Auf den ersten Blick ist es kaum zu glauben, dass fast alle Fotografien und alle Werkserien in der Ausstellung aus einer Hand stammen. Tun sie aber. Sie sind das Ergebnis oder vielmehr das Erbe einer über 50 Jahre andauernden Auseinandersetzung mit dem Medium Fotografie. „Formale Graphik“ nennt sich eine dieser Fotografien aus dem Jahr 1956 – es ist eine reduzierte schattenhafte Landschaft, fast wie ein Scherenschnitt und hart an der Grenze zur Abstraktion.

Formale Graphik, 1956




Formale Graphik, 1956


© Erich Kees

Die ältesten Fotografien von Erich Kees (1916-2006) in der Ausstellung in der Fotogalerie im Grazer Rathaus zeugen eindringlich von seiner Beschäftigung mit dem Medium, das zur damaligen Zeit für gewöhnlich zwischen Gebrauchsfotografie – wie etwa für Porträts – oder bei der Inszenierung von Idyllen zum Einsatz gekommen ist. „Die Fotografie der damaligen Zeit war noch nicht als Kunstform anerkannt und hat sich vor allem an der Malerei orientiert“, erklärt Gerhard Gross von der Kulturvermittlung Steiermark und Kurator der Ausstellung „Erich Kees – Das Gesetz der Serie“. Erich Kees hingegen, ein Ziviltechniker im Brotberuf, „wollte sich gegen den Geschmack der Zeit wenden, gegen die Künstlichkeit der Fotografie. Er wollte sehr dokumentarisch, sehr nüchtern, sehr klare Strukturen darstellen.“

Serie zum Thema Natur, 1985




Serie zum Thema Natur, 1985


© Erich Kees

Der Blick über die Landesgrenzen blieb in Deutschland hängen, wo ab den 1920er-Jahren nicht nur in der bildenden Kunst, sondern auch in der Fotografie die Neue Sachlichkeit für frischen Wind sorgte. August Sander ist hier ebenso zu nennen, wie auch Otto Steinert. Letzterer war maßgeblich daran beteiligt, dass Kees seinen fotografischen Blick der subjektiven Fotografie unterordnete.

Urform der Pflanze, 1955




Urform der Pflanze, 1955


© Erich Kees

Das schöne Bild ist Oberfläche, vielmehr geht es um die Spuren des Fotografierenden im Motiv. „Es ging um die Idee, dass der Künstler, die Künstlerin in den Arbeiten immer erkennbar sein sollte. Ein glatter Bruch zum amateurhaften Ansatz, wo es darum geht, ein wirklich tolles Einzelmotiv zu liefern“, analysiert Gross. Im Vordergrund stehe der Werkgedanke, die intensive Beschäftigung mit einem Thema, das sich in Serien und Zyklen niederschlagen sollte, da die Essenz dieser Auseinandersetzung nicht in einem Einzelbild abbildbar sei. Für Kees war die Abgabe einer Serie auch die Grundbedingung für die Teilnahme am Landesförderungspreis für Fotografie, den er 1972 ins Leben gerufen hat. Eine Zeit, in der „Graz nicht nur die heimliche Hauptstadt der deutschen Literatur war, sondern auch der Gegenwartsfotografie“, so Gross. Autorenfotografie? Die war in Graz längst State of the Art.

Kurator Gerhard Gross in der Ausstellung in der Rathausgalerie




Kurator Gerhard Gross in der Ausstellung in der Rathausgalerie


© Susanne Rakowitz

Serie „Akt“, undatiert




Serie „Akt“, undatiert


© Erich Kees

Erich Kees, dessen Todestag sich im April zum 20. Mal jährt, hat die steirische Fotografie geprägt, wie kaum ein anderer. Seine Frau Elisabeth Kraus, ebenso mit großem Einfluss, hat der Kulturvermittlung Steiermark das riesige Archiv überantwortet, das nicht nur das eigene Werk umfasst: In insgesamt 373 Mappen finden sich rund 15.000 Originalabzüge von Kees und Kraus, aber auch von 273 weiteren Künstlerinnen und Künstlern.

Serie „Urbanes“, 1980




Serie „Urbanes“, 1980


© Erich Kees

Ungeklärt ist die Zukunft dieses Bildarchivs, das strukturiert und aufgearbeitet ist, aber für die Langzeitaufbewahrung die nötige klimatische Archiv-Umgebung braucht. Ein Haus der Fotografie für Graz? Utopisch, ja, aber die Fotografie und Graz, da ist viel Substanz. Angesichts der Überfülle an Material, stellte sich auch für Kurator Gerhard Gross die Frage: Wo anfangen? Geworden ist es der serielle Gedanke, der die konzeptionelle Arbeitsweise verkörpert. Es ist Fotografie, die lange vor dem Drücken des Auslösers entsteht.

Erich Kees und Elisabeth Kraus, 1974




Erich Kees und Elisabeth Kraus, 1974


© Privat

Erich Kees (1916-2006): Das Gesetz der Serie. Bis 30. Jänner. Fotogalerie im Grazer Rathaus, Montag bis Freitag, 8 bis 18 Uhr. kulturvermittlung.org