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Die Pflege steckt in der Krise: Der Fachkräfteengpass ist enorm – und wird in den kommenden Jahren noch viel schlimmer. Was hilft gegen die Entwicklung?

Frankfurt – Das Gesundheitswesen leidet unter einem massiven Fachkräftemangel. Mit fast 50.000 rechnerisch nicht besetzbaren Stellen stehe die Branche ganz oben auf der Liste der Berufe mit dem größten Engpass, wie das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Ende des vergangenen Jahres erklärte. Besonders im Fokus: die Pflege.

Eine Pflegekraft egt einer Patientin eine Infusion.Die Pflege ist selbst ein Pflegefall: Im Gesundheitswesen ist der Fachkräftemangel mit am größten, dabei steigt der Bedarf erst noch. © Oliver Dietze/dpa

Während der Bedarf an Pflegeplätzen durch eine alternde Gesellschaft und die steigende Zahl der Pflegebedürftigen zunimmt, stellten die IW-Ökonomen 2025 einen sofortigen Bedarf von über 7000 Pflegekräften fest. In der Zukunft soll sich der Fachkräftemangel noch deutlich verschärfen. Die Pflegevorausberechnung geht für das Jahr 2049 mit einem Bedarf rechnet gar mit einem Bedarf von 280.000 bis 690.000.

Pflege braucht dringend Fachkräfte: Erhalt von aktuellen Mitarbeitenden als Schlüssel

Bei der Suche nach Fachkräften in der Pflege geht der Blick immer wieder ins Ausland. Felix Westphal, Co-Gründer von Pflegia, einem Jobportal speziell für Pflegekräfte, sieht das allein nicht als die Lösung an. Zentral sei die Frage, „wie viele Personen in der Pflege gelernt, aber die Branche mittlerweile verlassen haben“, erklärte er im Gespräch mit Ippen.Media. Dazu sei „entscheidend“, wie aktuelle Beschäftigte in der Branche gehalten werden, die über einen Ausstieg nachdenken.

Denn viele Beschäftigte sind mit ihren Arbeitgebern und den Bedingungen in der Pflege nicht zufrieden. In einer Pflegia-Umfrage gaben 29 Prozent der Befragten an, unzufrieden zu sein. Nur knapp ein Drittel ist dagegen zufrieden. 39 Prozent bewerteten ihre Arbeitsbedingungen als „neutral“.

Arbeitsbedingungen und Perspektiven für Pflegekräfte wichtig

Vor allem Rahmenbedingungen seien wichtig, erklärte Westphal. Das betreffe vor allem die Arbeitsbelastung. „Wie viele Schichten mache ich? Wie häufig muss ich einspringen? Wie häufig fallen Kollegen weg?“ Das sind Fragen, die sich Menschen in der Pflege laut der Betreiber des Jobportals stellen. „Das ist mit der Grund Nummer eins, den wir hören, wenn Leute vorzeitig aus dem Job ausscheiden, dass sie sagen: ‚Es war einfach zu viel‘.“

Engpässe belasten Wirtschaft: In diesen 15 Berufen ist der Fachkräftemangel am größtenEin Koch steht an einer Arbeitspfläche in einer Küche und richtet seine Zutaten, darunter sind Tomaten.Fotostrecke ansehen

Dazu minderten auch begrenzte Entwicklungsmöglichkeiten die Attraktivität des Pflegeberufs. Weiterbildungsversprechen würden teils nicht eingehalten, sagte Westphal. Gerade junge Beschäftigte wollten sich weiterentwickeln. Doch in der Praxis würde das häufig aufgeschoben. „Oder sie erhalten nicht die nötige Zeit dafür, oder es fehlen die finanziellen Mittel, um die Weiterbildung zu unterstützen“, sagte Westphal. Dazu würden die Kompetenzen im Vergleich eingeschränkt. Den Fachkräften fehle es an eigenverantwortlichem Handeln, etwa wenn es um Medikamente gehe.

Einrichtungen müssten mit positiven Entwicklungen des Pflegeberufs werben – Gehalt steigt weiter

Neben der Arbeit an diesen Themen müssten die Einrichtungen bei der Suche nach Pflegekräften aber auch die positiven Seiten hervorheben. „Sie müssen auch betonen, welche Themen sich verbessert haben, das wird häufig außen vor gelassen in der öffentlichen Debatte“, so Westphal. Dabei sieht er das Gehalt als ein Beispiel. Das habe sich über die letzten Jahre „sehr positiv entwickelt“. Tatsächlich steigt etwa der Pflegemindestlohn am 1. Juli 2026 für Fachkräfte auf 17,80 Euro. Zum 1. Juli 2027 sollen sie 18,26 Euro bekommen. Hilfskräfte erhalten zunächst 16,52 Euro, dann 16,95 Euro pro Stunde. Damit liegt die Vergütung über dem allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn, der 2026 bei 13,90 Euro und 2027 bei 14,60 Euro liegt.

Aktuell 17,35 € 16,10 € Ab 1. Juli 2026 17,80 € 16,52 € Ab 1. Juli 2027 18,26 € 16,95 €

Westphal fordert deshalb eine „aktive Ansprache von gelernten Pflegekräften, die nicht mehr in der Branche tätig sind“. Diese müssten „gezielt“ abgeholt werden. „Sie hatten ihre Gründe, weswegen sie die Branche verlassen haben“, sagte der Branchenkenner. „Wir müssen mehr Zuversicht wagen in der Branche und nicht alles immer nur schlechtreden – es gibt auch Punkte, die sich verbessern, und diese müssen aktiv kommuniziert werden.“ (Quellen: Institut der deutschen Wirtschaft, Statistisches Bundesamt, Felix Westphal, Pflegia, Bundesministerium für Arbeit und Soziales)