Es ist ein grauer Dezembertag, so grau, wie er nur in Berlin sein kann. In der lichten Kapelle des Dorotheenstädtischen Friedhofs hören wir Reinhold Andert: „Kennst du das Land mit seinen alten Eichen/ Das Land von Einstein, von Karl Marx und Bach“. Es ist das Lied, das mit den Zeilen endet: „Ich möchte dieses Land niemals verlieren/ Es ist mein Mutter- und mein Vaterland“. An diesem Tage tragen wir diesen Liedermacher zu Grabe. Das Land, das er niemals verlieren wollte, gibt es nicht mehr.

Wir, die wir in diesem Land lebten, sollten – und viele wollten – in ihm Mutter- und Vaterland sehen. Für die, denen es fremd war und die sich als Gegner sahen, war es der Terrorstaat, ein Staat der Unfreiheit. Eine Zerrissenheit, die heute noch unser Leben prägt.

Irgendwann sprach Marx davon, dass die Geschichte viele Beispiele kenne, wo versucht werde, einen toten Hund zu erschlagen. So ergeht es auch dem einstmals existierenden anderen deutschen Staat. Mit Vehemenz, mit geradezu törichter Aggressivität, möglicherweise geboren aus Hilflosigkeit, wird versucht, alles umzuschreiben, was diese deutsche Geschichte betrifft. Es darf nicht geben, was es einst gegeben hat. Nicht nur Gebäude, Einrichtungen verschwinden. Verschwinden soll auch eine von Generation zu Generation weitergegebene Erinnerung.

Löscht die alten Straßennamen aus, fordert die SED-Opferbeauftragte Evelyn Zupke von Bürgermeistern und Gemeinden. Sie folgt damit einem bereits in den ersten Geburtsstunden geübten Brauch des sich „Einigdeutschland“ nennenden Landes.

Clara Zetkins Name wurde als Straßenname getilgt

Clara Zetkin durfte fortan nicht mehr die Namensgeberin einer Straße in Berlins Mitte sein. Es spielte keine Rolle, dass sie als Alterspräsidentin des Reichstages, bereits schwer krank, noch im August 1932 unter Lebensgefahr vor einem „Weltbrand“ warnte, der „auch Deutschland mit Schrecken und Gräueln überhäufen würde, die das Mord- und Vernichtungswerk des letzten Weltkrieges in den Schatten stellen“.

Diese Straße, einstmals auch „Letzte Straße“ genannt, wurde, alter preußischer Gesinnung folgend, wieder zur Dorotheenstraße. Zu Ehren kam die preußische Kurfürstin Dorothee. Für die Berliner war sie eine Giftmischerin, stand sie doch unter Verdacht, ihren Stiefsohn, den Thronfolger, ermordet zu haben. Es war den Umbenennern nicht aufgefallen, vielleicht war es ihnen auch gleichgültig, dass diese Straße mit ihren leeren Flächen und wenigen Neubauten noch immer von den zur bitteren Realität gewordenen Zetkin’schen Warnungen zeugte.

Die Trümmer waren in den Jahren nach dem Krieg geräumt worden. Auf den nun freien Plätzen wuchsen Bäume, gab es Bänke und Blumenbeete, lebten die Erinnerungen an den Wintergarten mit Claire Waldoff und Otto Reutter, an die ersten bewegten Filmbilder vom boxenden Känguru, und wuchsen die Hoffnungen auf eine Stadt, in der alles bunter, schöner als je zuvor sein würde. Unser Berlin sollte es nun werden. Wir freuten uns über alles Entstehende, und war es nur die Leuchtreklame für Margonwasser an einer Hauswand.

Dennoch, dieses kleine Teilland sich zu eigen zu machen, war nicht immer leicht. Auch die, die uns glauben machen wollten, dass nur hier unsere Zukunft zu finden sei, hatten es sich nicht ausgesucht. Es war ihnen als ein Erbe jenes Krieges übergeben worden, den sie nicht verhindern konnten, den sie aber überlebt hatten. Sie sahen sich in der Pflicht, dieses Erbe zu verteidigen, und fürchteten bei jeder Kritik um seinen Bestand. Nach vielen Niederlagen konnten sie sich endlich als Sieger der Geschichte fühlen. Mit dem Sieg aber ist es so eine Sache. Siegen heißt immer auch besiegen, weniger sich selbst, sondern vielmehr den anderen.

