Wagt es Grossbritannien, X abzuschalten?

Für Elon Musk sind britische Minister Gegner der Redefreiheit oder ganz einfach «Faschisten» – weil sie nicht zulassen wollen, dass seine Plattform X das Verbreiten sexualisierter Bilder von Frauen und Kindern erlaubt.

Peter Nonnenmacher Publiziert heute um 19:15 Uhr Elon Musk während des US-Saudi-Investmentforums im Kennedy Center, Washington D.C., November 2025.

Elon Musk im Herbst 2025.

Foto: Brendan Smialowski (AFP)

Jetzt abonnieren und von der Vorlesefunktion profitieren.

Abo abschliessen Login

BotTalk In Kürze:

  • Die britische Regierung erwägt, die Musk-Plattform X wegen problematischer KI-Funktionen abzuschalten.
  • Musks Grok-System ermöglicht das Entkleiden und sexuelle Darstellen von Frauen mittels Bildmanipulation.
  • Premierminister Starmer bezeichnet die Praktiken auf X als «widerwärtig» und fordert sofortiges Handeln.

Im vergangenen Jahr hat es die britische Regierung nicht gewagt, dem US- Techmilliardär und früheren Donald-Trump-Vertrauten Elon Musk die Stirn zu bieten. Jetzt aber erwägt sie allen Ernstes, die Musk-Plattform X im Vereinigten Königreich abzuschalten – wenn Musk gewisse «illegale» und «abscheuliche» Praktiken nicht einstellen will.

Sollte es zu einer derart radikalen Massnahme kommen, wäre Grossbritannien das erste Land in Europa, das diesen Schritt ginge. Bisher sind einzelne Abgeordnete der regierenden Labour Party bereits im Protest gegen X auf andere Plattformen ausgewichen. Aber eine gerichtliche Anordnung zu beantragen, mit der der Zugang zu X für britische Nutzer unter Verweis auf das Gesetz zur Onlinesicherheit generell gesperrt würde, wäre für die Regierung die schärfste und ultimative Sanktion.

Wütend hat sich Musk schon zur Möglichkeit einer solchen Massnahme geäussert. Starmers Labour-Regierung sei ja «jede Ausrede recht für Zensur», erklärte er. Die Briten wollten einfach «alle Redefreiheit stoppen». Die Regierung in London sei schlichtweg «faschistisch», meinte er.

6000 «Anfragen», um Bilder zu manipulieren – pro Stunde

Zu der bitteren Konfrontation hat die KI-Funktion Grok der Plattform geführt, die es ihren Nutzern erlaubt, auf X gestellte Bilder nach Belieben zu sexualisieren. Betroffen sind vor allem Bilder von Frauen und Kindern, die mit KI-Mitteln weitgehend entkleidet und in der Fakeversion nicht selten in sexuell suggestiven Haltungen dargestellt werden. Dieses Angebot der Musk-Plattform hat in den letzten Tagen in Grossbritannien grosse Empörung ausgelöst.

Der britische Premierminister Keir Starmer hält eine Rede nach der Unterzeichnung der Erklärung zur Stationierung von Einsatzkräften in der Ukraine beim ’Coalition of the Willing’-Gipfel im Elysee-Palast in Paris am 6. Januar 2026.

«Widerwärtig» findet Premier Keir Starmer die Grok-Praxis.

Foto: Ludovic Marin (AP)

Viele der betroffenen Frauen – und in der Folge Politikerinnen und Politiker – haben sich «entsetzt» gezeigt über die «zutiefst erniedrigende» Behandlung. Im Verlauf der ersten Januarwoche wurden dem Londoner «Guardian» zufolge pro Stunde 6000 «Anfragen» an das Grok-System registriert, Bilder zu manipulieren und Frauen per KI zu entkleiden oder sie sogar geprügelt oder geknebelt zu zeigen. In manchen Fällen ging es um pure Racheaktionen.

Wenig geholfen hat es Elon Musk derweil, dass er nach ersten Protesten vorigen Freitag die Möglichkeit entsprechender Bildergenerierung auf «zahlende Abonnenten» beschränkte. Damit habe er, urteilte ein Sprecher der britischen Regierungszentrale, das KI-Feature zur Herstellung illegaler Bilder «nur zu einem Premium-Service gemacht».

Gleichzeitig ist die Bilderveränderung offenbar auch für Nichtabonnenten auf anderen Wegen über X weiterhin möglich. Das Ganze sei die reinste «Unverschämtheit gegenüber Opfern von Frauenhass und sexueller Gewalt» und «völlig unakzeptabel», war aus 10 Downing Street zu hören. X müsse «handeln, und zwar sofort».

London riskiert Ärger mit Donald Trump

Premierminister Sir Keir Starmer selbst nannte die Grok-Praxis und ihre Resultate «widerwärtig». Technologieministerin Liz Kendall erklärte, solches Material müsse schleunigst «von X verschwinden». Wenn nichts anderes helfe, werde die Regierung die Möglichkeit in Betracht ziehen, den Zugang zu X im Vereinigten Königreich zu sperren. Die Medienaufsichtsbehörde Ofcom versprach, in diesem Punkt «binnen Tagen» zu entscheiden. Ausgeschlossen wird auch die Strafverfolgung von Betreibern sozialer Medien nicht mehr.

Londons Drohung, erstmals über Geldstrafen hinauszugehen, hat die Spannungen zwischen Elon Musk und der britischen Regierung noch einmal wesentlich verschärft und könnte Keir Starmer neuen Ärger mit dem US-Präsidenten eintragen. Seit der Regierungsübernahme von Labour im Sommer 2024 hat Musk Starmer und seine Minister regelmässig mit üblen Unwahrheiten attackiert – und die Regierung gezielt «zu destabilisieren versucht», urteilt die Londoner «Financial Times».

Nicht nur hatte Musk schon vor Monaten auf X den Sturz Starmers verlangt und König Charles III. zur unverzüglichen Auflösung des britischen Parlaments aufgefordert. Er hatte auch Tommy Robinson, den mehrfach vorbestraften Führer der britischen Rechtsextremisten, offen unterstützt. Laut «Financial Times» hatte Musk erklärt, Starmers Politik bedrohe «die ganze westliche Zivilisation».

Elon Musk in der Kritik

Newsletter

Der Morgen

Der perfekte Start in den Tag mit News und Geschichten aus der Schweiz und der Welt.

Weitere Newsletter

Einloggen Peter Nonnenmacher berichtet als Korrespondent aus London. Mehr Infos

Elon Musk im Herbst 2025.

Foto: Brendan Smialowski (AFP)

«Widerwärtig» findet Premier Keir Starmer die Grok-Praxis.

Foto: Ludovic Marin (AP)