Am 7. Januar 2026 veröffentlichte Donald Trump über seinen Kanal Truth Social eine ungewöhnlich scharfe Kritik an Raytheon. Der US-Präsident warf dem Rüstungskonzern vor, Aktienrückkäufe und Dividenden über den Ausbau von Produktionskapazitäten zu stellen, zu langsam zu liefern und damit die Einsatzbereitschaft der US-Streitkräfte zu gefährden. Zugleich stellte Trump künftige Regierungsaufträge infrage, sollte das Unternehmen seine Prioritäten nicht grundlegend ändern.
Screenshot Donald Trump auf Truth Social
Was auf den ersten Blick wie ein präsidialer Affront wirkt, ist Teil einer tiefergehenden Neuordnung der amerikanischen Rüstungsbeschaffung. US-Verteidigungsminister Pete Hegseth hatte diesen Kurswechsel bereits zuvor programmatisch umrissen. Beschaffung, so Hegseth, sei keine administrative Unterstützungsfunktion mehr, sondern ein integraler Bestandteil militärischer Einsatzfähigkeit. Geschwindigkeit, Produktionsvolumen und Verfügbarkeit sollen Vorrang vor formaler Vollständigkeit, maximaler Spezifikationstiefe und langwierigen Abstimmungsprozessen erhalten.
Systemische Verschiebung in Washington
Damit wird ein Bruch mit der bisherigen Funktionslogik der amerikanischen Rüstungsbeschaffung sichtbar. Über Jahrzehnte war sie darauf ausgerichtet, Anforderungen möglichst vollständig zu definieren, Verantwortlichkeiten formal abzusichern und rechtliche wie institutionelle Haftungsrisiken zu kontrollieren – häufig zulasten von Zeit, Produktionsgeschwindigkeit und Anpassungsfähigkeit. Die nun eingeleitete Reform folgt einer anderen Logik: Ein höheres Beschaffungs- und Entwicklungsrisiko wird bewusst in Kauf genommen, um das operative Risiko zu senken. Verfügbarkeit und Liefertempo rücken damit in den Vordergrund; Verzögerungen gelten nicht länger als systembedingt, sondern als Ausdruck industrieller Prioritätensetzung. Mit unmittelbaren Konsequenzen für Vertragsgestaltung und Auftragsvergabe.
Das Timing dieser Neujustierung erklärt sich aus handfesten Lieferkettenrealitäten. Zwar haben die USA ihre Produktion von 155-Millimeter-Artilleriemunition seit 2022 deutlich gesteigert, liegen aktuell jedoch mit rund 40.000 Schuss pro Monat weiterhin klar unter dem eigenen Zielwert von 100.000. Auch bei der bodengebundenen Luftverteidigung zeigt sich struktureller Druck: Der Ausbau der Produktionskapazitäten für Patriot-Abfangflugkörper ist auf mehrere Jahre angelegt, langfristige Lieferprogramme erstrecken sich teils bis an das Ende des Jahrzehnts. Beim Kampfflugzeug F-35 stellt sich die Lage differenzierter dar. Nach erheblichen Verzögerungen infolge von Software- und Abnahmeproblemen in den Jahren 2023 und 2024 konnten diese Rückstände 2025 weitgehend aufgeholt werden; das Programm verzeichnete zuletzt Rekordauslieferungen. Gleichwohl verdeutlichen gerade die Engpässe der vergangenen Jahre, wie begrenzt die kurzfristige Skalierbarkeit selbst zentraler US-Rüstungsprogramme unter anhaltendem Hochintensitätsbedarf bleibt.
Auswirkungen jenseits der USA
Was als innenpolitische Systemkorrektur beginnt, bleibt nicht auf die Vereinigten Staaten beschränkt. Für Verbündete, die in zentralen Fähigkeitsbereichen auf amerikanische Lieferketten angewiesen sind, verändert sich damit das strategische Kalkül. Wenn nationale Priorisierung, verkürzte Zeithorizonte und operative Dringlichkeit die US-Beschaffung dominieren, rückt für europäische Streitkräfte nicht mehr allein die militärische Leistungsfähigkeit eines Systems oder einzelner Produkte in den Fokus, sondern deren verlässliche Verfügbarkeit – unabhängig von politischen oder industriellen Engpässen jenseits des Atlantiks.
