Schon als Kind war Inga Sempé, geboren 1968, fasziniert von den Dingen, die sie umgaben. Die sonntäglichen Flohmarkt-Streifzüge, die sie mit ihrer Mutter durch Paris unternahm, seien ihre Designausbildung gewesen, erzählte sie einmal. Ein Studium an der Ecole Nationale Supérieure de Création Industrielle machte die Tochter zweier Kreativer (ihr Vater, Jean-Jacques Sempé, zeichnete den „petit Nicolas“) dann auch ganz offiziell zur Gestalterin. Wirft man heute einen Blick auf all die von ihr bisher entworfenen Objekte, versteht man, was sie damit meint, dass es sie nicht interessiere, Design auf einen Sockel zu stellen, als wäre es Kunst. Ihre Entwürfe sollen vielmehr im Alltag bestehen und ihren Nutzern dienen. Das „Ruché“-Sofa für Ligne Roset mit seinem zarten Gestell und dem Bezug, der an eine Waffeldecke erinnert, entstand 2010 und wurde zum Neo-Klassiker.

Auch Kreationen wie die Leuchtenserie „Matin“ für Hay, leicht zu erkennen an ihrem plissierten Lampenschirm in bunten Farben, sind aus der internationalen Wohnwelt nicht mehr wegzudenken. So gut wie alle großen Hersteller haben bereits auf Sempés kreatives Repertoire zurückgegriffen, sie gilt in Frankreich als wichtigste Designerin der Gegenwart. Dass zur Marke „Inga Sempé“ auch der Ruf als „schwierige Frau“ gehört? „Es ist wichtig, schwierig zu sein – wenn das bedeutet, dass Sie es nicht allen recht machen wollen und nicht jeden Wunsch erfüllen“, hat sie einmal in einem Interview gesagt. Sich einer männerdominierten Branche zu beugen, nur um nicht anzuecken, kam für die Entwerferin nie in Frage. Inga Sempé macht lieber ihr eigenes Ding.

Inga Sempé

Inga Sempé Nanimarquina

Sie entwarf Leuchten, die zugleich Vase und Aschenbecher sind, brachte Tische zum Rollen und machte im Rahmen eines sieben Jahre dauernden Mammutprojekts aus einem Bahnhof ein Museum. Letzteres, das Musée d’Orsay in Paris, kennen wohl die meisten, seine Architektin hingegen ist eher etwas für Insider. Gae Aulenti also, um sie soll es diesmal gehen. Aulenti kam 1927 in der Provinz Udine zur Welt, studierte später Architektur am berühmten Politecnico in Mailand und machte sich in der männerdominierten Welt des Designs bald einen Namen als gefragte Gestalterin. Sie entwickelte Einrichtungsgegenstände für Poltronova, Olivetti, Artemide, Knoll: Tische, Stühle, immer wieder auch Lampen und Leuchten. Ihre „Pipistrello“-Leuchte für Martinelli Luce ist mit ihrem an Fledermausflügel erinnernden Schirm auch heute in den Wohnzimmern Stilbewusster rund um die Welt zu finden und gilt als Ikone der Objektgestaltung – die Strömung des Neoliberty beeinflusste ihre Ästhetik, eine moderne Reinterpretation des Jugendstils.

Sie sei, so soll Gae Aulenti in einem Interview einmal gesagt haben, gegen alles, was statisch ist: „Ich mag Dinge, die sich verändern.“ So realisierte sie im Laufe ihrer rastlosen Karriere 700 Projekte, entwarf neben Möbelstücken auch Kunst- und Kultureinrichtungen, Geschäfte und Bühnenbilder. Ihr eine spezifische Handschrift zuzuordnen ist schwierig und war von der Designerin auch gar nicht gewünscht. ­Jeder Auftrag, jeder Raum, jeder Ort erfordere eine eigene Herangehensweise. Gae Aulenti starb 2012 in Mailand.

