• Mayer Junior in Bremen ist die älteste Schokokuss-Manufaktur Deutschlands und produziert nach traditionellem Rezept und mit natürlichen Zutaten.
  • Das Unternehmen existiert seit etwa 1920, wird familiengeführt in der vierten und fünften Generation, und setzt auf Handwerk und lokale Vermarktung.
  • Die Produktion erfolgt saisonal: Im Sommer werden andere Süßwaren hergestellt, ab September läuft die Schaumkuss-Produktion mit bis zu sieben Mitarbeitenden.

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In Bremen steht die wohl älteste Schokokuss-Firma ganz Deutschlands. Das musste einmal gesagt werden, denn im Unternehmen selbst wird um den Superlativ keinerlei Gewese gemacht. Bei Mayer Junior wird die Schaumschlägerei einzig von Berufs wegen betrieben. Produziert wird wie anno dazumal: in kleinen Mengen, nach überliefertem Rezept, mit einer übersichtlichen Zutatenliste und kürzesten Lieferwegen zu den Verkaufsstellen. Und früher wie heute trifft das genau den Geschmack der Kundschaft, die für die original Bremer Küsse durchweg Topnoten vergibt.

Schwarz auf weiß nachzulesen zum Beispiel in den Online-Rezensionen: „Einfach nur die Besten!“ und „Unvergleichlich gut!“ steht da zum Beispiel. „Ich bin froh, in Bremen zu wohnen, denn es gibt keine besseren Schokoküsse“, schwärmt ein Fan. Unwiderstehlich sind die Bremer Naschereien aber auch für die auswärtige Kundin, die schreibt, dass sie auf dem Weg in den Norden regelmäßig einen Zwischenstopp einlege, um sich mit Nachschub einzudecken.

Der Schlenker führt sie an die Rablinghauser Landstraße 30, zu einem unauffälligen Haus, an dem man leicht vorbeifahren könnte, stünde da nicht der Firmenname in roten Lettern auf der Klinkerfassade. Das war früher einmal ein Bauernhof, erzählt Arnold Mayer, der uns die Tür geöffnet hat und gemeinsam mit seinem Vater, ebenfalls Arnold mit Vornamen, das Unternehmen in vierter und fünfter Generation leitet.

Vater Arnold Mayer und Sohn Arnold Mayer leiten das Unternehmen in vierter und fünfter Generation.

Vater Arnold Mayer und Sohn Arnold Mayer leiten das Unternehmen in vierter und fünfter Generation.

Foto:
Christina Kuhaupt

Die Urzelle lag an der Sedanstraße 115, wo sein Ur-Ur-Großvater Wilhelm um 1920 mit der Produktion seiner damals „Mohrenköpfe“ genannten Süßigkeit begann. Der Konditor, der aus dem Schwäbischen nach Bremen gezogen war, soll die Idee dazu aus seinen Lehr- und Wanderjahren mitgebracht haben, erzählt man sich in der Familie – abgeschaut vielleicht von Patissiers aus Frankreich, wo die Kreation aus Baiserschaum mit Schokoladenguss schon im 19. Jahrhundert en vogue gewesen sein soll. Fest steht: Er war ein Pionier. Ein älterer Schaumkuss-Produzent wurde hierzulande bislang nicht gefunden, der Platzhirsch in den Supermärkten ist um Jahrzehnte jünger.

Maschinerie stammt noch vom Großvater

Der Sohn des Gründervaters, wir nennen ihn der Einfachheit halber einmal Arnold I., verlegte den Standort in die Kleine Johannisstraße. Sein Sohn, Arnold II., zog mit Firma und Familie nach Ende des Zweiten Weltkriegs von der Neustadt nach Rablinghausen und richtete dort die Werkshalle ein, die bis heute fast unverändert geblieben ist. Die nostalgische Maschinerie habe der Großvater einst gebraucht von einem Schokoladenhersteller erstanden, erzählt der Enkel. Bislang gab es keinerlei Grund, sie auszumustern. „Das ist noch richtig gutes Handwerk“, lobt der 36-Jährige.