Wir sollten uns als Befreite fühlen

Dann, als dieses so mit Hoffnungen beschwerte Land verschwand, wurde erwartet, dass wir uns nicht als Besiegte, sondern als Befreite fühlen. Aus uns „Auch-Deutschen“ waren nun auch Deutsche geworden. Und tatsächlich, nun wurde vieles möglich.

Es verschwanden die Grenzen. Unerwartet taten sich zugleich neue auf. Grenzen ohne Wachtürme, ohne Grenzposten, ohne an Leinen laufende Hunde, ohne sorgfältig geharkte Sandstreifen. Diese neuen Grenzen, mitunter kaum sichtbar, verletzen und hinterlassen Wunden. Wo gegenseitiges Verständnis nötig gewesen wäre, wurden und werden Urteile gefällt. Widerspruch und Verteidigung sind noch immer unerwünscht. Beharrlich will man uns, die wir hierblieben und nach einem neuen, anderen Land suchten, glauben machen, ein falsches Leben geführt zu haben. So falsch, wie das ganze Land gewesen sei. Von Anfang an war uns vorgeworfen worden, Deutschland an eine fremde Macht zu verraten. Dass dies die Folge eines von Deutschland entfachten Weltbrandes war, übersah man in der Eile.

Es war in den 1960er-Jahren, ich begleitete den Dramatiker Claus Hammel auf einer Reise zum Bremer Stadttheater. Dessen legendärer Intendant Kurt Hübner, er hatte das miefige bundesdeutsche Theaterleben verändert, hatte Hammels damals viel gespieltes Stück „Um 9 Uhr an der Achterbahn“ in den Spielplan aufgenommen. Eine deutsch-deutsche Geschichte, geschrieben nur kurz nachdem eine Mauer das kleine Deutschland vom großen zu trennen begann. Wir sollten an einem Publikumsgespräch teilnehmen. Unsere Gastgeber aber hatten ein Problem. Wie sollten sie uns anreden?

„Wir begrüßen unsere Gäste aus der DDR.“ Das war ihnen von der Leitung der Stadt, ihrem Geldgeber, verboten. „Wir begrüßen unsere Gäste aus Mitteldeutschland.“ Das verbot ihnen ihr politischer Sachverstand. „Wir begrüßen unsere Gäste aus Ostdeutschland“, erschien ihnen zu banal. „Wir begrüßen unsere Gäste aus der Ostzone.“ Das wäre zu unhöflich gewesen. Mit der Bild-Zeitung wollte man sich nicht gemein machen. Mit seinem Dramaturgen, dem seinerzeit sehr bekannten Schriftsteller Thomas Vallentin, kam Hübner auf die Formel: „Wir begrüßen unsere Gäste aus der, wie wir hierzulande nicht zu sagen pflegen, DDR.“

Am Katzentisch Deutschlands

Bei aller Großmütigkeit: Wir wurden zu dem kleinen Bruder, dem man misstraute, auf den man herabsah, dem man aber gestattete, am Katzentisch Deutschlands Platz zu nehmen. Da half die anschließende rotweinselige Nacht in Vallentins Wohnung wenig. Eine dort geschlossene Freundschaft war bald vergessen, vielleicht auch aus Furcht, man wäre stasitreuen Parteisoldaten aufgesessen. Ein Misstrauen, das sich hartnäckig hielt und zu jenen unauflösbaren, unsichtbaren Grenzen zählt.

An diesem Dezembertag gehe ich gemeinsam mit einer Freundin hinter der Urne mit der Asche des Liedermachers Reinhold Andert vorbei an den Gräbern vieler, die meinen Weg in diesem Kleindeutschland begleiteten. Einst hatten ihre Namen Klang. Nun muss ich erklären, was sie deutscher Kulturgeschichte und mir bedeuten.

In einem grasbewachsenen Geviert liegen zwei einfache Grabsteine. Paul Dessau und Ruth Berghaus. Mit beiden war ich in den Siebzigerjahren in Hamburg. Die Deutsche Staatsoper, die heutige Staatsoper Unter den Linden, das „Deutsch“ musste sie mit der großen Wende aufgeben, gastierte mit der Oper „Einstein“ von Paul Dessau, das Libretto hatte der Dichter Karl Mickel geschrieben. Auch er hat hier nur wenige Meter entfernt sein Grab gefunden. Der in Hamburg geborene Paul Dessau begleitete dieses Gastspiel. Noch einmal wollte er Hamburg sehen, riechen und hören, wie er mir sagte, denn er war bereits fast blind.