Bereits in den vergangenen Jahren kam es zu Verzögerungen, Umpriorisierungen und Umlenkungen zugunsten der US-Streitkräfte, insbesondere bei Flugabwehrsystemen und Lenkflugkörpern. Vor diesem Hintergrund gewinnen europäische Produkte und Systeme an Attraktivität, nicht zuletzt aus Gründen der Verfügbarkeit und Planbarkeit. Entscheidungen wie die dänische Wahl des europäischen SAMP/T-NG-Systems oder der beschleunigte Ausbau europäischer Munitionsfertigung sind Ausdruck dieser Entwicklung.
In NATO und EU waren diese Abhängigkeiten bislang politisch akzeptiert. Verfügbarkeit, Lieferzuverlässigkeit und Integrationsfreiheit galten als gegeben. Die aktuelle US-Reform stellt diese Annahmen jedoch infrage. Wenn Produktionskapazitäten, Modernisierungsschritte oder Nachbeschaffungen künftig stärker national priorisiert werden, entstehen für europäische Marinen planerische Unsicherheiten – nicht akut, aber strukturell.
Konsequenzen für europäische Planung
Die Folge ist kein abrupter Bruch, wohl aber ein wachsender Druck zur Diversifizierung. Im maritimen Bereich bedeutet dies, Alternativen zumindest offen zu halten: europäische Führungs- und Waffeneinsatzsysteme, eigenständig verfügbare Effektoren sowie – perspektivisch – europäische land- und seegestützte Präzisionswaffen. Ebenso rücken Fragen der Software-Souveränität, der Waffenfreigabe im Einsatz und der langfristigen logistischen Steuerbarkeit stärker in den Fokus.
Dabei geht es weniger um eine politische Abkehr von den USA als um eine nüchterne Neubewertung von Abhängigkeiten. Investitionen in europäische Produktionskapazitäten, gemeinsame Beschaffungsvorhaben und industriepolitische Kooperationen zielen auf Versorgungssicherheit, Planbarkeit und Handlungsspielräume im Krisenfall. Diese Investitionen entfalten strukturelle Wirkung – unabhängig davon, wie sich das politische oder industriepolitische Klima in Washington künftig entwickelt.
Fazit
Trumps öffentliche Kritik an Raytheon ist weniger Auslöser als Beschleuniger einer Entwicklung, die sich bereits seit Beginn des Ukrainekrieges abzeichnet. Die Reform der US-Rüstungsbeschaffung verändert Anreizstrukturen, Prioritäten und Lieferketten. Für Europa bedeutet dies keine Abkehr von transatlantischer Zusammenarbeit, wohl aber eine strategische Anpassung: Verfügbarkeit, industrielle Steuerbarkeit und realistische Zeithorizonte werden zu zentralen Kriterien sicherheitspolitischer Planung.
Zentrale US-Systeme in europäischen Streitkräften (Auswahl)
Schwerer Transporthubschrauer:
CH-47 (UK/NL/IT/ES/GR/TR; DE 60 CH-47F Block II notifiziert)
Utility/Attack: UH-60M (HR/LV/LT/SE
AH-64E (UK; NL, PL
CH-47
Torpedos (ASW): Mk 54 LWT (DE: bis zu 80 für P-8A; NL: 106 Umrüstkits; NO: Mk 54 Mod 0.
Schwergewicht: Mk 48 Mod 7AT (NL)
AMRAAM (AIM-120D-3): DE, PL, FI
AIM-9X Block II: NO, FI (AIM-9X)
AGM-154 JSOW als Luft-Boden-Standoff
JASSM/JASSM-ER (AGM-158): FI, PL.
JAGM (AGM-179A): NL.
MH-60R (DK in Nutzung; NO/ES bestellt; GR Zulauf
CSAR/SAR: HH-60W (NO)
Anmerkung: Besteht die Abhängigkeit häufig bei der ‚Hardware‘ so wird sie bei Zertifizierung von Missionssystemen, Software-Updates, Ersatzteilen/Upgrades gerade in der Nachbeschaffung und Priorisierung in Hochlastphasen virulent.
