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Deutschlands Wirtschaft steckt in einer Strukturkrise. 23 Dax-Konzerne verzeichnen Verluste, während sie international profitabel sind. Investoren meiden den Standort.

Berlin – Deutschlands Wirtschaftsstandort gerät zunehmend unter Druck. Eine interne Analyse der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young offenbart ein besorgniserregendes Muster: 23 der 40 DAX-Konzerne schreiben mit ihren deutschen Töchtern seit mehr als einem Jahr Verluste, während ihre Gesamtgruppen profitabel arbeiten. Neun dieser Unternehmen leiden bereits seit über vier Jahren unter dieser Schieflage.

Bundeskanzler Friedrich Merz zeichnet Anfang des Jahres in einem vierseitigen Schreiben an die Bundestagsabgeordneten von Union und SPD ein kritisches Bild. „Die Lage der deutschen Wirtschaft ist in einigen Bereichen sehr kritisch“, heißt es in dem Brief. Der Kanzler wird deutlich: „Große Industriezweige stehen ebenso wie erhebliche Teile des Mittelstandes und des Handwerks vor gewaltigen Herausforderungen, in vielen Unternehmen gehen Arbeitsplätze verloren.“

DAX-Konzerne profitabel im Ausland – Verluste in Deutschland

Die wirtschaftliche Schieflage zeigt sich auch in der Gesamtbetrachtung. Die 100 umsatzstärksten deutschen Unternehmen erwirtschafteten in den ersten neun Monaten 2025 zwar einen leicht höheren Gesamtumsatz von rund 1,55 Billionen Euro – ein Plus von 0,6 Prozent. Doch der Gewinn vor Steuern und Zinsen schrumpfte um 15 Prozent auf 102 Milliarden Euro, wie aus einer Analyse von EY hervorgeht. „2025 war ein weiteres Krisenjahr für die deutsche Wirtschaft“, erklärte EY-Experte Jan Brorhilker.

Besonders dramatisch entwickelte sich die Situation in Schlüsselindustrien: Der Gesamtumsatz von Volkswagen, BMW und Mercedes-Benz sank zwar nur um zwei Prozent, doch der Gewinn im Tagesgeschäft brach um 46 Prozent auf rund 17,8 Milliarden Euro ein. Noch drastischer fiel der Gewinneinbruch bei den Chemiekonzernen mit minus 71 Prozent aus.

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Die Attraktivität Deutschlands für Investoren schwindet rapide. Während vor vier Jahren noch zwei Drittel insolventer Unternehmen gerettet werden konnten, liegt die Quote mittlerweile deutlich unter 50 Prozent, wie Daten der Unternehmensberatung Falkensteg zeigen. „Wir bekommen in unseren internationalen M&A-Prozessen mittlerweile sehr häufig die Rückmeldung, dass Investoren ganz grundsätzlich in Deutschland nicht mehr investieren“, berichtete Falkensteg-Partner Jonas Eckhardt. „Deutsche Unternehmen sind in vielen Branchen einfach raus.“ Die Liste gescheiterter Traditionsunternehmen wird dabei immer länger: Weltmarktführer Mayer & Cie., die Autozulieferer AE Group und Allgaier, Autoverleiher Starcar, Modekette Gerry Weber sowie die deutschen Standorte von Meyer Burger mussten schließen.

Die chronisch roten Zahlen in der Heimat könnten laut EY-Analyse eine regelrechte Kettenreaktion in den Unternehmen auslösen. So müssten sich Konzerne die Frage stellen, wie werthaltig bestehende Verlustvorträge hierzulande noch seien, wenn diese auf absehbare Zeit nicht mehr mit Gewinnen verrechnet werden könnten. Dies könnte die tatsächliche Steuerlast der Unternehmen erhöhen und damit den Standort Deutschland weiter verschlechtern. Zudem stelle sich die Frage, ob Konzerne nicht Dienstleistungen, Forschungsaktivitäten oder Patente entsprechend der veränderten Wertschöpfung ins Ausland verlagern müssten. In der Automobilbranche ist diese Entwicklung bereits erkennbar: VW-Chef Oliver Blume kündigte Ende November bei der Eröffnung eines Entwicklungszentrums in der chinesischen Stadt Hefei an, Volkswagen wolle am weltgrößten Automarkt zum globalen Technologietreiber werden.

