Mit Dieter Vieweger hat ein führender Archäologe im Heiligen Land einen engen Bezug zu Wuppertal: Er ist Direktor des hiesigen Biblisch-Archäologischen Instituts und privat hier verwurzelt. Anzutreffen freilich ist der Forscher im Bergischen Land nicht so häufig – mit einleuchtendem Grund, den er bei seinem Vortrag in der Färberei heiter kommentierte: „Ich kenne die Straßen von Jerusalem besser als die von Wuppertal.“
Der studierte Theologe ist leitender Direktor des Deutschen Evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes in Jerusalem und Amman, schon seit 2004, und dort lebt und arbeitet er schwerpunktmäßig. Seine Ausführungen von dort aus erster, teils geradezu eigener Hand durch viele Grabungen betrafen für Juden oder Christen ganz zentrale Orte, was sein Tonfall nur scherzhaft verbarg. Für die Verortung der „Davidstadt“ nach dem legendären König galt das ebenso wie den Verlauf von Christi Leidensweg: „Seinen letzten Weg ging Jesus nicht auf der ‚via dolorosa‘.“
Der Januar, bekannte er später, ist eine Zeit, die er gern für Tal-Besuche nutzt. Den Anlass wollten sich offenbar viele nicht entgehen lassen: Rund 60 Besucher hatten den Weg zu dem Oberbarmer Kommunikationszentrum gefunden, zur Überraschung der Organisatoren: Eingeladen hatte der Verein für Technik und Industrie, für den Eva Klemper sprach und sich über den Zuspruch trotz Winterwetters freute.
Apropos Jahreszeit: Auch Bethlehem, sonst manchem hauptsächlich zur Weihnachtszeit präsent, schien Vieweger bestens bekannt; nicht zuletzt war er an der Gründung eines archäologischen Studiengangs an der Universität von Jesu Geburtsstadt beteiligt gewesen. Doch so leichthin auch sein Tonfall trotz all der epochalen Orte: Der gut gelaunte Forscher ließ immer wieder Dankbarkeit durchklingen, dort arbeiten zu können. „Wir haben den Zionsberg bekommen“, formulierte er etwa die seinem Institut einst erteilte Genehmigung zu Ausgrabungsarbeiten auf diesem Jerusalemer Hügel, der auch für die Passionsgeschichte bedeutsam ist.
Zu hören war einiges an Korrekturen, die die Arbeiten demnach zutage gefördert hatten. Die Grabeskirche, so der Archäologe, „lag außerhalb der herodianischen Mauern“. König Herodes hatte bekanntlich zu Jesu Lebzeiten geherrscht. „Jesus wurde außerhalb gekreuzigt“. Und was den römischen Kaiser Titus betrifft: „Er hat die Stadt nach Norden geholt.“ Erst in die Zeit der Hasmonäer etwa im 1. vorchristlichen Jahrhundert gehöre nach archäologischem Befund eine Datierung. Vieweger nüchtern: „So ist die Wirklichkeit grausam.“
Auch in Kriegszeiten und während der Pandemie vor Ort
En passant ließ der Referent immer wieder seine Vertrautheit mit der Stadt erkennen: „Dort habe ich geheiratet“, meinte er einmal zu einem Detail auf der Karte, und an anderer Stelle, als wäre das bloß eine Tagestour: „Kommen Sie mal vorbei.“
Allzu technisch wurde der Vortrag trotz des gastgebenden Technikvereins nicht, der sonst etwa auch Exkursionen zu Biologie- oder Bergbau-Themen organisiert. Mal erwähnte Vieweger die C14-Methode, auch Radiokarbondatierung genannt, die die Altersbestimmung von Funden über atomaren Zerfall erlaubt. Anschaulich wurde viel über projizierte Karten, so die Position besagter Davidstadt, die demnach klar außerhalb der heutigen Altstadt lag. Man ahnte: Dass die Archäologie „eine verdammt politische Angelegenheit“ ist, wie der Forscher Kaiser Wilhelm II. zitierte, dürfte auch Vieweger selbst bei seinem Tun öfters erleben. Eine Kollegin, Eilat Mazar, habe ihre Grabungsfunde dezidiert als Spuren des Palasts der Könige David und Salomo benannt – doch in Wahrheit sei die Einordnung unsicher. Auf dem sensiblen Terrain dieser wichtigen Stadt für gleich drei Weltreligionen sind derlei Zweifel gewiss ein Politikum.
Nachher ließ Vieweger seinen Anspruch erkennen, möglichst viel Präsenz an den Ausgrabungsstätten zu zeigen – als „Rückzahlung“, wie er meinte, für das seinem Institut geschenkte Vertrauen. Auch in der Kriegslage sowie zur Corona-Zeit war er mit Team dort verblieben. Bald allerdings könnte er in Wuppertal nicht nur zu Jahresstart anzutreffen sein: Dieses Jahr geht Viewegers Arbeit in Jerusalem zu Ende; im Tal kann er sich eine Tätigkeit an der Junior Uni vorstellen. Vielleicht nicht ganz so spektakulär, doch sicher spannend: Mit Kindern zu graben, erwägt er etwa im Burgholz.