Stadtrat Jürgen Kemmner (Mitte) diskutiert mit seinen Söhnen Moritz (links) und Marius viel und gerne. Foto: Natalie Kanter
Wie der Vater so die Söhne? Fest steht: Politikverdrossen ist in der Familie Kemmner aus Leinfelden-Echterdingen niemand. Vater Jürgen ist Stadtrat, die Söhne engagierten sich auch.
Auf den ersten Blick könnten die Gemeinsamkeiten zwischen Jürgen Kemmner und seinem Sohn Moritz größer sein. Das Gesicht des Sport-Redakteurs ist umrahmt von grauen Locken, während sein ältester Sohn die Haare sehr kurz trägt. Politisch betrachtet aber liegen sie auf der gleichen Wellenlänge. Der 23-Jährige und auch der fünf Jahre jüngere Bruder Marius sind politisch interessiert. Beide haben sich schon für die Jugend in ihrer Stadt eingesetzt. Was auch daran liegen mag, dass der Vater Kommunalpolitiker ist. „Wir diskutieren häufig – über alles Mögliche“, sagt Jürgen Kemmner. Kinder interessieren sich dafür, was Erwachsene vorleben, ist seine Erklärung. Das Gleiche gelte für den Sport, den Beruf oder die Musik.
Seit 20 Jahren ist Jürgen Kemmner Stadtrat von Leinfelden-Echterdingen. Die Zeit für das zeitintensive Ehrenamt muss er sich „irgendwie frei schaufeln“, sagt der 61-Jährige. Was nicht immer einfach war, weil er früher beruflich auch viel verreist ist. Im Jahr 2005 ist er nachgerückt in das politische Gremium – wurde Teil des „Leistungskurses Demokratie“, wie er seine Tätigkeit im Gemeinderat beschreibt. Seine damalige Frau stand hinter ihm. „Ohne ihr Plazet wäre es nicht gegangen“, sagt er.
Moritz Kemmner: Vom Jugendgemeinderat zu den Kommunalwahlen
Moritz Kemmner hat sozusagen „am Grundkurs Demokratie“ teilgenommen. Der 23-Jährige, der mittlerweile Geschäftsführer eines Fußballvereins ist, war vier Jahre lang im Jugendgemeinderat der Stadt. Warum der kleine Fußballplatz in Echterdingen am Wochenende abgeschlossen ist, war beispielsweise eine Frage mit der er sich damals beschäftigt hat. Er kann sich generell auch vorstellen, in die Kommunalpolitik zu gehen. Bei der vergangenen Wahl im Juni 2024 hat er sich für die Liste Engagierter Bürger, die sein Vater einst mitgegründet hat, aufstellen lassen. Sein Wahlerfolg konnte sich sehen lassen: „Er landete auf Platz fünf unserer Liste“, sagt sein Vater. Zuvor hatte sein Sohn schon erlebt, was Wahlkampf bedeutet. Er hat Plakate aufgehängt, Flyer in Briefkästen geworfen.
Jürgen Kemmner wollte 1999 zum ersten Mal Stadtrat von Leinfelden-Echterdingen werden. Seine Motivation: „Mit zunehmenden Alter wundert man sich über Dinge, die in der Stadt geschehen“, sagt er. Er wollte verstehen, wie politische Entscheidungen getroffen werden, wie eine Stadt geführt und verwaltet wird. Sein Name stand bei der Jugendorganisation der Freien Wähler auf der Liste. Damals hat es für ihn nicht gereicht. Zur nächsten Wahl haben sich dann viele dieser Liste überlegt: Lasst uns was eigenes machen. Die Liste Engagierte Bürger wurde gegründet.
Jürgen Kemmner: Interesse an Politik kommt erst durch Betroffenheit
Auch Marius, der jüngste seiner drei Söhne war zwei Jahre lang Jugendgemeinderat. Der Vater hatte ihn gefragt, ob er sich dort engagieren will, genauso wie seinen mittleren Sohn Mika. Marius wollte und hat dann beispielsweise mitgeholfen, Filmabende in Leinfelden-Echterdingen zu organisieren, weil ein Kino in der Stadt fehlt. „Wir sind für die Jugend da, für deren Interessen haben wir uns aufstellen lassen“, sagt er. Eine bestimmte politische Ausrichtung habe dieses Gremium nicht. Es sei vielmehr neutral. Deshalb habe sich die Jugendvertretung auch damals nicht dazu äußern wollen, ob der umstrittene Historiker Daniele Ganser in Leinfelden-Echterdingen auftreten sollte oder nicht.
Ob er einmal Stadtrat werden will, weiß Marius noch nicht. Gerade hat der 18-Jährige eine Ausbildung zum Anlagenmechaniker begonnen, spielt Fußball und unternimmt viel mit Freunden. Ob es bald eine Entlastungsstraße für die Stadt gibt, oder ob die Stadtbahn U5 verlängert wird, ist bei diesen Treffen kein Thema. „Wenn mein Vater nicht in der Kommunalpolitik wäre, würde ich davon gar nichts mitbekommen“, sagt der Sohn. „Das Thema ist die eigene Betroffenheit“, sagt Jürgen Kemmner. Mit 18 Jahren zahle man normalerweise weder Grundsteuer, noch ist man ins Ladensterben irgendwie involviert. „Kommunalpolitik hat auch mich in diesem Alter nicht interessiert“, sagt der Vater.