Liebe Leserin, lieber Leser,

Stefan Kuntz ist ein warmherziger Gesprächspartner. Vor einem halben Jahr
saß ich für ein Interview im Büro des damaligen
HSV-Sportvorstands. Der Verein war gerade aufgestiegen, und das war
auch sein Verdienst. Kuntz lachte viel, erzählte Anekdoten aus der
Kabine, wie das Trainerteam und er es geschafft hatten, den Spielern
die Angst vor dem Versagen zu nehmen. Und mehrmals zitierte er kluge
Sätze seiner Ehefrau, die ihn immer unterstütze.

Zum
Jahreswechsel schied Stefan Kuntz plötzlich beim HSV aus. Das habe
„persönliche,
familiäre Gründe“
(Z+)
. Viel mehr erfuhr die Öffentlichkeit nicht. Nun aber berichtet die
„Bild“-Zeitung,
schon Anfang Dezember seien intern schwere Vorwürfe gegen Stefan Kuntz aufgekommen.

Zwei
Mitarbeiterinnen des HSV sollen sich demnach von Kuntz sexuell
belästigt gefühlt haben. Auch von noch weiteren möglichen
Betroffenen ist in dem Bericht die Rede. Auf eine Anfrage meines
Kollegen Daniel Jovanov reagierte Stefan Kuntz am gestrigen Sonntag
nicht, veröffentlichte aber am Abend eine Mitteilung bei Instagram:
Darin heißt es, die Vorwürfe würden ihn hart
treffen. „Klar ist: Ich weise diese Vorwürfe entschieden zurück!“, schreibt
Kuntz. Er werde sich im Sinne seiner Familie und mit anwaltlicher Hilfe
gegen die „FALSCHEN Vorwürfe und Vorverurteilungen“ wehren. Der Aufsichtsrat des HSV, der die Vorwürfe prüft, will sich nicht zu dem Vorgang äußern.

Vor
einigen Wochen recherchierte ich intensiv in der Fanszene
des HSV (Z+)
,
und immer wieder hörte ich dort: Wichtig sei einzig die Liebe zum
Spiel. Sich nur darauf zu konzentrieren, wird beim HSV jetzt nicht
mehr möglich sein, und darf es auch nicht. Vorwürfe sexueller
Belästigung sind keine Lappalie, nicht für mögliche Betroffene,
nicht für die Beschuldigten.

Wie
zu hören ist, hat der Aufsichtsrat eine Anwaltskanzlei beauftragt,
die den HSV-Mitarbeiterinnen in einem geschützten Rahmen zuhört und
offenbar auch Stefan Kuntz befragen soll. In der Vergangenheit war
der HSV-Aufsichtsrat bekannt dafür, sich in Machtspielen zu
verlieren. Jetzt will das Gremium alle Vorwürfe, ob zutreffend oder
nicht, unbedingt ernst nehmen und aufklären. Es wäre das einzig
Richtige.

© ZON

Newsletter
Elbvertiefung – Der tägliche Newsletter für Hamburg

Vielen Dank! Wir haben Ihnen eine E-Mail geschickt.

Prüfen Sie Ihr Postfach und bestätigen Sie das Newsletter-Abonnement.

Ich
wünsche Ihnen einen schönen Tag,

Ihr
Christoph Heinemann

WAS HEUTE WICHTIG IST

© Bodo Marks/​dpa

Der Deutsche
Wetterdienst warnt
vor gefährlichem Glatteis am heutigen Montag.
Nach
Sturmtief Elli bringt eine neue
Front erst Schnee und dann Regen nach Hamburg, der auf dem gefrorenen
Boden zu einer Gefahr werden kann. Die Extremwetterlage am Freitag
war glimpflicher verlaufen als befürchtet (Z+).

Der Schulunterricht
in Hamburg
findet
heute wieder regulär statt. Das
teilte die Schulbehörde am Sonntag mit. „Aktuell liegen keine
Warnhinweise vor, die eine andere Entscheidung rechtfertigen würden“,
hieß es. Einzig die Sporthallen seien mindestens bis Montagabend
nicht nutzbar, da sie aus Sicherheitsgründen gesperrt sind.

Die
Erhöhung der Gebühren
für den Rettungsdienst

sorgt für Streit zwischen der Feuerwehr und dem Verband der
Ersatzkassen (vdek). Die bei den Kassen abzurechnende Summe für den
Einsatz eines Rettungswagens stieg zum Jahresbeginn um neun Prozent
auf 750,37 Euro. Die vdek-Leiterin Kathrin Herbst spricht von
„überhöhten Preisen“ zulasten der Versicherten, die Feuerwehr
weist diese Kritik zurück. Die Gebühren deckten die tatsächlichen
Kosten.

In aller Kürze

• In Othmarschen hat
der Brand
eines Stromverteilers

in einer Wohneinrichtung für junge Menschen am Sonntagmorgen für
einen Stromausfall in der Umgebung gesorgt. 140 Haushalte und ein
nahe gelegenes Pflegeheim waren betroffen •
In
der Nacht zum Sonntag hat ein bislang unbekannter Täter Reizgas
in einer Bar auf St. Pauli
versprüht.
Fünf Barbesucher wurden durch die Tat verletzt, drei von ihnen
wurden in ein Krankenhaus gebracht

THEMA DES TAGES

© Philip Dulian/​dpa

Wo ist das Mitgefühl, fragt die Verteidigerin

Zum
Prozessbeginn gegen den mutmaßlichen Cyberkriminellen „White
Tiger“
geht dessen Anwältin in die Offensive. Den Vertreter eines Opfers
macht das sprachlos und wütend. Lesen
Sie hier einen Auszug aus der Reportage von ZEIT:Hamburg-Redakteur
Christoph Heinemann.

