Blauer Himmel über dem Blockland. Die Sonne lässt die schneebedeckten Wiesen glitzern. „Kohlfahrt mit Kaiserwetter – bei der Schneelage und Sonnenschein ist das natürlich wie ein Sechser im Lotto“, sagt Christoph Bielefeldt, der gemeinsam mit seiner Frau Rieke eine Kohltour organisiert. 20 Leute, ein Ziel: Gartelmanns Gasthof im Niederblockland. Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg.

Bei klirrender Kälte und Sonnenschein sind an diesem Wochenende überall gut gelaunte Gruppen mit bunt geschmückten Bollerwagen unterwegs. An Weggabelungen stehen Grüppchen mit Brezeln und Schnapsglas um den Hals. Während die Bielefeldts und Freunde ihre Tour am Jan-Reiners-Weg über Borgfeld starten, versammelt sich zur selben Zeit die Landjugend im Blockland am Gasthof Dammsiel am anderen Ende des Deiches.

„Wir haben heute die Landjugend aus Hanstedt zu Besuch und wollen sie zum Kohlessen einladen“, erzählt der Vizevorsitzende der Blocklander Landjugend, Jakob Bavendam. Die Gruppe ist mit 40 Leuten am Start. Die Blocklander haben sich den Grünkohl im Gasthof Gartelmann außer Haus bestellt. Die Kohl-Party soll im Dorfgemeinschaftshaus steigen.

Erster Stopp. Schnapsrunde an der Kreuzung am Lehester Deich: Rieke und Christoph Bielefeldt haben ihre 9. Kohlfahrt unter das Motto 90er-Jahre gestellt. Eine 8-Bit-Version von Tetris-Sounds dringt durch Lautsprecher aus einem Bollerwagen. „Die Playliste geht über zehn Stunden – von den Backstreet Boys über Kris Kross bis hin zu Rage Against the Machine ist auf jeden Fall für alle was dabei“, sagt Christoph Bielefeldt. Der Profiorganisator hat sogar ein Mikro für Ansagen dabei.

Das erste Spiel: Ein Stromkasten wird kurzerhand von Schnee befreit. Zwei Teams stehen sich gegenüber. Die Bielefeldts haben Tisch-Tetris mitgebracht. Spielerinnen und Spieler müssen die Tetris-Steine auf einer wackeligen Wippe platzieren. Konzentration schlägt Alkoholpegel. „Noch“, sagt eine Teilnehmerin. Es wird gelacht, gescherzt, gezittert.

Die Sonne scheint, doch es ist eiskalt. Temperaturen um minus zwei Grad – klirrende Kälte ist für den Abend angesagt. Die Gruppe hat sich dick eingepackt. „Ich habe eine Schneehose an, darunter Skiwäsche, eine dicke Wollstrickjacke und meine Daunenjacke – drei Schichten“, sagt Rieke Bielefeldt. Die Gruppe nickt. Keiner friert – bis jetzt.

Auf der anderen Seite des Deiches: Die Jugendlichen schlendern gelassen über die Straße – vorneweg fährt ein motorisierter Kindertraktor mit Anhänger. Die Landwirte haben die Deichstraße perfekt geräumt. Schnee liegt nur noch auf der Deichkrone. Auch Schilfgras, Wiesen und Bäume glitzern weiß im Sonnenlicht. Constanze Liening ist zum ersten Mal auf einer Kohltour dabei. Die 22-Jährige hat sich der Dorfjugend angeschlossen, „weil mir die Gemeinschaft so gut gefällt“, sagt die Ritterhuderin, deren Oma im Blockland wohnt. Viele aus der Gruppe kennt Liening, seit sie klein war.

Organisatorin Luisa Gartelmann kommt mit dem Auto vorbei und bringt noch schnell eine Musikanlage hinterher. Die Landjugendvorständin schmückt mit ihrer Freundin Lena Hauschildt den Raum im Dorfgemeinschaftshaus, während die anderen spazieren, spielen, schnacken. Nach wenigen Metern klingelt Organisator Jakob Bavendam an der ersten Haustür im Blockland. Eine Mutter hat frische Brezeln für die Gruppe gebacken – heiß, salzig, knusprig.

Die Blocklander Landjugend hat Freunde aus Hanstedt zu Besuch. Mit 40 Leuten stiefelten sie am Wochenende bei ihrer Kohltour über den Deich.