Sein Urgroßvater und sein Großvater waren Kantoren der dortigen Deutsch-Israelitischen Gemeinde gewesen, sein Vater ein musikbegeisterter Zigarrenfabrikant. An einem der Häuser erinnert heute eine Tafel an den Komponisten Paul Dessau. Einige seiner Werke werden genannt, unerwähnt bleibt, dass er sich zeitlebens immer auch als Kommunist betrachtete.

„Da sitzen sie ja, die aus der Zone“

Dieses Gastspiel, in jenen Jahren noch nicht selbstverständlich, wurde von der Boulevardpresse mit dicken Schlagzeilen angekündigt. Die Höhe der Tagesgelder für die Mitwirkenden war diesen Blättern Nachricht und mitleidige Kommentare wert. Mit einigen Sängern, unter ihnen Reiner Süß, besuchten wir eine Kneipe, gelegen im Souterrain eines älteren Hauses. Nach einiger Zeit wurde es in dem Raum, der von Zigarren- und Pfeifenrauch durchzogen war, merkwürdig still. Man hatte uns erkannt. „Da sitzen sie ja, die aus der Zone.“

Ein Hüne, er schien mir mindestens zwei Meter groß zu sein, erhob sich von einem der Nachbartische und schritt bedächtig auf uns zu. Ich sah seine riesigen Hände, seinen gewaltigen Schädel. Sich seiner Kraft bewusst, postierte er sich an unserem Tisch, holte tief Luft und verkündete, jedes einzelne Wort betonend und so laut, dass es auch im letzten Winkel gehört werden konnte: „Das eine will ich euch sagen, wir sind hier braun bis ans Herz!“ Wir erschraken, schwiegen, so wie alle anderen Gäste. In der ganzen Kneipe war in diesem Moment kein einziges Wort mehr zu hören.

Da stand Reiner Süß auf, baute sich vor dem Riesen auf, sodass er fast seinen Bauch berühren konnte, und antwortete mit seinem gewaltigen Bass: „Und das eine will ich dir sagen, wir“, und nach einer kurzen Atempause, „wir sind rot bis ans Herze!“ Damit setzte er sich. Wortlos ging der Riese an seinen Platz zurück. Ein deutsch-deutsches Aufeinandertreffen. Geschichte? Vielleicht.

Das Gastspiel wurde ein Erfolg, auch wenn die Musik Dessaus vielen ungewohnt war und sie offensichtlich die politischen Aussagen über die Verantwortung von Wissenschaft nicht teilten. Die verließen nach einem hanseatisch höflichen Pausenapplaus den Saal. Zusammen mit der Regisseurin Ruth Berghaus stand ich rauchend vor dem Opernhaus und sah zu, wie ein Mercedes nach dem anderen vorfuhr, Besucher, die an uns meist wortlos vorbeischritten, auf den hinteren Sitzen der glänzenden Karossen Platz nahmen, während die Fahrer mit einem eleganten Schwung die Türen in die Schlösser fallen ließen.

Einfache Antworten gibt es nicht

Von der Berghaus wusste ich, wie sehr sie die Missachtung ihrer Arbeit verletzte. Zwar ließ sie es sich nicht anmerken, wenn sie, wie fast schon zur Gewohnheit geworden, Bravos und Buhrufe nach ihren Premieren entgegennahm. Bei einer Premiere der „Fledermaus“ war es fast zu einer Saalschlacht gekommen, an der sich auch ihr Mann Paul Dessau beteiligte.

Um sie zu trösten, sagte ich: „Ruth, mach dir nichts draus. Es sind doch bloß die Mercedes-Fahrer.“ Sie sah mich an und erwiderte: „Du vergisst, dass auch ich einen Mercedes fahre.“

Einfache Antworten gibt es nicht. Es gab sie nicht für viele, die hier auf diesem Friedhof ihre Ruhe gefunden haben. Ein Grabstein erinnert mich an die niederländische Sängerin Lin Jaldati. Die Überlebende eines Konzentrationslagers kam mit ihrem Mann, dem Pianisten und Musikwissenschaftler Eberhard Rebling, dem späteren Rektor und Namensgeber der Hochschule für Musik Hanns Eisler, nach Berlin. An das Schicksal ihrer jüdischen Leidensgenossen mahnend sang sie 1953 an dem Gleis am Bahnhof Grunewald, von dem viele auf den Weg in die Konzentrationslager geschickt wurden. Von der West-Berliner Polizei wurde das gewaltsam unterbunden.