Die Bremer Küsse haben eine etwas festere, knackigere Schicht an hochprozentiger dunkler Schokolade. Der cremige Schaum, der auf der Zunge zergeht, ist weniger pappsüß als die Kollegen aus dem Supermarkt. Außerdem möchten sie schneller gegessen werden – spätestens innerhalb von zehn Tagen, erklärt der Bäckermeister. Was wochenlang im Regal ausharren kann, kommt nicht ohne Konservierungsstoffe und andere künstliche Zusätze aus. „Bei uns ist alles natürlich“, sagt er. „Dafür können wir Qualität und Frische garantieren.“

Das kurze Leben eines Schokokusses beginnt hier morgens zwischen vier und fünf Uhr, wenn die erste Portion Zucker aufgekocht ist, mit Kristalleiweiß aufgeschlagen wird und sich mit dem pflanzlichen Stabilisator Agar-Agar zu einem luftig-weichen Schaum verbunden hat. Die weißen Wolken werden dann in den Trichter der Dressiermaschine gefüllt, die sie in gleichmäßigen Häubchen auf die kleinen Waffeln befördert. Nach einer Schokoladendusche führt ihr Weg in den Kühltunnel. Dahinter warten schon die behandschuhten Hände der Mitarbeiterinnen, die die frischen Schokoküsse behutsam in die vorbereiteten Kartons füllen.

Auf dem Garagenhof wird dann der Fahrer stehen, der die Kartons an die Kundschaft ausliefert – fast ausschließlich Bremer Bäckereien, wo die Schokoküsse einzeln verkauft werden. Reichlich Kartons mit dem Slogan „Home of the Schokokuss“ werden aber auch für den Werksverkauf gepackt, denn schon um halb sieben in der Früh können die ersten Kunden vor der Tür stehen, die sich zum Beispiel für den Geburtstag, die Betriebsfeier oder persönliche Gelüste eindecken. Was sie alle gemeinsam haben: „Hierher kommt jeder mit einem Lächeln“, sagt Mayer-Junior.

Im Sommer gibt’s Betriebsurlaub

Wie viele Exemplare hier pro Tag vom Band laufen, mag er nicht verraten, das wechsle ja auch saisonal. Im Sommer ist es den Schokoküssen zu warm, das sind die Wochen, in denen sich die Firma auf die Produktion von Pfefferminzkissen, Marzipan, Kokosstangen und Pralinen konzentriert und den Betriebsurlaub einlegt. Wie viele Bäckereien beliefert werden? „Sind schon paar mehr“, sagt er. Überhaupt sei es bemerkenswert, dass in Bremer Bäckereigeschäften Platz für die Schokoküsse von Mayer Junior gemacht werde. „Für die Kunden gehören wir dazu. Das freut uns natürlich“, sagt Arnold Mayer.

Wenn die kleine Schaumkussfabrik ab September auf Hochtouren läuft, arbeiten hier maximal sieben Menschen, darunter Vater Arnold und Mutter Petra Mayer, die über der Werkhalle wohnen. Die Großeltern Arnold und Anneliese, 87 und 88 Jahre alt, leben in Blickweite, und auch die fünfte Generation wohnt nur ein paar Schritte entfernt. Lust, zu expandieren, das Sortiment um trendige Neuheiten auszuweiten oder den Betrieb gar zu verkaufen, gab es hier nie. „Das bleibt alles bei uns. Dafür lieben wir diese Arbeit zu doll“, betont Arnold Mayer. „Solange wir das gut hinbekommen, wollen wir klein und fein bleiben.“ Mit der Tradition gebrochen hat er nur in einer Hinsicht: Der nächste potenzielle Mayer Junior wurde nicht mehr auf den Vornamen Arnold getauft. Wie die vier Generationen vor ihm wächst auch Sohn Felix, der Glückliche, im „Home of the Schokokuss“ auf. Gutes Omen für die dynastische Nachfolge, so der stolze Papa: Der Vierjährige sei schon jetzt „Feuer und Flamme, wenn er mithelfen darf.“

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