsprechenden Post gesehen.
Um sich zu informieren, greifen betroffene Jugendliche im Alter von 16 bis 17 Jahren laut der Befragung zwar fast zur Hälfte weiterhin auf Suchmaschinen zurück. Doch soziale Medien (20 Prozent) und Künstliche Intelligenz (19 Prozent) haben bei ihnen Vorrang vor Webseiten von Kliniken oder Ärzten.
Die häufige Thematisierung psychischer Erkrankungen in sozialen Medien kann zu einem gewissen Teil positive Folgen haben. Sie könne zur Enttabuisierung beitragen, erklärt die Sozialpsychologin Laura Wiesböck. Menschen könnten an Informationen gelangen und wertvolle Anstöße erhalten. Das gelte insbesondere für Milieus, in denen das Thema stärker tabuisiert ist, etwa im ländlichen Raum. Außerdem sei es möglich, sich mit anderen Betroffenen zu vernetzen, was hilfreich sein könne.
Auch der Psychotherapeut Thorsten Padberg sagt, es habe sein Gutes, wenn „bestimmte Zustände“ entstigmatisiert werden. Er beobachtet, dass viele Menschen bestimmte psychologische Begriffe benutzen, um sich selbst besser annehmen zu können. Selbstannahme könne er als Psychotherapeut „natürlich nur befürworten“.
Der Psychiater Ulrich Hegerl, Leiter der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention, sieht Chancen für eine bessere Aufklärung. Immerhin fühlte sich jeder sechste befragte Betroffene durch Social Media motiviert, Hilfe zu suchen. Und knapp jede zehnte Person mit Depression kam durch Posts erstmals auf die Idee, dass sie überhaupt daran erkrankt sein könnte.
Danach fügt Hegerl genauso wie Wiesböck und Padberg ein großes Aber an.
Inhalte auf Social Media können unterstützen – aber keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung ersetzen, betont Ulrich Hegerl. Er warnt vor dem Risiko einer „massenhaften Verbreitung“ falscher Vorstellungen über Depressionen.
Das Problem: Mit dem Thema psychische Gesundheit werden im Internet Geschäfte gemacht. Darauf weist die Soziologin Laura Wiesböck hin. Plattformen, auf denen diese Diskurse stattfinden, wollen Nutzer möglichst lange binden – um Daten zu sammeln, die sich anschließend zu Geld machen lassen. Entsprechend werden nach Wiesböcks Analyse auch die Posts gestaltet.
Hilfsangebote für Menschen mit Depressionen: Wer das Gefühl hat, an einer Depression zu leiden oder sich in einer scheinbar ausweglosen Lebenssituation zu befinden, sollte nicht zögern, Hilfe anzunehmen. Hilfe bieten zum Beispiel auch die Telefonseelsorge in Deutschland unter 0800 111 0 111, das Info-Telefon Depression unter 0800 3344533 oder die Stiftung Deutsche Depressionshilfe auf ihrer Website.
Personen, die diese Inhalte erstellen, seien meist keine Experten, sondern überwiegend selbst Betroffene, die – wie die Plattformen – von der „Aufmerksamkeitsökonomie“ profitieren, so die Expertin.
Sie nennt ein Beispiel: Es wird behauptet, dass man wahrscheinlich ADHS hat, wenn man vier bestimmte Symptome aufweist. Diese Symptome sind aber so allgemein formuliert, dass sie möglichst viele Menschen ansprechen. „Das haben vielfältige Studien gezeigt: dass hier auch fehlerhafte, nichtzutreffende Kriterien verbreitet werden,“ betont die Autorin des Buches „Digitale Diagnosen. Psychische Gesundheit als Social-Media-Trend“.
Sie warnt, dass mit den allgemein gehaltenen angeblichen Symptomen ein „krankhafter Blick“ befördert werden kann – auf unvermeidbare „menschliche Zustände“, die nun aber mit einem „medizinischen Etikett“ versehen werden. Die Kehrseite: Mit der „inflationären Verwendung“ psychopathologischer Begriffe wie „triggern“ könnten wiederum „klinische Belastungszustände“ verharmlost werden, so Wiesböck.
