Beim Treffen mit dem 43-Jährigen in der BRK-Station an der Schulstraße in München-Neuhausen stellt sich gleich ein gutes Gefühl ein: Da kennt sich einer offenbar aus, da ist einer gut organisiert. „Das Auto hab‘ ich schon auf Katastrophenschutz umgebaut“, sagt Julian Kerth. So nach dem Motto: Wenn der Katastrophenschutzbeauftragte alles im Griff hat, kann nicht mehr viel passieren. Aber weit gefehlt.
Denn Julian Kerth und viele Mitstreiter in anderen Rettungsorganisationen von der Feuerwehr bis über Malteser, Johanniter und dem Technischen Hilfswerk beschäftigen sich mit Szenarien, die selbst Profis nicht einfach so bewältigen können. Spätestens seit dem Beginn des Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine im Februar 2022 steht der Bevölkerungsschutz auf der Tagesordnung. Es geht dabei um Katastrophenschutz und um Zivilschutz, was ähnlich klingt, doch in der jeweiligen Dramatik ganz unterschiedliche Dinge beschreibt.
Ein großflächiger Stromausfall wie in Berlin könnte Anlass sein, dass etwa der Münchner Landrat den Katastrophenfall ausruft. Staatliche Behörden auf Ebene des Freistaats schalten dann in den Krisenmodus, damit Menschen und Sachgüter geschützt werden. Beim Zivilschutz übernimmt der Bund das Kommando. Dann geht es tatsächlich um kriegsbedingte Gefahren. Auf beides bereiten sich Behörden sowie Rettungsorganisationen vor.
Im Katastrophenfall finden zwei Personen im Wagen Platz. (Foto: Robert Haas)
Ganz egal, mit wem man spricht, betonen die Verantwortlichen nach kurzer Zeit, dass angesichts der dann drohenden Herausforderungen jeder Verantwortung übernehmen muss. Die Bevölkerung muss „unbedingt in die Planungen miteinbezogen werden“, sagt Kerth. Die Möglichkeiten des BRK oder anderer Organisationen seien begrenzt. „In diesem Fall werden wir uns als Katastrophenschützer auf die Menschen konzentrieren, die auf Hilfe angewiesen sind.“ Also Verletzte, Menschen in existenzieller Not, oder Alte und Schwache. Alle anderen müssten sich selbst vorsorgen.
Das heißt: Das Rettungsfahrzeug, das vom Freistaat für den Katastrophenschutz angeschafft wurde, und das Julian Kerth schnell für solche Großlagen umgebaut hat, ist schlicht dafür da, Verletzte zu versorgen und etwa in eine Klinik zu bringen. Der Umbau bedeutet, dass Kerth eine zweite Liege einbaut, damit statt einem zwei Personen transportiert werden können. Das sei fordernd, das kriege man hin. Aber breit angelegte Hilfe für alle? Das kann keiner leisten. Das zeigt gerade der Stromausfall über viele Stunden und Tage in Berlin. Plötzlich stellen sich grundsätzliche Fragen: Wie robust ist die Gesellschaft? Wie gut kommt jeder einzelne mit Krisen zurecht?
Für Haushalte gibt es eine Checkliste
Gerade erst hat das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe eine überarbeitete, abgespeckte 40-seitige Broschüre „Vorsorgen für Krisen und Katastrophen“ aufgelegt, mit dreiseitiger Checkliste für die wichtigsten Dinge, die jeder Haushalt zu Hause haben sollte. Der BRK-Retter Julian Kerth hat das meiste davon umgesetzt. Er ist nicht nur Katastrophenschutzbeauftragter, sondern auch Familienvater mit Kindern. „90 Prozent der Checkliste“, sagt er, habe er abgearbeitet. „Mit meiner Speisekammer kommt meine Familie locker zwei Wochen zurecht“, sagt er.
Unabhängig davon arbeitet im Münchner Landratsamt am Mariahilfplatz Kreisbrandrat Harald Stoiber an Einsatzkonzepten für Krisenfälle. In Thomas Lang hat er einen Mitarbeiter an der Seite, der vorrangig die zivile Verteidigung im Blick hat und mit Stoiber durchexerziert, wie je nach Notlage unterschiedliche Führungsstäbe aktiviert werden. Es gehe um klare Abläufe und darum, schnelle, zuverlässige Kommunikation sicherzustellen, sagt Lang, damit Helfer vom BRK oder von der Feuerwehr dirigiert werden könnten.
