Was ist eigentlich mit Berlin los? Diese Frage wurde mir in den vergangenen Jahren zu unterschiedlichen Anlässen immer wieder gestellt.
Doch wer in Berlin lebt, arrangiert sich mit vielen Dingen. Brennende Autos sind genauso wenig spektakulär wie Megastaus durch kollabierende Straßenarchitektur. Man nimmt die launischen Busfahrer im launischen Nahverkehr in Kauf, den ganzjährigen Baustellen- und saisonalen Böller-Wahnsinn, die traumatisierenden Mietpreise und traumatisierten Radfahrer, die fehlenden Grünflächen und schwindenden Freiräume. Jeder weiß, dass die Hauptstadt an vielen Stellen dysfunktional ist – aber man bleibt trotzdem an ihrer Seite und stärkt ihr den Rücken wie einer permanent überforderten Person aus dem Freundeskreis.
Ein Iglu fürs Tiefkühlzeug
Die Frage, was mit Berlin los ist, drängt sich mir selbst auf, als ich bei mir zu Hause, in der nördlichen Peripherie des Blackoutgebiets, nach der erst peinlichen, jetzt praktischen Kopftaschenlampe, die mir mein Boomer-Vater für irgendeinen Campingtrip zugesteckt hatte. Ich finde sie in der Kiste mit der Aufschrift „Schrott“ irgendwo im Keller, und der Villenkolonie-Snob in mir ist erleichtert, dass er wegen der Lichterketten seiner Tochter auch noch die richtigen Batterien parat hat. Kurze Zeit später hocke ich mit meinem Kind im Schnee vor dem Balkon und versuche simultan eine Schneefrau und ein Iglu für mein Tiefkühlzeug zu bauen.
Mein Mitleid gilt in diesem Moment noch den gefrorenen Beeren, Pfirsichen und Kirschen aus dem Schrebergartenvorjahr, nicht den vom Strom abgeschnittenen Krankenhäusern, Pflegeheimen und Unterkünften, die Menschen Obhut und Schutz bieten sollen. Überspitzt gesagt: Gegenüber in den Häusern brennt noch Licht, lediglich die Straßenlaternen flackern etwas mehr als sonst – das Problem liegt wohl am Alter meiner Stadtvilla, die keine ist.
Ein paar Stunden ohne Strom sind doch nicht schlimm, denke ich, krame die Ikea-Kerzen aus der Schublade meines Sperrholz-Landhausbuffets von Home24 und ärgere mich nicht, dass sie als Notbeleuchtung herhalten müssen, anstatt ihren Platz auf zwei opulenten Kronleuchtern zu finden, die ich nicht besitze. „Gemütlich“, sagt meine Tochter, und kokelt im Schein von Wachslichtern und redundanter Weihnachtsbeleuchtung.
Ich denke sofort an Krieg
Zum Glück steht die seit dem zweiten Advent nadelnde Rewe-Tanne noch, denke ich, und frage mich erst nach dem Verbleib meines Mini-Stromgenerators, als mein Handyakku den einstelligen Bereich erreicht, und sich die ratlose Nachbarschaft auf der Straße versammelt. Zu meinem Vorteil war ich in meinem Leben mehr in Brandenburg zelten als auf Aida-Kreuzfahrten, obwohl ich in Lichterfelde wohne. Ein Nachbar sagt im Scherz „Eat The Rich“ und wird erst am nächsten Tag im Reiseradio hören, dass sein Sarkasmus unfreiwillig prophetisch war. Von einem Ast baumelt das vergessene Kletterseil eines Baumpflegers. Jemand kommentiert: „Ça ira – wie 1789“. Irgendwo in der Ferne dröhnt die unverständliche Ansage eines Lautsprecherwagens, begleitet von dem haarsträubenden Geräusch einer Notfallsirene. Ich denke sofort an Krieg, aber mir fällt kein passender Witz ein.