Der Psychotherapeut Thorsten Padberg erlebt in seiner Praxis, dass Klienten oft schon mit einer vorgefassten Einschätzung kommen: vor allem ADHS und Autismus-Spektrum-Störung (ASS). Beide Begriffe seien aktuell „sehr, sehr weit definiert“, was die therapeutische Arbeit nicht unbedingt erleichtere. Padberg beobachtet, dass diese Diagnosen teilweise geradezu „gefeiert“ werden, wenn man sie hat.
Vieles werde unter dem Begriff „Neurodiversität“ zusammengefasst, kritisiert er: Menschen, die leise oder laut, gut oder weniger gut angepasst seien; solche, die im Leben weniger erreichen als erwartet, und andere, die „überperformen“.
Padberg, Autor des Buches „Die Depressions-Falle: Wie wir Menschen für krank erklären, statt ihnen zu helfen”, sagt: Die Begriffe ADHS und ASS ließen sich oft einfach durch „Menschsein“ ersetzen. Und zitiert damit seinen Kollegen Josua Handerer.
Auch Bodo Müller, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie am St. Marien-Hospital Düren, hat häufig mit Verdachtsdiagnosen zu tun. Er betont, dass man unbedingt Fachleute aufsuchen sollte, statt sich auf „Internetfragebögen“ zu verlassen. Gerade Autismus-Spektrum-Störungen erforderten eine intensive Diagnostik, die jedoch „leider auch nicht bei allen Fachkollegen“ nach den geltenden Standards durchgeführt werde.
Müller unterstreicht, dass es schwer beeinträchtigte Kinder und Jugendliche gibt, die eine ASS-Diagnose bekommen, die zu einer Entlastung führt. Doch in geschätzt 80 Prozent der Fälle lasse sich eine solche Störung nicht feststellen. Gleichwohl verweist der Arzt auf Versicherungsdaten, wonach in Deutschland jedes vierte Mädchen und etwa jeder fünfte Junge zwischen 14 und 19 Jahren die Diagnose einer psychischen Störung erhält. Eine „Wahnsinnszahl“, so Müller.
Die gesellschaftliche Präsenz des Themas psychische Gesundheit führt die Soziologin Laura Wiesböck auf mehrere Faktoren zurück. Dazu gehören eine „Ich-Zentrierung“ und eine „stärkere Verletzungssensibilität“. Außerdem gebe es ein stärkeres Gesundheitsstreben, bekannt als „Healthism“: „Damit ist verbunden, dass Beschäftigung mit Gesundheit einerseits ein zentraler Wert ist, aber auch in der Verantwortung von Individuen liegt“, so Wiesböck.
Die Soziologin weist darauf hin, dass höhere Anforderungen an Leistungsfähigkeit und Ergebnisorientierung zu Überforderung führen können. Diese Belastungen werden durch strukturelle Probleme wie mangelnde Wohn- und Jobsicherheit, multiple gesellschaftliche Krisen und Zukunftsängste verstärkt.
Studien zeigen, dass solche Faktoren die psychische Gesundheit beeinflussen, so Wiesböck. In England etwa stieg nach der Kürzung der Wohnbeihilfe die Zahl der Depressionen in Haushalten mit niedrigem Einkommen. Wiesböcks Überzeugung nach sollte der Fokus nicht allein auf individueller Resilienz liegen, sondern ebenso auf strukturellen Problemen.
Und auch folgenden Punkt hebt Wiesböck hervor: Handykonsum, Social-Media-Nutzung und lange Bildschirmzeiten hängen nachweislich mit der Entstehung depressiver Symptome oder ADHS-typischer Probleme zusammen – wie Impulsivität, Konzentrationsschwierigkeiten und Schlafproblemen: „Das ist das Businessmodell von diesen profitorientierten US-amerikanischen und chinesischen Konzernen, ein Suchtverhalten zu erzeugen.“