Gae Aulenti

Gae Aulenti Leonardo Cendamo/Getty Images

Charlotte Perriand gilt als Grande Dame der Objektgestaltung, wiederentdeckt wurde sie aber erst nach der Jahrtausendwende. Seither widmen sich Institutionen regelmäßig dem Schaffen der Französin, aktuell etwa die Kunstmuseen Krefeld. Im kommenden Jahr steht Perriands fotografisches Werk im Zentrum einer Schau im Museum der Moderne in Salzburg. Ihre facettenreiche Biografie gibt freilich genug her, um immer wieder neu belichtet zu werden. Mit dem Entwurf einer Wohnzimmerbar aus Stahlrohr fiel die 1903 Geborene erstmals auf, auch Le Corbusier zeigte sich von der Kühnheit ihres Entwurfs angetan, er engagierte sie – nicht ohne zuvor seine Skepsis weiblichen Kreativen gegenüber klarzumachen.

Mit dem Satz „Wir besticken hier keine Polster.“ soll er auf ihre erste Bewerbung 1927 reagiert haben. Zunehmend autonom entwarf Charlotte Perriand in Folge die Inneneinrichtung für Le Corbusiers Häuser. Die Liege „LC4“, auch bekannt als „Corbusier-Liege“, avancierte zur Designikone. Der Name ihrer eigentlichen Erfinderin wurde – wie so häufig – erst am Rande erwähnt, später vergessen. Man muss sich Charlotte Perriand dennoch als fröhliche Frau vorstellen, als solche wird sie stets beschrieben. Ihr Entdeckerinnengeist, aber auch ihr Gerechtigkeitssinn trieben die Entwerferin an. So spiegelte sich ein langjähriger Aufenthalt in Japan ebenso in ihren modernistischen Möbelstücken wider wie Überlegungen zu Obdachlosigkeit und Kinderbetreuung. Spätestens aber mit dem Skiresort Les Arcs schrieb sich Perriand fest in die Designgeschichte ein.

Charlotte Perriand

Charlotte Perriand 

Wie beschreibt man die Ästhetik einer Gestalterin, deren wichtigste Ausdrucksmittel materiell kaum greifbar sind? Begriffe wie „sphärisch“ und „berauschend“, „transzendental“ gar, schweben da durch den Raum, wo die Arbeiten von Sabine Marcelis auftauchen. Wer mit Licht arbeitet, erklärte sie in einem Interview mit der deutschen „FAZ“, dem geht nie die Inspiration aus. Ebenso dürfte es sich mit Farben so verhalten, immerhin brauchen auch sie das Licht, um in Erscheinung zu treten. Marcelis, 1985 in den Niederlanden geboren, wuchs in Neuseeland auf. Sie kehrte zurück, um die Design Academy in Eindhoven zu absolvieren, gründete später ihr eigenes Studio in Rotterdam.

Ihre „Candy Cubes“, ursprünglich für die Shops der Modemarke Céline erdacht, machten die Gestalterin in der Szene weithin bekannt: An die namensgebenden Fruchtgummis oder auch Seifenstücke erinnern die bunten Kunstharzwürfel. Ob die „Cubes“ Hocker, Tisch oder Skulptur sind, bleibt offen, wie so vieles im Schaffen von Sabine Marcelis. Strengen Kategorisierungen entzieht sich die Designerin. Ihre Kreationen sind Einrichtungsstücke ebenso wie Kunstwerke, rar und einer kaufkräftigen Klientel vorbehalten und dann wieder breit verfügbar in Form von Kooperationen, etwa mit dem Möbelriesen Ikea, für den sie donutförmige Leuchten entwarf. Auch Marken wie Hem, La Cividina oder BD Barcelona (Bild) reißen sich um Marcelis und deren Talent, Gefühle – etwa die andächtige Ruhe, die einen überkommt, wenn die Sonne rotglühend im Meer versinkt – in Objekten einzufangen.

