Die Tragödie von Crans-Montana hat auch Frankreich aufgewühlt. Im Visier der Medien steht der Betreiber der Bar, Jacques Moretti. Nun ist er festgenommen worden. Die Walliser Staatsanwaltschaft begründete dies mit der Fluchtgefahr des 49-Jährigen.
Der Besitzer von «Le Constellation», Jacques Moretti, und seine Ehefrau Jessica wurden am Freitag von der Schweizer Staatsanwaltschaft vorgeladen.
Alessandro Della Valle / Keystone
Auch in Frankreich hat die Brandkatastrophe von Crans-Montana grosse Anteilnahme und Fassungslosigkeit ausgelöst. Nach jenen aus der Schweiz stammen die meisten Todesopfer aus dem westlichen Nachbarland. Neun französische Staatsbürger, unter ihnen drei Teenager und vier Männer und Frauen zwischen 20 und 26 Jahren, verloren in der Neujahrsnacht in der Bar «Le Constellation» ihr Leben.
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Intensiv berichteten die französischen Medien zunächst über die Ursachen der Katastrophe und widmeten den Opfern kurze Porträts. Etwa über den 14-jährigen Noa Thévenot El Kaim Billah aus Besançon, den jüngsten aller 40 Todesopfer. Angehörige, Trainer und Freunde beschreiben ihn als fröhlichen Jungen und leidenschaftlichen Fussballer, der in der Jugendmannschaft des Fussballvereins FC Lancy spielte.
Oder über die 24-jährige Cyane Panine aus Sète, die als Kellnerin in der Bar arbeitete. Ihre Familie sagte gegenüber dem Sender France 2, die lebenslustige junge Frau sei später vor dem Notausgang gefunden worden. Sie hätte sich und andere Gäste retten können, kritisiert die Familie – wäre die verdammte Tür bloss nicht verschlossen gewesen.
Morettis dunkle Vergangenheit
Im Zentrum der Kritik stehen nicht nur die Schweizer Behörden, sondern auch der Besitzer der Unglücks-Bar, Jacques Moretti. Denn in seinem Heimatland ist der gebürtige Korse kein Unbekannter. Die Zeitung «Le Parisien» erinnerte unmittelbar nach der Katastrophe daran, dass er 2008 wegen Zuhälterei ins Visier der französischen Justiz geriet. So soll Moretti in den Jahren 2004 und 2005 mehrere Frauen in Frankreich und der Schweiz als Prostituierte angeworben und finanziell ausgebeutet haben.
Die Staatsanwaltschaft warf ihm vor, die Frauen in einer Genfer Wohnung untergebracht zu haben, die als Massagesalon diente. Zwar wurde Moretti vom Vorwurf der schweren Zuhälterei in der Schweiz freigesprochen. Wegen entsprechender Taten in Frankreich aber verurteilte ihn das Gericht zu zwölf Monaten Haft, davon acht auf Bewährung.
Am Freitagmorgen wurden Jacques und Jessica Moretti von der Walliser Staatsanwaltschaft in Sitten einvernommen. Am Abend wurde bekannt, dass die zuständige Staatsanwältin Catherine Seppey die Festnahme Jacques Morettis angeordnet hatte. Seine Ehefrau wurde nicht in Gewahrsam genommen.
Wie das Portal «Léman Bleu» berichtet, ging es bei der Befragung am Freitagmorgen in Sitten nicht um konkrete Tatvorwürfe, sondern um die persönliche Situation des Paars. In den vergangenen Tagen hatten sowohl die Anwälte der Opfer als auch internationale Medien den Druck erhöht und eine Inhaftierung des Betreiberpaars gefordert.
Die zuständige Staatsanwältin begründet den Entscheid mit Fluchtgefahr. Der Entscheid muss innert 48 Stunden vom Zwangsmassnahmengericht bestätigt werden. Noch vor wenigen Tagen hatten die Walliser Strafverfolgungsbehörden erklärt, es bestehe kein Verdacht auf Flucht- oder Verdunkelungsgefahr. Das Paar hatte nach der Katastrophe erklärt, es sei «am Boden zerstört» und wolle uneingeschränkt mit den Behörden kooperieren.