Stellenabbau für 2026 prognostiziert: Know-how-Verlagerung ins Ausland belastet Standort

Die Krise hinterlässt deutliche Spuren am Arbeitsmarkt. Zwischen Januar und September 2025 verloren die 100 größten deutschen Unternehmen 17.500 Arbeitsplätze. Seit 2023 summiert sich der Stellenabbau auf rund 100.000 Jobs. Eine Trendwende ist nicht in Sicht – im Gegenteil: Laut einer Erhebung des Instituts der deutschen Wirtschaft erwarten 22 von 46 befragten Wirtschaftsverbänden für 2026 weiteren Personalabbau. Lediglich neun Verbände rechnen mit Zuwächsen, 15 prognostizieren stagnierende Beschäftigtenzahlen. Betroffen sind vor allem beschäftigungsintensive Sektoren wie Metall-, Chemie- und Stahlindustrie sowie Automobilbau, Maschinenbau und Handwerk. „Wer auf ein baldiges und umfassendes Ende der Wirtschaftskrise gehofft hat, wird auch 2026 enttäuscht“, erklärte IW-Direktor Michael Hüther.

Die EY-Analyse beobachtet außerdem eine kontinuierlich steigende Wertschöpfungstiefe in Forschung und Entwicklung bei chinesischen Tochtergesellschaften deutscher Konzerne. Die Folge: Hochqualifizierte Arbeitsplätze und Know-how gehen verloren, Lizenzeinnahmen für geistiges Eigentum sinken, was wiederum die in Deutschland zu versteuernden Gewinne reduziert.

Katherina Reiche und Lars Klingbeil im Gespräch.Steuerliche Entlastungen beschlossen: Bundesfinanzminister Lars Klingbeil und Bundeswirtschaftsministerin Reiche wollen Unternehmen stärken. Ob das gegen die Standortkrise hilft, bleibt offen. © IMAGO / photothek
Regierung reagiert mit Investitionsbooster – IHK München: „Wichtiges Signal, aber nur ein erster Schritt“

Als Reaktion auf die Krise hat die Bundesregierung das Gesetz zur steuerlichen Förderung privater Investitionen in Deutschland – auch als Investitionsbooster bekannt – auf den Weg gebracht. Das am 18. Juli 2025 im Bundesgesetzblatt verkündete Gesetz sieht drei zentrale Maßnahmen vor: Eine Investitionsprämie von zehn Prozent auf bewegliche Wirtschaftsgüter des Anlagevermögens, die zwischen dem 1. Januar 2025 und dem 31. Dezember 2028 angeschafft werden. Die Prämie wird als Steuergutschrift gewährt und mindert die Körperschaftsteuer oder Einkommensteuer. Eine Sonder-Abschreibung für Gebäude: Unternehmen können für neue Betriebsgebäude im Jahr der Fertigstellung und in den folgenden vier Jahren jeweils bis zu 6 Prozent der Anschaffungskosten zusätzlich abschreiben – insgesamt bis zu 30 Prozent. Eine verbesserte Verlustverrechnung: Der Verlustrücktrag wird von bisher einer Million auf drei Millionen Euro verdreifacht. Zudem wird die Mindestbesteuerung gelockert, sodass Verluste besser mit Gewinnen verrechnet werden können.

Die IHK für München und Oberbayern begrüßt das Gesetz als „wichtiges Signal“, mahnt aber weitere Reformen an. „Der Investitionsbooster kann helfen, kurzfristig Anreize zu setzen. Doch ohne grundlegende Strukturreformen bei Energiekosten, Bürokratie und Infrastruktur wird Deutschland im internationalen Wettbewerb weiter zurückfallen“, erklärte ein IHK-Sprecher.

Trotz der düsteren Gesamtlage gibt es auch vereinzelte Hoffnungsschimmer: 19 von 49 befragten Wirtschaftsverbänden erwarten für 2026 höhere Produktion oder Umsätze. „Ein Ende der Misere ist in Sicht“, sagte Hüther. Eine „leichte Stimmungsaufhellung“ werde erkennbar. Profiteure sind vor allem Branchen, die vom Sondervermögen und steigenden Verteidigungsausgaben profitieren – etwa Luft- und Raumfahrt, Schiffbau oder Teile des Baugewerbes. Auch der Dienstleistungssektor meldet Verbesserungen gegenüber dem Vorjahr. EY-Experte Brorhilker zeigt sich dennoch nur vorsichtig optimistisch: „Von der deutschen Autoindustrie gab es im Jahr 2025 vor allem schlechte Nachrichten. Aber die strategische Neuausrichtung und starke neue Modelle, auch und gerade im Elektrosegment, bieten durchaus Chancen, dass das Tal der Tränen bald durchschritten sein wird.“ (ls)