Sabine Marcelis

Sabine Marcelis BD Barcelona

Wer an die US-amerikanische Nachkriegsmoderne und ihre Tastemaker denkt, hat schnell Männer in schicken Dreiteilern vor Augen. Serien wie „Mad Men“ halfen mit, das Bild dieser stilsicheren Testosteronbomben im kollektiven Gedächtnis zu verankern. Dass eine Frau ganz wesentlich und real daran beteiligt war, den Geschmack jener Ära zu prägen, ihre Räume und das Mobiliar zu entwerfen, das damalige Chefetagen so ikonisch wirken lässt, ist freilich weit weniger bekannt. Florence Schust kam 1917 in Michigan zur Welt, ihre Eltern starben früh, und noch während ihrer Schulzeit sollte sie eine schicksalshafte Bekanntschaft machen. Eliel und Loja Saarinen leiteten die benachbarte Cranbrook Academy of Art, wurden auf das begabte Mädchen aufmerksam, zogen es gemeinsam mit ihrem Sohn Eero auf und reisten regelmäßig mit ihm nach Finnland.

Schust lernte Alvar Aalto und später Marcel Breuer kennen. Sie wurde Schülerin von Mies van der Rohe am Illinois Institute of Technology, dessen Gestaltungslehre die Designerin nachhaltig prägte. Schließlich begegnete sie in den 1940ern dem deutschstämmigen Möbelhersteller Hans Knoll, die beiden heirateten, Florence hieß nun Knoll, die beiden begründeten gemeinsam die Firma Knoll International. Auch wenn zahlreiche einflussreiche Männer ihre Wege kreuzten, waren es letztendlich Knolls eigener Geschäftssinn, ihr Innovationsgeist und ihr Sinn für das sachliche, konsequent zeitlose Design, die die Marke Knoll zu einer Erfolgsstory machten. Nicht nach „törichten Trends, sondern nach grundlegender Gültigkeit“, erklärte die Gestalterin einmal, strebe ihr Unternehmen. Ihr „Lounge Chair“ etwa ist bis heute in Büros auf der ganzen Welt zu finden. 2019 starb Florence Knoll im Alter von 101.

Florence Knoll

Florence Knoll Getty Images

Das elegant geschwungene Stahlgestell in X-Form, die schlichten schwarzen Lederpölster mit Kedernähten und Knöpfen: Man kennt ihn, den „Barcelona Chair“ – das Sitzmöbel ist eine Ikone moderner Gestaltung. Und auch seinen Erfinder meint man zu kennen, Mies van der Rohe, eh klar. Oder? Nun, nicht ganz. Denn dieses Stück Designgeschichte ist eigentlich zu wesentlichen Teilen das Werk einer Frau. Lilly Reich, geboren 1885 in Berlin, lernte die Kurbelstickerei und ging 1908 nach Wien, um unter Josef Hoffmann für die Wiener Werkstätte zu arbeiten. Zurück in ihrer Geburtsstadt, wurde sie Mitglied des Deutschen Werkbundes und dessen erster weiblicher Vorstand. Ihr Tätigkeit als Ausstellungsgestalterin führte sie später nach Frankfurt, wo sie Ludwig Mies van der Rohe begegnete. Der Architekt und die Raumgestalterin wurden ein Paar, entwarfen 1929 gemeinsam die Villa Tugendhat in Brünn und den deutschen Pavillon für die Weltausstellung in Barcelona.

Als Sitzgelegenheit für das spanische Königspaar wurde ein spezielles Möbelstück erdacht: der „Barcelona Chair“, auch „MR 90“ genannt. Lang ging man davon aus, dass Reich und Mies van der Rohe zusammen an dem Stück tüftelten. Jüngere Forschung legt nahe, dass der Stuhl womöglich allein Lilly Reichs Kreation war. Erst mit dem Beginn ihrer Beziehung begann sich der Bauhaus-Direktor intensiv mit der Gestaltung von Möbelstücken zu befassen. Und doch ist es nach wie vor die Signatur Mies van der Rohes, die den Sessel als Original auszeichnet. Vor allem Lilly Reichs textile Rauminstallationen blieben im Gedächtnis. Als erster Frau widmete ihr das MoMa in New York 1996 eine Sonderausstellung.

Lilly Reich

Lilly Reich