Jede Sabotage sollte im Zeichen von etwas Gutem stehen. Ein gemeinwohlorientierter Akt der Notwehr im Kampf gegen die fossile Energiewirtschaft. Ein Weckruf, der punktuell und in Serie geschaltet an die internationale Solidarität und das Ende der imperialen Lebensweise appellieren möchte. Ein Haka-Tanz auf dem Konfetti der letzten Jahrzehnte. Ich übe mich in Wutpflege. Nicht nur die aufgeblasene KI-Sprache des Bekennerschreibens macht mich wütend, auch nicht die vor Hohn triefende Anteilnahme und in Kauf genommenen Bauernopfer aus den vulnerablen Gruppen, sondern vor allem das, was es mit uns macht: die polemischen Schwurbeleien in den sozialen Netzwerken, die kriegsrhetorische Hetze, die Verschwörungstheorien, das gesammelte Halbwissen und die offensichtliche Unfähigkeit, politische Diskurse zu führen und auszuhalten.
Die Reichen wohnen woanders
Auch wenn der Strom wieder fließt – der apokalyptische Nachgeschmack bleibt. Der Berliner Südwesten mutete an vielen Stellen, je weiter man sich von Lichterfelde Richtung Potsdam bewegte, wie die Hauptverkehrsachse einer Geisterstadt an. Die vereiste Potsdamer Chaussee, tote Ampeln und ausgestorbene Tankstellen, die Fenster der Wohnhäuser und Schnellrestaurants zappenduster. Etwas Solidarität hier und da, Petroleumlampen und Notstromaggregate zu Wucherpreisen auf dem Marktplatz.
Weder hier noch in der massiv betroffenen Thermometersiedlung dürften die Reichen, die man sich laut Bekennerschreiben nicht mehr länger leisten kann, den politischen Aktivismus ausgebadet haben. Die eigentlichen Adressaten kamen doch sowieso erst wieder aus dem Skiurlaub in den Nobelorten Österreichs und der Schweiz zurück oder mieteten sich spontan ein Apartment im Hotel Vier Jahreszeiten um die Ecke, sobald die Bodenheizung streikte. De facto wohnen die Berliner Neo-Lord- und Ladyships längst nicht ausschließlich im Südwesten, sondern in den ausgebauten Dachgeschossen rund ums totgentrifizierte Stadtzentrum, vielleicht noch am Kudamm.
Ich höre oft: „Es ging nicht anders“, wenn man gefragt wird, warum man ausgerechnet nach Steglitz-Zehlendorf zieht. Tatsächlich sind die Mieten im Vergleich zum Bergmann-Kiez oder dem Winsviertel in vielen Quartieren hier noch verkraftbar. Eine Stadt wie Berlin ist viel zu komplex und divers, als dass sich ein als sozialökonomisches Feindbild deklariertes Narrativ an Bezirksgrenzen halten würde. Wie cringe, bitte, ist diese Willkür? In welcher feudalen Zeitschleife hängen die Saboteure fest und an welcher wird festgehalten? Hier wird ein irrationaler Endboss generiert, der unbesiegbar ist, weil es ihn in dieser Form nicht gibt, schon gar nicht in Steglitz-Zehlendorf. Die Villen, samt der in ihnen residierenden Bedrohung, sind nichts weiter als Windmühlen, vor denen die Saboteure wie ein weltfremdes Don-Quijote-Ensemble anmuten.
Jetzt sitzen wir alle im Dunkeln, ob mit oder ohne Strom. Denn es lässt sich nicht sicher sagen, ob hinter der Aktion tatsächlich die legendäre Vulkangruppe steckte oder nicht doch etwas oder jemand ganz anderes. War es linker Terror oder nicht doch die USA? War es ein von der AfD gebrieftes Russland oder simple Havarie? In Extremsituationen wie diesen zeigt sich umso mehr, wie gespalten, zerfasert und geschwächt die europäische Idee inzwischen zu sein scheint. Ein angreifbares Europa klingt realistischer als ein immunes. Die irrationale Angst vor Bedrohung und Destabilisierung schürt die Verunsicherung, um im Teltowkanal zu versickern. Dort, wo mit Blick auf die nationale Zerrissenheit, die Ukraine, Venezuela und Grönland, nichts zu reißen ist. Der Blackout war kein Haka, der Zusammenhalt, Identität und kollektive Kraft symbolisiert, sondern ein Eiertanz auf den Rücken der Falschen.