Ein Stromausfall wie in Berlin zieht viele Folgen nach sich. (Foto: Omer Messinger/Getty Images)
Für die Ausrufung eines Katastrophenfalls gibt es klare Kriterien. Lang sagt, es müsse eine massive Notlage vorliegen: also mit einer großflächigen Betroffenheit, einer hohen Zahl an gefährdeten Menschen und hohen Sachwerten. Dann müssten viele Einsatzkräfte vieler Organisationen mobilisiert und effektiv eingesetzt werden. Der Hagelsturm im Jahr 1984, bei dem Teile des Münchner Umlands regelrecht verwüstet wurden, war solch ein Fall.
Das Zugunglück im Februar 2022, als bei Ebenhausen-Schäftlarn zwei S-Bahnen frontal zusammenstießen, blieb unter dieser Schwelle, trotz aller Dramatik. 1100 Einsatzkräfte waren beteiligt, mit mehr als 300 Fahrzeugen. Dieser Großeinsatz zeigte Grenzen auf. Die Kreisbrandinspektion analysierte hinterher, der Digitalfunk sei phasenweise überlastet gewesen. Es sei schwierig gewesen, die Helfer der vielen Rettungsorganisationen koordiniert einzusetzen.
Anders als bei zeitlich begrenzten, lokalen Unglücken gilt es, im Katastrophen- oder gar im Zivilschutzfall rund um die Uhr für unbegrenzte Zeit Bereitschaften zu organisieren. Auch der Kommunikationsstab im Landratsamt ist einbezogen. Wichtig sei, schnell, zuverlässig und vor allem mit gesicherten Informationen die Menschen zu erreichen, sagt Pressesprecherin Christine Spiegel. Man müsse mit Desinformationskampagnen rechnen oder mit Falschinformationen, die sich wie ein Lauffeuer verbreiteten. In Berlin sind dieser Tage Fahrzeuge mit Lautsprechern durch die Straßen gefahren. Das Landratsamt München bereitet sich darauf vor, mit Flugblättern oder per Radio die Menschen zu erreichen; wobei letzteres ohne Strom schwierig wird.
Qualifikation als „Master of Disaster“
BRK-Helfer Julian Kerth hat als Jugendlicher zum Sanitätsdienst gefunden. Als studierter Ingenieur setzte er ein Masterstudium in Katastrophenvorsorge und Katastrophenmanagement an der Universität Bonn drauf und arbeitet heute im Eisenbahnbundesamt nahe dem Hauptbahnhof, wo er für die kritische Bahninfrastruktur zuständig ist. Die Bezeichnung „Master of Disaster“ nimmt er keinem übel und bringt sich als Leiter der Bereitschaft Nord 2 in Schwabing-Milbertshofen an der BRK-Basis ein. In der BRK-Stube im ersten Stock erzählt er, wie sich die Aufgaben in jüngster Zeit multipliziert hätten. Unvergessen seien die Einsätze bei der Versorgung der Flüchtlinge im Herbst 2015. Erst kürzlich habe man in Moosach bei der Entschärfung einer Weltkriegsbombe Zelte aufgestellt und warmes Essen bereitet.
Ein Foto im Aufenthaltsraum der BRK-Station an der Schulstraße in Neuhausen zeigt die Fahrzeugflotte im Jahr 1995. (Foto: Robert Haas)
An der holzgetäfelten Wand im Aufenthaltsraum des BRK-Heims hängt ein Foto mit Einsatzfahrzeugen aus dem Jahr 1995. „Katastrophenschutz“ steht darüber. Bald darauf habe man begonnen, erzählt Kerth, im Glauben an einen lange währenden Frieden einen Teil der Einheiten abzubauen. Die orangefarbenen Fahrzeuge der Führungsebene, sagt Kerth, gebe es heute nicht mehr. Als der Katastrophen- und Zivilschutz wieder an Bedeutung gewonnen habe, habe das die Organisationen erst mal „überfahren“.
Es gehe um neue Anforderungen, wie etwa mögliche Einsätze über einen längeren, im Grunde „unbegrenzten“ Zeitraum hin. Das erfordere mehr Gerät, mehr Schulungen. Die Ehrenamtlichen bekämen dafür nicht unbedingt frei und absolvierten diese in ihrer Freizeit. „Was wir brauchen, ist eine ordentliche Freistellungsregelung.“ Der weit überwiegende Teil des Rettungsnetzes ist durch ehrenamtliche Kräfte geknüpft. Selbst für seine Arbeit in der verantwortungsvollen Leitungsposition erhalte er kein Geld, sagt Kerth.