Am
Tag vor dem Prozessbeginn wurde Shahriar J. angegriffen. Zusammen mit
zwei anderen Gefangenen saß der Angeklagte in einem Warteraum des
Untersuchungsgefängnisses am Hamburger Holstenglacis. Das sei ein
Versehen, eigentlich solle der 21-Jährige strikt isoliert werden, so
bestätigt es die Hamburger Justizbehörde. „Gib mal deine Uhr“,
sagte offenbar bald einer der Männer.

Kurz
darauf schlugen beide Mitgefangenen auf Shahriar J. ein. Was genau
geschah, müsse noch ermittelt werden, heißt es in der
Justizbehörde. Die Angreifer wussten möglicherweise, wer Shahriar
J. ist, was ihm vorgeworfen wird, so stellt es zumindest seine
Verteidigerin Christiane Yüksel dar. Erst nach Minuten sei ein
Vollzugsbeamter dazwischengegangen. Die Männer hätten nach Angaben
ihres Mandanten noch gerufen: „White Tiger! White Tiger!“

White
Tiger – so soll sich Shahriar J., ein etwa 1,85 Meter großer,
hagerer junger Mann, im Internet genannt haben. Nach einem Raubtier,
das Jagd auf seine Beute macht, bevor es sie erlegt. 204 grausame
Taten an Minderjährigen werden Shahriar J. zur Last gelegt, darunter
ein Mord und fünffacher versuchter Mord. Er soll gezielt Kinder und
Jugendliche im Internet angesprochen, ihr Vertrauen gewonnen und
ihnen Liebe vorgespielt haben. Dann, so sieht es die
Staatsanwaltschaft, hat er seine Opfer mit Nacktbildern erpresst und
sie schließlich gezwungen, sich selbst zu verletzen.

Ein
13 Jahre alter Junge im US-Bundesstaat Washington, der bereits
psychisch labil war, nahm sich im Januar 2022 das Leben. Mehrere
andere Mädchen und Jungen, die White Tiger und andere Mitglieder des
pädokriminellen Netzwerkes 764 mutmaßlich über Monate gequält
hatten, überlebten ihr Martyrium nur knapp.

Am
Freitagvormittag nun, zwei Stunden vor Prozessbeginn, steht die
Verteidigerin Christiane Yüksel auf Treppenstufen im Foyer des
Hamburgischen Oberlandesgerichts vor Fernsehkameras. Yüksel sagt,
die anderen Gefangenen hätten Shahriar J. schlimm zugerichtet, seine
linke Gesichtshälfte sei geschwollen, er klage über Schwindel und
Kopfschmerzen, sei „ziemlich schockiert“.

Mit
welcher Begründung die Verteidigerin um Mitgefühl für Shahriar J.
bittet, wie der Anwalt eines Opfers darauf reagiert und warum auch
schwere Ermittlungspannen in dem Fall im Raum stehen, lesen
Sie weiter in der ungekürzten Fassung auf zeit.de

DER SATZ

© Sebastian Madej/​ Grand Hotel van Cleef

„Elbphilharmonie!
Großer Saal! Die Tickets waren in kurzer Zeit vergeben, zahllose
Fans gingen leer aus, Zustände wie bei Taylor Swift.“

Thees
Uhlmann, Gründer der Gitarrenband Tomte, beendete seine Solotour am
Wochenende in Hamburg vor ganz großer Kulisse. Über den beiden
Konzerten hing die Frage: Verabschiedet er sich auch von der Musik?
ZEIT:Hamburg-Redakteur
Oskar Piegsa war dabei

DARAUF KÖNNEN SIE SICH FREUEN

In
der Sammlung Falckenberg in Harburg werden rund 130 Werke von Daniel
Spoerri aus der Zeit zwischen 1961 und 2023 gezeigt: „Daniel
Spoerri. Ich liebe Widersprüche“
. Verschiedene Werkgruppen, auch selten gezeigte wie
„Brotteigobjekte“, sind zu sehen. Berühmt wurde Spoerri durch die
„Fallenbilder“, in denen er Reste des Alltags wie Spuren eines
Festmahls, als Assemblagen verklebte. Damit begründete er die
„Eat-Art“. In der Ausstellung treten seine Kunstobjekte in
Beziehung zu anderen Exponaten aus der Sammlung, zum Beispiel von
Hanne Darboven, Jonathan Meese, Ray Johnson, Dieter Roth.

„Daniel
Spoerri. Ich liebe Widersprüche“, bis 26.4.; Sammlung Falckenberg,
Phoenix Fabrikhallen, Wilstorfer Straße 71. Ein
Besuch ist im Rahmen einer Führung möglich
 oder, ohne Anmeldung, sonntags 12–17 Uhr

MEINE STADT

»Ski you later!« (Hirschpark) © Heike Haag-Färber

HAMBURGER SCHNACK

Donnerstagvormittag
im tief verschneiten Stadtpark. „Schöner
als Sommer“,
kommt mir
in den Sinn. Zwei Frauen, die mir begegnen, teile ich meine
Empfindung lachend mit. „Und sanfter“, sagt die eine. „Und
leiser“, sagt die andere.

Erlebt
von Horst-Dieter Martinkus

Das war
die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie
möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie
ihn hier kostenlos abonnieren
.