Stunden nachdem der amerikanische Präsident zu Jahresbeginn auf seinem Online-Kanal verbreitet hatte, die Vereinigten Staaten würden den Demonstranten in Iran zur Hilfe kommen, wenn das Regime in Teheran friedliche Leute töte, wurde das Szenario in Washington von einer anderen Militäraktion aus den Schlagzeilen verdrängt. Dass man bereit zum Angriff („locked and loaded“) sei, bewies Donald Trump in Venezuela.

Am Wochenende legte er angesichts der Eskalation in Iran nach: Am Freitag drohte er zunächst dem Mullah-Regime: Sie sollten nicht anfangen zu schießen, „weil wir dann auch anfangen zu schießen“. Am Samstag folgte ein Beitrag auf „Truth Social“: Iran sehne sich nach Freiheit, womöglich wie nie zuvor. Amerika sei bereit, zu helfen.

Dass die Regierung in Washington tatsächlich erwägt einzugreifen, berichtet auch die „New York Times“: Der Präsident sei in den vergangenen Tagen über militärische Optionen in Iran unterrichtet worden. Regierungsvertreter hätten der Zeitung gesagt, Trump habe noch keine abschließende Entscheidung getroffen, erwäge aber ernsthaft, einen Angriff zu befehlen.

Rubio spricht mit Netanjahu

Dem Oberbefehlshaber seien eine Reihe von Optionen vorgelegt worden, die auch nicht-militärische Ziele in der Hauptstadt umfassten. Dabei gehe es unter anderem um Standorte der Sicherheitskräfte, die an der Unterdrückung der Proteste beteiligt seien. Trump selbst hatte am Freitag auch gesagt, man würde das Regime schwer treffen – dort, wo es wehtue. „Boots on the ground“, Bodentruppen, bedeute das aber nicht.

Außenminister Marco Rubio, der seinerseits auf X schrieb, Washington unterstützte das tapfere iranische Volk, telefonierte am Samstag mit dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu. In dem Gespräch sei es auch um die Lage in Iran gegangen, hieß es.

Teil der Risikoanalyse in Washington ist dem Bericht zufolge die Gefahr einer kontraproduktiven Wirkung: Die Menschen in Iran hatte anfänglich die schlechte Wirtschaftslage auf die Straße getrieben. Ein Eingreifen Amerikas könnte dem Regime helfen, den Protest als von außen gesteuert darzustellen und an die Nation zu appellieren, angesichts einer äußeren Gefahr zusammenzustehen.

Demonstranten am Samstag in TeheranDemonstranten am Samstag in Teherandpa

Der Oberste Führer Ali Khamenei hatte am Freitag die Demonstranten „eine Handvoll Vandalen“ genannt, die nur Trump gefallen wollten. Er toleriere keine „Söldner“, die für Ausländer arbeiteten. Mit Blick auf die Proteste in amerikanischen Städten gegen die Einwanderungspolizei ICE sagte er auch, Trump solle sich um die Lage in seinem eigenen Land kümmern. Der nationale Sicherheitsrat in Teheran äußerte, die Drohungen Trumps seien Teil eines gemeinsamen Plans Amerikas und Israels.

Auch mögliche iranische Vergeltungsschläge wurden in Washington erörtert. Aus dem für die Region zuständigen Zentralkommando wurde signalisiert, man brauche mehr Zeit, um sich auf mögliche Gegenangriffe vorzubereiten. In Teheran hatte Parlamentspräsident Mohammed Bagher Ghalibaf Amerika für den Fall eines Angriffs mit Vergeltung gedroht. Amerikanische Militärstützpunkte in der Region und amerikanische Schiffe wären dann „legitime Ziele“.

Trump hatte sich im Sommer entschlossen, in den israelisch-iranischen Zwölftagekrieg einzugreifen und Atomanlagen in dem Land bombardiert. Seinerzeit drohte er kurzzeitig mit einem Regimewechsel in Teheran, als er sagte, man wisse, wo Khamenei sich verstecke. Tatsächlich beließ er es bei gezielten Angriffen auf drei Einrichtungen des Atomprogramms und sorgte hernach dafür, dass Israel und Iran ihren Krieg beendeten.

Bei allen außenpolitischen Abwägungen muss Trump auch die innenpolitische Lage berücksichtigen. Die Militäraktion in Venezuela und die Gefangennahme von Machthaber Nicolás Maduro rechtfertigte Trump vor allem damit, dass man Zugang zum Öl brauche und die amerikanische Dominanz in der westlichen Hemisphäre nicht in Frage gestellt werden dürfe. So wollte er sich auch von früheren Interventionen der Neokonservativen abgrenzen, gegen die sich seine tendenziell isolationistische MAGA-Bewegung richtet.

Mit einer Intervention zugunsten der Protestbewegung in Iran würde er sich aber endgültig den Vorwurf gefallen lassen müssen, zum herkömmlichen Interventionisten geworden zu sein. Der einflussreiche Senator Lindsey Graham, der zu den Falken im Umfeld von Trump zählt, versucht, die Brücke zu MAGA schlagen: Wenn Trump „Make Iran great again“ sage, bedeute es, dass die Demonstranten sich gegen den Ajatollah durchsetzen müssten.