Hinzu kommt:
- HALE: NATO-eigene strategische Aufklärung. RQ-4D “Phoenix” (Global Hawk-Derivat) – NATO AGS / NISRF. Keine nationale Beschaffung, sondern ein NATO-Programm mit fünf RQ-4D im Bestand.
- MALE
- MQ-9A Reaper (Predator B) – national betrieben
- Frankreich: hat die Reaper-Flotte modernisiert (Block-5 ER statt Block-1).
- Italien: betreibt MQ-9A.
- Spanien: FMS-freigegeben.
- Niederlande: MQ-9 Reaper im Betrieb.
- Polen: betreibt geleaste MQ-9A Reaper
- MQ-9B-Familie (SkyGuardian/Protector) – „Next Gen“ in Europa
- Vereinigtes Königreich: Protector RG Mk1 (MQ-9B) RAF führt den Typ als Nachfolger/Weiterentwicklung im ISTAR-/Strike-Profil.
- Belgien: MQ-9B SkyGuardian – Im Zulauf.
- Dänemark: 4 MQ-9B SkyGuardian für arktische ISTAR-Missionen (Beschaffung über NSPA/GA-ASI, Lieferfenster 2028–2029)
- Taktische Aufklärung (klein, massenhaft)
- Raven/Wasp/Puma (AeroVironment): NSPA-Mehrjahresverträge und Beschaffung/Sustainment für NATO-Nutzer sind ohne Nennung dokumentiert.
- ScanEagle (Insitu/Boeing).
- MQ-9B-Familie (SkyGuardian/Protector) – „Next Gen“ in Europa
- MQ-9A Reaper (Predator B) – national betrieben
Wo gibt es realistische Alternativen?
A) Kurzfristig realistisch (0–3 Jahre): „Resilienz statt Ersatz“
- Positioning, Navigation and Timing (PNT): GPS-basierte Positions- und Zeitreferenz ist ein Querschnittsfundament für Führung, Sensorik und Waffenwirkung. Resilienz entsteht primär über Multi-PNT (GPS + Galileo (Public Regulated Service, PRS), Inertial Navigation Systeme (INS) und terrestrische Ergänzungen), nicht über eine singuläre „Ablösung“.
- SATCOM: Multi-Orbit-Mix (militärisch + GovSatcom-Ansätze + kommerzielle Kapazitäten) und Terminal-Diversifizierung; Ziel: Ausfall-/Priorisierungsrisiko senken, nicht „USA ersetzen“.
- Link-16: Nicht ersetzbar kurzfristig, aber Resilienz über NATO-Governance, Krypto-Modernisierung, nationale „Mission Networks“ als Backup.
B) Mittelfristig realistisch (3–10 Jahre)
- Bodengebundene Luftverteidigung: SAMP/T NG (Aster) als Patriot-Alternative/Ergänzung (bereits real in Europa, aber nicht überall skaliert).
- Maritime Luftverteidigung/Point Defence: Aster/CAMM/ESSM-Kooperationen als Wege, US-Anteile zu reduzieren (ESSM bleibt multinational, aber US-Lead).
- Luft-Effektoren: Europäische AAM/AGM (z. B. Meteor, IRIS-T-Derivate, Storm Shadow/SCALP-Familie – abhängig von Nutzer/Plattform) können US-Effektoren teilweise ersetzen, sind aber nicht universell integrierbar (Plattform-/Freigabe-/Produktionsfragen).
- Maritime Aufklärung: Plattformersatz für P-8A ist mittelfristig möglich (MAWS/sonstige), aber derzeit bleibt P-8A in vielen Marinen „gesetzt“.
C) Sehr langfristig
- Vollständiger Ersatz der Standard-Missile/Tomahawk-Ökosysteme ohne Fähigkeitsverlust (insb. IAMD-Tiefe + globale Reichweiten) – teuer, industriell langwierig, politisch anspruchsvoll.
- Ersatz von Link-16 als NATO-Standard in kurzer Zeit – unrealistisch; eher evolutionäre Ergänzung (z. B. zusätzliche Datenlinks/Netzschichten).
Hans Uwe Mergener