Am Freitag erkannte Staatsanwältin Seppey zwar weiterhin keine Kollusionsgefahr, dafür aber eine Fluchtgefahr. Diese könne grundsätzlich durch Ersatzmassnahmen abgefedert werden, etwa durch das Tragen einer elektronischen Fussfessel oder die Leistung einer Kaution. Die Staatsanwaltschaft beantragt deshalb beim Zwangsmassnahmengericht, Jacques Moretti unter solchen Ersatzmassnahmen wieder auf freien Fuss zu setzen. Für Moretti gilt weiterhin die Unschuldsvermutung.
Wie kam Moretti zu seinem Geld?
Mit der Inhaftierung rückt auch die Vorgeschichte des Barbetreibers in den Vordergrund. Die französischen Medien stellten in den Tagen nach dem Brand wiederholt die Frage, wie ein Betreiber mit dieser Vorgeschichte überhaupt eine Bar führen durfte und ob die Kontrollen ausreichend waren. Berichte thematisierten auch Morettis wirtschaftliche Aktivitäten im Wallis. «Le Parisien» schrieb über Immobilienkäufe im Millionenbereich, die ohne Hypotheken erfolgt sein sollen.
Moretti lebt seit den frühen 2000er Jahren im Wallis, wo er sich ein kleines Immobilienimperium aufgebaut hat. So gehören ihm und seiner Ehefrau Jessica neben der Bar «Le Constellation» mehrere Einfamilienhäuser sowie weitere Gastrobetriebe. Im Grundbuch sind laut den Recherchen keine Fremdfinanzierungen eingetragen. Der Gesamtwert der Liegenschaften beläuft sich auf mehrere Millionen Franken. 2015 übernahmen die Morettis «Le Constellation».
Anwälte von Brandopfern äusserten öffentlich Zweifel an der Herkunft dieser Mittel. Der Jurist Sébastien Fanti sprach von einem «unheimlichen» Vermögenswachstum und verwies darauf, dass Moretti zunächst lediglich als Restaurantleiter tätig gewesen sei, bevor er innert kurzer Zeit Immobilien in Millionenhöhe bar bezahlt habe. Auch aus dem Umfeld der Ermittlungen heisst es nun, die finanziellen Verhältnisse des Paars könnten Teil der Abklärungen werden.
Nach dem Brand zog sich Moretti zurück. Er hielt sich mit seiner Ehefrau in einem Chalet wenige Kilometer von Crans-Montana entfernt auf und verweigerte jeden Kontakt mit Medien. Vertraute traten gegenüber Journalisten teilweise aggressiv auf; italienische Reporter berichteten von Drohungen und Beschimpfungen. Öffentlich erklärte Moretti lediglich, er und seine Frau seien vom Geschehen schwer getroffen. Zu Fragen des Brandschutzes, zu Fluchtwegen oder zu einem verschlossenen Notausgang äusserte er sich nicht.
Seit der Brandkatastrophe stehen alle Betriebe der Morettis still. Die Behörden schlossen die Herberge «Le Vieux Chalet» in Lens sowie ein Burger-Restaurant in Crans-Montana.
Auch Paris ermittelt
Das Verfahren in der Schweiz wird von der Pariser Staatsanwaltschaft genau verfolgt. Wie Staatsanwältin Laure Beccuau mitteilte, hat Frankreich eine eigene Vorprüfung aufgenommen. Sie soll dazu dienen, die Interessen der französischen Opfer zu wahren und den Austausch mit den Schweizer Behörden zu erleichtern. Ein eigenes Strafverfahren in Frankreich sei nicht geplant; massgeblich blieben die Ermittlungen der Walliser Justiz.
In Paris will man dieses Vorgehen nicht als Misstrauensvotum gegen die Schweizer Justiz verstanden wissen. Solche parallelen Vorprüfungen sind in Frankreich üblich, wenn bei schweren Unglücken im Ausland zahlreiche eigene Staatsangehörige betroffen sind. Gleichwohl signalisiert die Einbindung der Pariser Staatsanwaltschaft, dass Frankreich bei der Aufklärung der Katastrophe von Crans-Montana nicht auf Distanz bleiben will – und erwartet, dass die Ermittlungen rasch vorankommen.