Mit dem Gut Varrel verbindet die Klassische Philharmonie Nordwest eine lange Geschichte. „Wir spielen seit 30 Jahren hier“, sagt Dirigent Ulrich Semrau: „Das ist quasi unser zweites Wohnzimmer.“ Mit der tollen Akustik und dem schönen Ambiente komme er immer wieder gerne her – so auch am Sonntag zum traditionellen Neujahrskonzert.

Für den Auftritt ließ das Projektorchester so manche bekannte Routine hinter sich. So tauschte Semrau den Taktstock mit seiner Trompete und fand sich selbst in den Reihen der 17 Musiker wieder. Stattdessen gab Réka Lélek als Stehgeige den Takt für das Ensemble vor. Damit trat die Klassische Philharmonie Nordwest in Besetzung eines Salonorchesters auf. „Das passt zu dieser Musik ideal“, erläuterte Semrau am Rande der Veranstaltung: „Wir haben haufenweise Noten dafür.“

Rund 350 Besucher

Zwar gab Semrau für das Neujahrskonzert auf dem Gut Varrel die Leitung ab. Die rund 350 Besucher, die sich trotz der dicken Schneedecke in der Gutsscheune eingefunden hatten, führte der Orchesterleiter aber weiterhin durch das Programm – und bedankte sich noch einmal extra beim Publikum dafür, dass nur wenige Reihen angesichts der widrigen Wetterbedingungen unbesetzt blieben.

Für diejenigen, die den Weg auf sich nahmen, sollte sich die Anreise zu dem diesjährigen Matinee-Konzert lohnen. Zum Auftakt präsentierte die Klassische Philharmonie Nordwest Franz von Suppé: mit der Ouvertüre Dichter und Bauer inklusive Violoncello-Solo von Domonkos Barna. Den Kontext zu den Werken gab Moderator Semrau. „Es sind Passagen aus Werken, die vorher keinen Erfolg hatten“, nahm er sein Publikum mit auf eine musikalische Zeitreise ins Jahr 1846. Die habe der Komponist überarbeitet und damit einen durchschlagenden Erfolg erzielt: „Bis Mitte des 20. Jahrhunderts war das Werk überaus populär.“

Oper und Walzer

Im Verlauf des rund zweistündigen Konzerts griff die Klassische Philharmonie Nordwest zahlreiche Werke auf und zeigte selbst ein breites Repertoire an Kaffeehausmusik. Aus Richard Wagners Oper „Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg“ griff das Ensemble das Lied an den Abendstern auf. Von Johann Strauss gab es den Walzer „Wo die Zitronen blühen“ zum Besten.

Etwas Regionalkolorit brachten die Musiker mit dem Marsch Frei Weg aus der Feder Carl Latanns auf das Gut Varrel. Der wurde 1871 Leiter des Marine-Musikkorps in Wilhelmshaven. „Er hat zweimal ohne Erfolg versucht, eine Musikschule zu gründen“, gab Semrau Einblicke in das Wirken des Urhebers. Nach den gescheiterten Versuchen fand Latann schließlich sein Glück in den Niederlanden, wo er ebenfalls Orchester leitete.

Heiterer wurde es mit Strauss’ „Im Krapfenwald’l“ aus dem Jahr 1869. Die Polka française trug ursprünglich den Titel „Im Pawlowskwald’l“ in Anlehnung an die Uraufführung im russischen Pawlowsk. Für einen größeren Erfolg in der Heimat änderte Strauss den Titel dann noch einmal. Auf dem Gut Varrel blieb es dann dem Hornisten überlassen, die Atmosphäre mit Kuckucksgeräuschen zu verstärken.

Chanson als Vorlage für Welthit

Genauso ansprechend brachte die Klassische Philharmonie Nordwest Jacques Revaux’ Chanson „Wie gewöhnlich“ auf die Bühne. Der Titel erlangte als Interpretation durch Frank Sinatra („My Way“) größere Bekanntheit. „Er mochte das Stück überhaupt nicht. Er sang es nur äußerst ungern. Der Titel ist trotzdem eng mit ihm verbunden“, verriet Semrau dem Publikum, das die Darbietung mit einem langen Applaus quittierte.

Ohnehin zeigte sich das wetterbedingt etwas reduzierte Publikum stark angetan vom Auftritt des Projektorchesters. Mehrfach tönten nach den Werken Bravorufe durch die Gutsscheune. Trotz der Abkehr von so mancher Routine ließ es sich Semrau nicht nehmen, sich und das Ensemble mit Strauss’ Walzer „An der schönen blauen Donau“ zu verabschieden. Der nächste Auftritt auf dem Gut Varrel dürfte nur eine Frage der Zeit sein. „Wir hoffen, dass sich bis dahin die wirklich fürchterliche Lage in der Welt geändert hat“, merkte der Orchesterleiter an.

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