Cover, Eric Pawlitzky: "Seumes Weg"

AUDIO: Bildschöne Bücher: „Seumes Weg“ von Eric Pawlitzky (4 Min)

Stand: 11.01.2026 06:00 Uhr

Zu Fuß von Sachsen bis nach Syrakus: Der Fotograf und Autor Eric Pawlitzky ist einen Weg gegangen, den schon vor mehr als 200 Jahren der Schriftsteller Johann Gottfried Seume gegangen ist. Entstanden ist daraus ein besonderer Bildband.

von Florian Schmidt

Was würde Seume sehen, wenn er heute seinen Spaziergang erneut anträte? Und vor allem: Wie würde er sehen? Das ist die Ausgangsfrage dieses Buches. „Ich wollte kein gewöhnliches Buch machen, ich wollte ein ästhetisch ansprechendes Kunstobjekt als Finale eines Abenteuers.“ So fasst der Fotograf und Autor Eric Pawlitzky seine Absichten zusammen. Im Herbst 2022 ist er von Sachsen bis nach Syrakus auf Sizilien gewandert: 2.160 Kilometer. Auf den Spuren von Johann Gottfried Seume, der dort vor mehr als 200 Jahren unterwegs war.

Nahezu die gesamte Strecke ging Seume zu Fuß. Ab und an nutzte er Kutschen, Boote oder Esel, von Neapel nach Palermo dann das Postschiff. Seumes „Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“ wurde ein Bestseller – stand in einigen Ländern allerdings schnell auf den Index. Denn das Buch war kein harmloser Reisebericht; der Demokrat Seume schilderte die politischen und ökonomischen Zustände des zersplitterten Europas mit großer Offenheit.

95 Tage, 95 Momentaufnahmen

Pawlitzky konnte Seumes Weg nicht überall exakt entlangwandern; aus manchen Poststraßen sind inzwischen Autobahnen geworden. Trotzdem hat er alle von Seume erwähnten Stationen besucht und dessen Route akribisch rekonstruiert. Ungefähr alle fünf Kilometer holte Pawlitzky seine Kamera aus der Tasche und machte ein Foto, egal wo er gerade stand. Zu jedem der 95 erwanderten Tage enthält das Buch nun eine Fotografie und einen lyrischen Text.

Warum ich das mache, hast du gefragt. Weil ich nur wissen kann, wer ich bin, wenn ich an all meine Grenzen gehe.

Leseprobe

So beginnt das Buch. Links der Text, rechts das Foto von der Talmühle bei Döbern in Sachsen – Kilometer vier der Reise.

Haptisches Kunstwerk statt Hochglanz

„Seumes Weg“ ist kein klassisches Reisebuch, kein Hochglanz-Fotoband. Es ist ein Buch, das man gern in die Hand nimmt: Leineneinband, Papierschuber – und Texte, die mit der Schreibmaschine geschrieben und scheinbar eingeklebt sind. „Die Arbeit begann mit einem handgemachten Buch mit 200 leeren Seiten. Erst habe ich die Bilder eingeklebt, dann mit Bleistift die Texte begonnen, dann die geschriebenen Texte immer wieder rausgerissen, neu eingeklebt. Das wollte ich mit einem Faksimile sichtbar machen. Ich suchte eine Alternative zur cleanen Ästhetik zeitgenössischer Bildbände“, so Pawlitzky. Das ist ihm auf erfrischende Weise gelungen.

Die Schönheit des Übersehenen

Auch fotografisch geht Pawlitzky eigene Wege. Ihn interessieren keine Sehenswürdigkeiten, sondern das, was man sonst leicht übersieht. „Ein Industriegebiet ist für mich ein ebenso interessantes Sujet wie ein Feld im Nebel“, findet Pawlitzky. So entstehen Bilder von verlassenen Dörfern in Böhmen, Nahaufnahmen von zerbröckelndem Putz, unscheinbaren Wohnhäusern. In Prag sehen wir kein einziges Postkartenmotiv. Stattdessen: einen nüchternen, fast abweisenden Plattenbau. Pawlitzky schreibt dazu:

Hier kannst du ganz und gar unerkannt bleiben. Feinde stünden ratlos vor den einzuwerfenden Scheiben.

Leseprobe

Andere Fotos zeigen Industrieanlagen oder Fernwärmeleitungen.

Ich bin eine verwunsch‘ne Anaconda, krümmt sich der Lindwurm aus dem Gehölz.

Leseprobe

Das sind keine bloßen Bildunterschriften, es sind poetische Kommentare, spielerisch, manchmal auch trocken-humorvoll.

Schriftsteller Johann Gottfried Seume (1763 - 1810), digitale Reproduktion einer Originalvorlage aus dem 19. Jahrhundert.

Am 29. Januar 1763 wurde er geboren. Sein berühmtestes Buch wurde der Bericht über eine Wanderung durch das kriegszerstörte Europa.

Menschenleere Bilder

In Venedig fotografiert Pawlitzky Hütchenspieler. Und schreibt:

Ich beneide euch. Immer gewinnt ihr das Spiel mit der Gier der Ahnungslosen. Endlich kostet Dummheit Geld.

Leseprobe

Auffällig ist die Leere vieler Bilder – Menschen tauchen nur selten auf. Auch in Rom gibt es kein großes Spektakel, sondern eine einsam daliegende Via Appia. Die Pflastersteine wölben sich, brauner Schlamm liegt an den Rändern, Hecke und Steinmauer rahmen den Weg. Kilometer 2.099, ein überraschend stilles Bild, ruhig, fast zeitlos. Ein Moment der Rast auf langem Weg.

Ein leiser Blick auf den europäischen Kontinent

Unterwegs hat Pawlitzky immer wieder Seumes Texte gelesen und über den Schriftsteller nachgedacht, aber nicht nur über ihn: „Wenn man tagelang allein über Land geht, hat man Zeit zum Nachdenken über Europa – und über sich selbst.“

„Seumes Weg“ ist ein Blick auf Europa abseits der großen Bilder. Ein Buch, das zeigt: Wer zu Fuß geht, sich umsieht und genau hinschaut, versteht auf einmal die Gegenwart besser.

Cover, Eric Pawlitzky: "Seumes Weg"

Seumes Weg. Fotografien und Texte

von Eric Pawlitzky

Seitenzahl:
200 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Lunik
ISBN:
978-3-9822385-4-8
Preis:
38 €