Es ist eines der berühmtesten Bilder der Welt, eines der wichtigsten der Kunstgeschichte sowieso. Allein schon daran gemessen, wie viele Anleihen und Persiflagen es darauf gibt – und dass es heute als prominente Zielscheibe für die üblichen Proteste auserkoren wird: 2024 wurde auf Gustave Courbets respektvoll als „Ursprung der Welt“, „L’Origine du Monde“, betiteltes Gemälde aus dem Jahr 1866 mit roter Farbe „Me too“ geschmiert. Ein Cunt-Pic von einem Mann? Das muss sofort gefahndet werden. Dabei hat die französische Künstlerin Orlan schon 1989 eine viel subtilere Antwort ersonnen und ihm ein veritables „Dick Pic“ entgegengesetzt: Ein unverstellt männliches Pendant, weniger schmeichelhaft „L’Origine de la Guerre“, Ursprung des Kriegs, genannt.

Dabei war damals das für damalige wie heutige Zeiten anscheinend skandalöse Bild Courbets noch gar nicht öffentlich zugänglich. Lang existierte es nur im Verborgenen, sogar im schamhaft bis vorsichtig Verhüllten. Schon Auftraggeber Khalil Bey, ein türkischer Diplomat in Paris, lüftete den Vorhang, den er vor das Bild montieren lassen hatte, nur zu später Stunde. Ähnlich legendär wie dieser muslimische Sammler vorwiegend von Frauenakten war der Nachbesitzer des Weltenursprungs: der französische Intellektuelle und Psychoanalytiker Jacques Lacan. Er ließ von André Masson eigens ein Deckbild malen, eine den Umrissen des Darunterliegenden penibel folgende Landschaft, die das ewig Weibliche – in dem Fall muss man wirklich sagen – ins Unterbewusste verbannte.

Sehnsucht nach Wien. Erst 1995 kam es ins Musée d’Orsay und wird seither dort streng gehütet als eines der Hauptwerke dieses großen Meisters des Realismus. Erst zweimal wurde es ins Ausland verliehen. 2008 etwa ins Metropolitan Museum New York, wo es ebenfalls nur hinter einem schwarzen Vorhang zu sehen war – Eintritt nur über 18 Jahre.

<u>Weltberühmt.</u> „Ursprung der Welt“, ­„L’Origine du Monde“, aus dem Jahr 1866, seinerzeit sehr skandalträchtig. 

Weltberühmt. „Ursprung der Welt“, ­„L’Origine du Monde“, aus dem Jahr 1866, seinerzeit sehr skandalträchtig.  Courbet Gustave (1819-1877)

Doch die Besucher im Leopold Museum sind Schiele-erprobt; ein perfektes Umfeld also für „L’Origine“, das ab Februar hier sozusagen der i-Punkt der ersten großen Courbet-Ausstellung in Österreich sein wird. Man muss sich nicht weit hinauslehnen, um zu prophezeien, dass dies wohl die bemerkenswerteste Ausstellung des Jahres 2026 in Österreich sein wird. Wie hat Leopold-Direktor Hans-Peter Wipplinger es nur geschafft? Nicht nur das „Ursprungsbild“, sondern auch andere zentrale Werke Courbets wie „Der Schlaf“, das zumindest erste bekannte Gemälde einer lesbischen Liebesszene, „Die Steinklopfer“ oder „Bonjour Monsieur Courbet“ zu ergattern?

„Wir haben acht Jahre an dem Projekt gearbeitet“, sagt Wipplinger. Zuletzt hatte er Glück und großes Unglück: Der neue Direktor des Musée d’Orsay, Sylvain Amic, war ein Courbet-Experte und sofort überzeugt von dem stimmigen Konzept Wipplingers. Er sagte zu. Und nur wenige Monate später verstarb er überraschend, eine Tragödie. Daher auch die Widmung des Katalogs an Amic, erklärt Wipplinger.

Was aber machte sein Konzept so zwingend? Diese erste Retrospektive ist eine Art späte Wiedergutmachung. Denn Courbet hatte eine unerfüllte Sehnsucht nach Wien, lernt man. Eine große Präsentation seiner Bilder war auf der Wiener Weltausstellung 1873 geplant, die sich allerdings aus politischen und organisatorischen Gründen, so Wipplinger, zerschlug. Der Maler dachte sogar, weiß man aus Zeitungsberichten und zumindest Antworten auf nicht erhaltene Briefe von ihm, darüber nach, nach Wien umzuziehen. Es wurde dann doch die Schweiz, wo er 1877 starb.

Vorreiter. „Der Schlaf“ oder „Le Sommeil“ (1866) ist das zumindest erste bekannte Gemälde einer lesbischen Liebesszene.

