Die beiden Schlangen reichen hinaus bis aufs Trottoir der Karlstraße. Auf der einen Seite stehen die, die sich heute noch unter eine warme Dusche stellen wollen, eine wattierte Winterjacke, dicke Stiefel oder sonst eine zusätzliche Lage brauchen, damit ihnen die Kälte nicht noch mehr in die Knochen kriecht. Auf der anderen reihen sich Männer und Frauen für einen Teller warmen Eintopf und ein paar Becher heißen Tee ein – oder für eine ärztliche Versorgung. Von Montag bis Freitag kommen täglich etwa 600 Menschen zur Obdachlosenhilfe von St. Bonifaz. „Die aktuelle Kälte macht da keinen Unterschied“, sagt der Geschäftsführer und Gründer der Einrichtung, Frater Emmanuel Rotter.

Frater Emmanuel Rotter hat die Obdachlosenhilfe von St. Bonifaz gegründet und leitet sie bis heute. „Homeless Jesus“ heißt das Kunstwerk im tief verschneiten Hof der Benediktinerabtei, bei dem er steht. Die Bronze-Skulptur zeigt den in eine Decke eingeschlagenen Christus und soll an das Jesus-Wort aus dem Matthäus-Evangelium erinnern: „Ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen.“Frater Emmanuel Rotter hat die Obdachlosenhilfe von St. Bonifaz gegründet und leitet sie bis heute. „Homeless Jesus“ heißt das Kunstwerk im tief verschneiten Hof der Benediktinerabtei, bei dem er steht. Die Bronze-Skulptur zeigt den in eine Decke eingeschlagenen Christus und soll an das Jesus-Wort aus dem Matthäus-Evangelium erinnern: „Ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen.“ (Foto: Andrea Schlaier)

Im Haneberghaus, das im Innenhof der Benediktinerabtei St. Bonifaz liegt, werden seit 1990 Menschen ohne festen Wohnsitz und in sozialen Notlagen wochentags versorgt. Ganz vorne in der Essens-Schlange steht an diesem Freitagmorgen mit 5 Grad Außentemperatur Stephanie, 34. Es ist nicht auszumachen, wie viele Schichten Kleidung die junge Frau übereinander trägt. Sie tritt von einem Bein aufs andere. „Ich lebe den vierten Winter draußen, klar, es ist jetzt schon sehr kalt, aber tagsüber komme ich hierher zum Essen, Trinken, Klamotten besorgen. Medikamente brauch‘ ich auch.“

Nicht nur eine warme Suppe wird täglich im Haneberghaus an Bedürftige ausgegeben, sondern es gibt auch warme Getränke.Nicht nur eine warme Suppe wird täglich im Haneberghaus an Bedürftige ausgegeben, sondern es gibt auch warme Getränke. (Foto: Robert Haas)Wer an diesen eiskalten Tagen Handschuhe, eine dicke Jacke oder sonstigen zusätzlichen Wärmeschutz für den Köper braucht, kann sich bei der Kleiderkammer von St. Bonifaz eindecken.Wer an diesen eiskalten Tagen Handschuhe, eine dicke Jacke oder sonstigen zusätzlichen Wärmeschutz für den Köper braucht, kann sich bei der Kleiderkammer von St. Bonifaz eindecken. (Foto: Robert Haas)

Die Nächte verbringt die junge Frau zurzeit in der Lotte-Branz-Straße im Euroindustriepark, wo im sogenannten „Übernachtungsschutz“ der Stadt seit knapp zwei Jahren 728 Betten für wohnungslose Menschen bereitstehen. „Tagsüber müssen wir da raus, da halte ich mich oft im HP8 am Computer auf, wenn’s so kalt ist, oder auch mal in einem kirchlichen Raum. Das geht schon.“

„In München muss niemand auf der Straße schlafen“, sagt auf SZ-Anfrage eine Sprecherin des Sozialreferats. Das soll heißen: Auch nicht bei der Eiseskälte der letzten Tage. Was die Nachfrage nach Übernachtungsplätzen angehe, habe man „entgegen der landläufigen Einschätzung keinen Peak in der kalten Jahreszeit“. Ende Dezember seien etwa im „Übernachtungsschutz“ noch 400 Plätze frei gewesen. Dies sei nach Einschätzung der Behörde in den Folgetagen nicht „deutlich anders“ gewesen.

Richard Brunner, der den Übernachtungsschutz „Schiller“ des Evangelischen Hilfswerks leitet, konstatiert im Gespräch mit der Evangelischen Presseagentur einen größeren Andrang auf die Hilfsangebote als im vorigen Winter. Das liege wohl am kälteren Wetter, aber auch an „gesellschaftlichen Entwicklungen“ wie der weiter wachsenden Wohnungsnot und dem anhaltenden Zuzug. Auch bei der evangelischen Teestube „komm“ stauten sich die Menschen vor der Tür.