Das Rückgrat des Bevölkerungsschutzes im Landkreis München bilden 54 Freiwillige Feuerwehren sowie Betriebs- und Werksfeuerwehren. 4100 Einsatzkräfte stehen dort bereit, dazu das Personal des Technischen Hilfswerks und von Organisationen wie dem BRK in elf Rettungswachen. Im Sommer 2025 stellten sich all die Einheiten erstmals in Taufkirchen bei einem öffentlichen Katastrophenschutztag der Bevölkerung vor. Bei der bisher größten Katastrophenschutzübung mit mehr als 1000 Beteiligten probten die Kräfte im Juli landkreisweit die Zusammenarbeit.
An 13 Standorten im Landkreis wurden modernisierte Sirenen installiert. (Foto: Jens Büttner/dpa)
Parallel bauen der Landkreis und die 29 Kommunen als untere Katastrophenschutzbehörden die Notfallvorsorge aus. An 13 Standorten wurden modernisierte Sirenen installiert. Warn-Apps wie „Nina“ und „Katwarn“ wurden eingeführt. Die Rathäuser richteten auf ihren Gemeindegebieten sogenannte Leuchttürme ein, also zentrale Anlaufstellen für die Bevölkerung, an denen zum Beispiel bei Stromausfall Informationen und Hilfe zu bekommen sind. Meist sind das die Feuerwehrhäuser am Ort, an denen Notstromaggregate zur Verfügung stehen. In Unterschleißheim etwa ist die BRK-Wache ein solcher Leuchtturm, an dem man sein Handy laden lassen kann, wo im Notfall eine Wärmestube eingerichtet und warmes Essen ausgegeben wird.
Aus Sicht von Alexander von Obert aus Oberschleißheim aber muss noch viel mehr passieren. Er hat mit Bernd Steinert als rein private Initiative die „Notfall Vorsorge Beratung Schleißheim“ (NVBS) ins Leben gerufen und fordert ein schärferes Krisenbewusstsein und mehr Informationen vom Rathaus. Von Panikmache will er nichts wissen. Er sei kein Prepper oder so was. „Ich will vor allem hier in Ruhe und Sicherheit leben“, sagt Obert.
Obert ist Ingenieur, seit vielen Jahren in der Funkerszene aktiv und kennt sich beruflich mit Stromversorgungsnetzen aus. Ein Blackout, also ein längerer großflächiger Stromausfall ist für ihn der „größte anzunehmende Notfall“, weil er so vieles nach sich ziehe. Internet und Festnetz-Telefonie seien sofort ausgefallen, sagt er. Die meisten Geschäfte und Tankstellen könnten ohne Strom nicht arbeiten und müssten schließen. Mobilfunknetze brächen innerhalb weniger Stunden zusammen, zählt er auf, die Wasserversorgung gerate in Gefahr. Ein Problem sei, dass Redundanzen in den Stromversorgungssystemen, die Sicherheit bei Ausfällen böten, in den vergangenen Jahrzehnten mehr und mehr abgebaut worden seien. Und vor allem Jüngere seien schlecht informiert und wüssten gar nicht, was Alarmtöne von Sirenen bedeuteten.
Bei der Katastrophenschutzübung wurde ein Szenario mit einem Autounfall mit vielen Verletzten durchexerziert. (Foto: Paul Dittmann)
Das Wasserwerk im Berglwald in Oberschleißheim hat Obert mal besucht, sich schlau gemacht und sich gewundert, dass nur für wenige Tage Dieselreserven vorhanden seien. Nach häufigen Nachfragen spüre er im Rathaus immerhin ein wachsendes Bewusstsein. Deutlich kritisiert Obert, dass aber bis dato nicht öffentlich bekannt sei, wo sich die Leuchttürme in den Kommunen befinden. Letzteres bemängelt für alle Kommunen im Umland ebenso Julian Kerth.
Bei alldem, warnt Kerth, dürfe nicht vergessen werden, dass dies alles ehrenamtlich von den Leuten geleistet werde. Im Grunde, sagt er, könne er bei alldem Pflichtbewusstsein gar nicht sagen, wer alles bei einem Alarm überhaupt zur Verfügung stehe. Die BRKler hätten Familie und einen Job. Dabei gehe es um wahrlich ernst zu nehmende Szenarien, bis hin zu einem möglichen Kriegsfall mit Verletzten, die versorgt werden müssten.
Kerth weist auf einen historisch bedingten Sonderfall des BRK hin. Henri Dunant habe das Rote Kreuz nach der blutigen Schlacht bei Solferino nahe dem Gardasee 1859 aus der Taufe gehoben. Daher rühre die Verpflichtung, im Kriegsfall dem Sanitätsdienst der Bundeswehr unterstützend zur Seite zu stehen. Auch auf solche Szenarien, mit verwundeten Soldaten bereite man sich „konzeptionell“ vor.