Vorreiter. „Der Schlaf“ oder „Le Sommeil“ (1866) ist das zumindest erste bekannte Gemälde einer lesbischen Liebesszene. IMAGO/H.Tschanz-Hofmann

Courbet war in diesen letzten Jahren verfolgt und in Frankreich extrem unter Druck geraten. Er hatte sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere stark für die sozialistische Pariser Kommune engagiert, nicht nur in seiner Kunst, wo er für damalige Verhältnisse schonungslos die „Wahrheit“ der arbeitenden Bevölkerung zeigte, sondern auch konkret gesellschaftspolitisch. Nach dem Sturz von Kaiser Napoleon III. regte er an, die Colonne Vendome, das Symbol des wiedererrichteten Kaisertums, zu stürzen. Mit ihrer effektiven Zerstörung, betont Wipplinger, hatte er zwar nichts zu tun. Die Idee aber kam von ihm, er fand das Denkmal mit der Napoleon-Statue schlicht „nicht mehr zeitgemäß“.

Nach Zerschlagung der Kommune schossen sich seine Feinde auf ihn ein, und von denen hatte der provokante Maler viele. Erst musste er neun Monate ins Gefängnis, dann wurde er dazu verurteilt, die Neuaufstellung der Säule zu bezahlen. 850.000 Francs, eine für ihn unmöglich zu begleichende Summe. Alles, was in seinem Atelier noch gefunden wurde, hat man gepfändet, Courbet flüchtete aus Frankreich. Fast wäre sein Ziel Wien gewesen. Doch die Habsburger-Monarchie hatte nicht auf Courbet gewartet. Ein guter Freund und Sammler wohl schon: Khalil Bey, Auftraggeber des „Ursprungs der Welt“, war damals in Wien stationiert.

»„Seine Lust an Provokation sowie seine revolutionäre Malweise prägten Generationen von Künstlern.“«

Wie präsent Courbets Kunst in der Stadt damals war, hat auch Wipplinger überrascht. Der Pariser Galerist Paul Durand-Ruel war hier sehr aktiv, wichtige, großformatige Werke Courbets waren über Jahre immer wieder zu sehen, sozusagen in Pop-up-Galerien des Pariser Galeristen oder im Österreichischen Kunstverein, in einem Zinshaus gegenüber dem heutigen Café Korb auf zwei Geschoßen situiert, eine Institution, die man heute gar nicht mehr kennt. 1850 war der Verein von Georg Friedrich Waldmüller gegründet worden, der viel verbrämter und verschlüsselter als Courbet, aber immerhin, die Armut und das Leid der Arbeiter dargestellt hatte.

Derlei Brücken zu Österreich haben Wipplinger interessiert, auch wenn die 105 Gemälde und 20 Grafiken, die man zeigen kann, vor allem zur Retrospektive des Gesamtwerks Courbets dienen. Auch aus der eigenen Sammlung stammen zwei Landschaftsbilder, die für die introspektive, stille Seite Courbets stehen. Warum Rudolf Leopold ausgerechnet diese zwei Gemälde gekauft hat, würde Wipplinger den 2010 verstorbenen Sammler gern fragen. Vielleicht, mutmaßt er, der Technik wegen, die auch in Österreich rezipiert wurde beziehungsweise Vergleichbares hervorbrachte, bei der eher gespachtelt als gemalt wurde.

Stundenlang könne er jedenfalls reden über Courbet, so viele Facetten habe dieses Werk. „Sein selbstbewusstes Auftreten, die Betonung künstlerischer Autonomie, seine Lust an Provokation sowie seine revolutionäre Malweise prägten Generationen von Künstlern“, findet Wipplinger. Paradigmatisch für dieses neue Selbstvertrauen steht das frühe Selbstporträt „Bonjour, Monsieur Courbet“ von 1854. Es zeigt Courbet bei der Begegnung mit einem seiner wichtigsten Sammler. Der stolze Maler erscheint dabei als zentrale Figur, viel mächtiger als der Mäzen, der ihm den Gruß entbietet, nicht umgekehrt. Und nur Courbet, weist Wipplinger hin, wirft einen Schatten. Er reicht bis in unser Heute. e

<u>Landschaftsmalerei.</u> Zwei Gemälde Courbets kommen aus der eigenen Sammlung. Etwa dieses Bild der normannischen Küste von Étretat.

Landschaftsmalerei. Zwei Gemälde Courbets kommen aus der eigenen Sammlung. Etwa dieses Bild der normannischen Küste von Étretat. 

Tipp

Retrospektive. Ausstellung zum französischen Realisten Gustave Courbet (1819–1877) im Leopold Museum in Wien, 19. Februar bis 21. Juni 2026.