Einer jüngsten Studie zufolge, sagt die Sprecherin des Sozialreferats, lebten in München aktuell 340 Menschen dauerhaft auf der Straße – in St. Bonifaz gehen sie von 500 bis 1000 aus. „Streetwork und der Wärmebus der Teestube ‚komm‘ suchen die Menschen an den bekannten Orten auf und bieten Hilfe an.“ Die Annahme dieser Hilfe sei jedoch freiwillig und erfordere oft intensiven Kontaktaufbau, bis das Hilfsangebot auch angenommen werde – „leider nicht immer mit Erfolg“, sagt die Vertreterin des Sozialreferats.

Frater Emmanuel bestätigt das beim Gespräch im Haneberghaus: „Es gibt trotz der Kälte viele, die sagen, sie wollen lieber draußen bleiben.“ Manche holten sich bei ihnen in der Kleiderkammer eine dritte Mütze und die „zigste Lage. Sie sind bei minus 15 Grad eingemummelt wie im Iglu“.

In der Arztpraxis der Benediktinerabtei werden auch Erfrierungen behandelt und Medikamente ausgegeben.In der Arztpraxis der Benediktinerabtei werden auch Erfrierungen behandelt und Medikamente ausgegeben. (Foto: Robert Haas)Vor der Pforte der Pfarrei St. Bonifaz haben sich zurzeit wieder wohnungslose Menschen einen Schlafplatz eingerichtet. Viele wollen trotz der eisigen Kälte die Nacht nicht in einer Einrichtung verbringen.Vor der Pforte der Pfarrei St. Bonifaz haben sich zurzeit wieder wohnungslose Menschen einen Schlafplatz eingerichtet. Viele wollen trotz der eisigen Kälte die Nacht nicht in einer Einrichtung verbringen. (Foto: Robert Haas)

Oliver Gunia ist Wundmanager und Pflegedienstleiter im Haneberghaus von St. Bonifaz. „Kälte ist ab Oktober bei uns Thema, wenn die Temperatur unter zehn Grad rutscht.“ Dann gebe es schon erste Erfrierungen an Füßen und Händen. „Die Menschen laufen teilweise noch in Sommerschuhen rum, und durch andere Grunderkrankungen, zum Beispiel Diabetes, spüren sie ihre Beine nicht mehr und nehmen auch nicht wahr, wenn sich was verändert.“

Frater Emmanuel appelliert an die Stadtgesellschaft, „wenn man jemanden an der Tramhaltestelle oder auf dem Gehweg oder sonstwo liegen sieht und den Eindruck hat, der kommt nicht mehr hoch, vielleicht auch weil er betrunken ist, was bei der Kälte sehr gefährlich ist, denjenigen ansprechen und, wenn man den Eindruck hat, der braucht Hilfe, einen Notruf bei der Polizei absetzen“. Außerdem baue er auf „Menschlichkeit und Toleranz“, damit obdachlose Menschen bei dem eisigen Wetter nicht aus den Zwischengeschossen von U- und S-Bahn vertrieben würden.

Einige Händler machen zurzeit auf dem Viktualkienmarkt ihre Bude dicht: zu kalt.Einige Händler machen zurzeit auf dem Viktualkienmarkt ihre Bude dicht: zu kalt. (Foto: Catherina Hess)

Auf der anderen, der wohlhabenden Postkarten-Seite der Stadt, dem Viktualienmarkt, ist an diesen frostigen Tagen deutlich weniger los als sonst. Einzelne Zettel an geschlossenen Holzläden melden: „Wegen Kälte geschlossen.“  Marco Stohr vom Obsthof Bucher und Vorsitzender der Interessengemeinschaft Viktualienmarkt (IGV) schätzt, dass zurzeit von den etwa 100 Ständen „zehn bis 25 Prozent zu sind“. Das liege seiner Einschätzung nach aber weniger an den tiefen Temperaturen, sondern vielmehr daran, „dass in dieser Zeit wenig Kunden unterwegs sind“. Der Viktualienmarkt habe sich vom Versorger- zum Genussmarkt entwickelt, man lebe damit weniger von Stammkunden, die auch bei schlechtem Wetter kämen, und vielmehr von Touristen. Und die blieben gerade aus.

Marco Stohr, Vorsitzender der Interessengemeinschaft Viktualienmarkt, ist auch bei Minusgraden an seinem Stand zu finden.Marco Stohr, Vorsitzender der Interessengemeinschaft Viktualienmarkt, ist auch bei Minusgraden an seinem Stand zu finden. (Foto: Robert Haas)Wenn die Touristen im kalten Januar ausbleiben, gehen einige Händler des Viktualienmarkts in Urlaub.Wenn die Touristen im kalten Januar ausbleiben, gehen einige Händler des Viktualienmarkts in Urlaub. (Foto: Catherina Hess)

Viele Kollegen, sagt Stohr, würden deshalb jetzt ihren Jahresurlaub nehmen. Die, die da sind, erzählt Stohr, legen dicke Matten auf den Boden – „als Kältepuffer“, lassen Plastikplanen herunter, auch um die Ware zu schützen, und „bei uns heizen wir halt so gut wie möglich“.  Gefütterte Winterstiefel, Skiunterwäsche und Wollmützen gehören aktuell zur Grundausstattung. „Wenn die Sonne dann wieder so richtig runterkommt“, sagt Stohr, „ist der Viktualienmarkt schnell wieder voll mit Leuten.“