Als Ost-Berliner Behörden 1967 von ihr die Unterschrift für eine Erklärung gegen Israel verlangten, warf sie ihnen die Tür vor der Nase zu. Im Fernsehen der DDR durfte sie nun für einige Jahre nicht mehr auftreten. Aber sie hatte in den Jahren der Illegalität gelernt, sich zu wehren. „Sag nie, du gehst den letzten Weg“, so lautet der Titel ihrer gemeinsam mit Eberhard Rebling geschriebenen Erinnerungen, nach einem Lied des von Deutschen ermordeten Dichters Glik aus Wilna.

Aus Solidarität mit der ostdeutschen Wirtschaft nur noch Nordhäuser Doppelkorn

Nicht weit davon das Grab von Inge Keller, eine der letzten großen Damen des Berliner Theaterlebens. Von ihr hieß es, sie könnte das Telefonbuch vorlesen, auch dann würde man ihr zuhören. Sie litt unter den Parteiverfahren, die ihrem Kollegen Wolfgang Langhoff das Amt als Intendant kosteten. Als man der Keller auf der Insel Hiddensee mit einer Flasche edlen Whiskys danken wollte, wies sie dies Geschenk zurück. Sie mache die Spender höflich darauf aufmerksam, dass sie fortan aus Solidarität mit der ostdeutschen Wirtschaft nur noch Nordhäuser Doppelkorn trinken würde.

In ihrer Nähe das Grab von Christa Wolf und ihrem Mann Gerhard Wolf. Die Schriftstellerin bewahrte sich und uns den Glauben an einen besseren Sozialismus. An dem Erlebten war sie fast zerbrochen. Diesen Glauben verübelte man ihr im neuen Großdeutschland, hatte sie es doch gewagt, „Für unser Land“ zu sprechen, also für das kleine Deutschland, das dabei war, sich von der Weltgeschichte zu verabschieden.

Nicht weit von ihr, beinahe versteckt zwischen immer dichter wachsenden Büschen, hat Thomas Brasch sein Grab gefunden. Auch er verzweifelte an dem Land, in dem er eigentlich leben wollte, letztlich aber nicht konnte. Als er einen bayerischen Filmpreis erhielt, dankte er seinen Lehrern an der Filmhochschule „Konrad Wolf“ in der DDR. Das Münchener Publikum war empört.

Als wir die Urne mit der Asche Reinhold Anderts in die Erde versenken, grüßt herüber der Volksschauspieler Erwin Geschonneck. Wenn ich an seinem Grab stehe, höre ich ihn das Lied von „jenem Tag im blauen Mond September“ und der Wolke, „die sehr weiß und ungeheuer oben“, singen. Er hatte sich mit Brecht gründlich verkracht, doch dieses Lied sang er gern, selbst als er bereits fast hundert Jahre alt war. Nach irgendeiner Ordensverleihung beendet er seine Dankesworte (so wie er das auch bei anderen Gelegenheiten stets machte, so lange, bis Konrads Wolfs Film „Sonnensucher“ 1972 aufgeführt wurde) unvermittelt mit dem Satz: „Genossen, der Film ‚Sonnensucher‘ muss aufgeführt werden!“

Der Berliner Senat verweigert Erwin Geschonneck bis heute ein Ehrengrab

Geschonneck, aufgewachsen in der Berliner Ackerstraße, fand früh seinen Weg zur KPD. Er überlebte als Häftling der Nazis die Versenkung des KZ-Schiffes „Cap Arkona“. Anfangs noch am Theater der Hamburger Theaterikone Ida Ehre wurde er Mitglied des Berliner Ensembles. Der Berliner Senat verweigerte dem Hochbetagten die Ehrenbürgerschaft und bis heute ein Ehrengrab.

All diese Lebensgeschichten sind Teil der Geschichte des Landes, das zwar mit seinen Ansprüchen, Träumen und Hoffnungen gescheitert ist, das auch ich in seinen Irrtümern und Unzulänglichkeiten mitgetragen habe. Es war mehr, als ihm der Bundesminister Wolfram Weimer in seiner Rede am 9. Dezember 2025 zur Eröffnung der neugestalteten Bonner Ausstellung „Du bist Teil der Geschichte. Deutschland seit 1945“ zubilligen will. Er spricht davon, dass „unser aller gemeinsame Geschichte die geglückte Geschichte unserer Demokratie“ sei, die in ihrem Wesen den Weg in den Westen gefunden habe, die die „Verwestlichung“ ermöglichte. Erschütterungen und Herausforderungen habe das Land gemeistert. „Es waren Jahrzehnte nicht einfach des Glücks, der Harmonie und des Friedens – aber es waren Jahrzehnte, in denen Freiheit, Frieden, Sicherheit und Wohlstand in teils heftigen Debatten und auch tiefen Krisen geschaffen, erhalten und vermehrt werden konnten.“