Jakob Richter

Constanze Liening ist zum ersten Mal auf einer Kohltour dabei. In der Landjugend gefällt ihr die Gemeinschaft. Auf der Tour sei die Schneelandschaft das Schönste.

Jakob Richter

Rieke und Christoph Bielefeldt (vorne) organisieren zum neunten Mal eine Kohltour mit Freunden – die klirrende Kälte macht ihnen nichts aus.

Rieke und Christoph Bielefeldt (vorne) organisieren zum neunten Mal eine Kohltour mit Freunden – die klirrende Kälte macht ihnen nichts aus, sagen sie.

Petra Scheller

Erste Pause – frische Brezeln, Punsch und Spiele.

Jakob Richter

Sonnenuntergang: Belohnung für den langen Spaziergang.

Sebastian Bauer

Constanze Liening (rechts) bei ”Spaghetti in Makkaroni” – dem ersten Spiel auf der Tour der Landjugend im Blockland.

Jakob Richter

Das erste Spiel im Team Bielefeldt: Ein Stromkasten wird kurzerhand von Schnee befreit. Zwei Teams stehen sich gegenüber. Die Organisatoren haben Tisch-Tetris mitgebracht. Spielerinnen und Spieler müssen die Tetris-Steine auf einer wackeligen Wippe platzieren. Konzentration schlägt hier den Alkoholpegel.

Petra Scheller

Während die Kohl-Gruppen über den Deich laufen, leuchtet der weite Himmel über dem Blockland in bunten Farben – zuerst Gelb, dann Rosa.

Sebastian Bauer

Das erste Spiel steht an: „Spaghetti in Makkaroni“. Zweierteams versuchen, Nudeln ineinanderzustecken – ohne Hände, die Pasta zwischen den Lippen. Die Gruppe grölt. Die meisten bestehen den Test. „Wir trinken auch Kinderpunsch“, sagt einer. „Das Gute an unserer Gruppe ist, dass wir wirklich immer gut aufeinander aufpassen“, berichtet Luisa Gartelmann. Die Landjugend im Blockland sei etwas Besonderes: „Hier wird jeder mitgenommen, jeder achtet auf den anderen“, unterstreicht auch Jakob Bavendam. Das sei wichtig für Jugendliche, „dass sie sich in einem geschützten Raum eigenverantwortlich treffen können“, erklärt die angehende Grundschullehrerin Luisa Gartelmann. Man lerne viel dabei: Dinge zu organisieren, für die anderen mitzudenken, sich gegenseitig zu helfen. „Zusammen zu feiern.“

Während beide Gruppen über den Deich laufen, leuchtet der weite Himmel über dem Blockland in bunten Farben – zuerst Gelb, dann Rosa. Knallrot geht die Sonne unter. Der Schnee glitzert in vielen Farben – die perfekte Kulisse für perfekte Selfies, sagen die Spaziergänger später.

Zur selben Zeit lodern blaue Flammen auf dem Gasherd in der Küche im Landgasthof Gartelmann. Ein Duftfeuerwerk aus Piment, frisch gemahlenem Pfeffer, Brühe und Kohl zieht durch den Flur über die Bauerndiele. Über 3000 Portionen Grünkohl wird Chefkoch Jan Gartelmann am Ende der Saison nach eigenen Angaben verkauft haben. 20 davon werden gegen 18.30 Uhr im Klubraum eins für die Gruppe Bielefeldt serviert.

Rieke und Christoph Bielefeldt baden in Applaus. Viereinhalb Stunden haben sie gebraucht, um ihre Freunde sicher ans Ziel zu bringen. „Gut gelaunt“, versichert der Organisator am nächsten Morgen. Köstlich habe es geschmeckt. „So gut, dass wir auf jeden Fall im nächsten Jahr wiederkommen.“

Zur Sache

Der Ursprung der Kohltour

Die Vorläufer der heutigen Kohlfahrten waren im 19. Jahrhundert die Pferdegespanne reicher Kaufleute oder Adliger aus Bremen und Oldenburg, die sich jedes Jahr nach dem ersten Frost auf den Weg in die Landgasthäuser im Umland machten, um dort Grünkohl zu essen. Grünkohl war damals das einzige Wintergemüse, das in der kargen Landschaft wachsen konnte. Erst mit dem Frost entwickelte es seinen vollen Geschmack. Deshalb finden Kohlfahrten immer im Winter statt.

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