Selbstbewusst unterstreicht Weimer an anderer Stelle: „Sie ist eine bewährte Demokratie.“ Gemeint ist aber nur die alte Bundesrepublik. Denn, so betont er, die „Erfahrungen der Bürgerinnen und Bürger, die 40 Jahre in dem anderen deutschen Staat gelebt haben, sind bis Ende der 80er-Jahre – und auch vielfach darüber hinaus – andere gewesen“. Er nennt den 17. Juni, den Mauerbau und aus dem Prager Frühling gewachsene und enttäuschte Hoffnungen.

Zweifellos, all das sind zeithistorische, letztlich auch vielschichtige Momente, die unbedingt zur Geschichte des Landes gehören, in dem ich lebte und die ich erlebte. Aber machen sie allein das Land aus, von dem Reinhold Andert sagte, dass hier jede Antwort mit einem Fragezeichen ende, und in dem seine Mutter das Regieren lernte, als sie vor einem Trümmerhaufen stand?

Eberhard Esche ließ sich auf seinem Grabstein als Lanzelot darstellen

All die hier auf diesem Berliner Friedhof Begrabenen könnten viel erzählen von ihren Kämpfen, von Verlusten und Erfolgen. Eberhard Esche ließ sich auf seinem Grabstein als Lanzelot darstellen, der mit seinem Schwert gegen den Drachen kämpft. Mehr als dreihundertmal stand er in dieser Rolle auf der Bühne des Deutschen Theaters. Ebenso oft zog die Weigel ihren Wagen über die Bühne des Berliner Ensembles und zeigte, wie Krieg die Menschlichkeit zerstört. Die May sang in Brechts „Schwejk im Zweiten Weltkrieg“: „Am Grunde der Moldau liegen die Steine, das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.“ Die Melodie schrieb Hanns Eisler. Auch er ist hier begraben. Sein Grabmal ist ein einfacher, steingrauer Quader.

Eine schmale, erst jüngst gesetzte Stele erinnert an den Schauspieler Dieter Mann, viele Jahre Intendant des Deutschen Theaters. Seine erste Rolle und sein erster großer Erfolg an diesem Haus war der Wolodja in einem Stück von Viktor Rossow, „Unterwegs“. Abend für Abend war er auf der Suche nach dem Guten im Menschen.

Es sind die Lieder, die Geschichten, die Bilder, die dem untergegangenen Land noch in der Erinnerung Gewicht geben. Sie machen seine Kultur aus. Sie sind Teil der deutschen Kultur. Das nicht zu akzeptieren bedeutet, die Spaltung des Landes auch weiterhin zu betreiben.

Zur Geschichte und dem Verdienst dieses Landes gehört auch, dass es, selbst wenn man es heute nicht hören mag, aus historischer Verantwortung heraus Brücken in den Osten baute. Ohne diese Brücken und das damit gewonnene weltpolitische Vertrauen in ein anderes Deutschland ist das endliche Herstellen der deutschen Einheit nur schwer vorstellbar.

Brücken, die nur mithilfe Mutiger gebaut werden konnten

Solche Brücken aber konnten nicht gebaut werden ohne das Wirken vieler Mutiger. Der Schauspieler Heinrich Greif war in den Jahren des Zweiten Weltkrieges Chefsprecher der deutschsprachigen Sendungen von Radio Moskau. Auch sein Grab finde ich hier auf diesem Friedhof in der Berliner Chausseestraße. Auf seinem Grabstein lese ich in kyrillischen Buchstaben die Worte eines russischen Kinderliedes: „Спи мой родной“ (Schlaf mein Lieb).

Jens Gerlach, Dichter, Autor der „Jüdischen Chronik“, schrieb über Greif: „Ich aber ahnte voraus die bittre Tragödie zwölf schwarzer Jahre auf dem prahlerischen Spielplan der Widermenschlichkeit, und ich verabscheute das Schundstück, seine willfährigen Autoren, Akteure und Regisseure, seine mörderischen Mäzene.“ Gerlach beendet sein Nachdenken über Greif mit der Mahnung: „Das herrliche Weltenschauspiel Leben kennt nicht Anfang noch Pause, geschweige denn Ende – doch achtet in jeglicher Wandlung des Werdens darauf, das niemals der Vorhang jählings und endgültig fällt!“

Eine Mahnung, die wir ins Heute mitnehmen sollten.