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Ohne Strom und Wärme: Russland bombardiert die Energie-Wirtschaft der Ukraine in den Abgrund. Beheizte Waggons werden jetzt zum Zufluchtsort. Die Details.

Kiew – Sie sehen aus wie ganz normale Zugwaggons, doch ihre Mission ist außergewöhnlich: In der ukrainischen Region Kiew lässt die Bahn seit dieser Woche die ersten „Unbesiegbarkeits-Waggons“ anrollen. Die Zugabteile sind im schwelenden Ukraine-Krieg als stationäre Schutzräume gedacht – mit Heizung, WLAN und kostenlosem Tee für Menschen, die nach Russlands Angriffen auf die Energie-Wirtschaft ohne Strom dastehen. Es ist eine bittere Realität in einem Land, das seit fast vier Jahren einen Überlebenskampf führt und das vielerorts die Energieversorgung trotz klirrender Kälte im Kriegswinter nicht mehr aufrechterhalten kann.

Kämpft mit beheizten Zügen gegen den Blackout in der Winterkälte: Ukraine-Präsident Wolodymyr Selenskyj.Kämpft mit beheizten Zügen gegen den Blackout in der Winterkälte: Ukraine-Präsident Wolodymyr Selenskyj. ©  Kay Nietfeld/Marton Monus/dpa/Montage

Mit den „Unbesiegbarkeits-Waggons“ reagiert die Ukraine auf die anhaltenden Angriffe im Ukraine-Krieg. Seit Monaten bombardiert Russland die Energie-Wirtschaft Nacht für Nacht gezielt an den Rand des Abgrunds. Zwar reagiert die ukrainische Armee umgekehrt ebenfalls mit Attacken auf die Wirtschaft von Kreml-Präsident Wladimir Putin. Doch die Gegenschläge sind im Vergleich kleine Nadelstiche.

Angriffe auf Energie-Wirtschaft im Ukraine-Krieg: Russland schickt die Ukraine in den Blackout

Allein in der Nacht zu Sonntag (11. Januar) attackierte Russland in seinem Angriffskrieg die Ukraine mit mehr als 154 Raketen- und Drohnenschlägen. Vielerorts sei dadurch die Strom- und Wärmeversorgung unterbrochen worden, berichtet die Ukrainska Pravda. Allein in Saporischschja fielen in 382.000 Haushalten das Licht und die Heizungen aus. Auch in der südöstlichen Region Dnipropetrowsk waren am Wochenende nach russischen Attacken auf die Energieinfrastruktur 800.000 Menschen ohne Stromversorgung. In Dnipro waren 50.000 Menschen betroffen.

In der Millionenmetropole Kiew wurde zeitweise wegen anhaltender Reparaturarbeiten die komplette Energieversorgung unterbrochen. Bürgermeister Vitali Klitschko rief die Bevölkerung auf, die Stadt zu verlassen, berichtete die Moscow Times.

Präsident Wolodymyr Selenskyj warf Russland vor, gezielt das Einsetzen des Frostwetters abgewartet zu haben, um die Lage für die ukrainische Zivilbevölkerung zu verschlechtern. Am Wochenende wurden Temperaturen von minus 15 Grad gemessen. Russland habe in der vergangenen Woche fast 1.100 Angriffs-Drohnen, mehr als 890 gelenkte Fliegerbomben und über 50 Raketen verschiedener Typen auf die Ukraine abgefeuert, teilte Selenskyj mit. Dabei kam auch die berüchtigte Oreschnik-Rakete zum Einsatz.

Selenskyj verurteilt die Offensive von Russlands Angriffskrieg auf die Stromversorgung

„Sie haben bewusst auf das Frostwetter gewartet, um die Situation für unser Volk zu verschlechtern. Das ist bewusster, zynischer russischer Terror, der sich gezielt gegen Zivilisten richtet“, teilte Selenskyj auf X mit, wie die Ukrainska Pravda berichtet. Die Angriffe im Ukraine-Krieg richteten sich gegen Energieanlagen und Wohngebäude ohne jede militärische Bedeutung.

Vor diesem Hintergrund startete die staatliche Bahngesellschaft Ukrzaliznytsia jetzt ihre Hilfsinitiative. Die ersten sieben Unbesiegbarkeits-Waggons seien umgehend in einigen Städten der Region Kiew aufgestellt worden, die ohne Strom geblieben seien, teilte das Unternehmen mit. Stationiert sind sie demnach bislang in Browary, in Boryspil und in Aassylkiw. Jeder Waggon kann etwa 40 Besucher gleichzeitig aufnehmen und bietet grundlegende Versorgung: Wärmeschutz, Geräte-Ladestationen, Internetverbindung über Starlink sowie kostenlosen heißen Tee.

Die Einrichtungen sind speziell auf Familien ausgerichtet. Für Kinder stehen Zeichentrickfilme, Spiele, Malbücher und Brettspiele zur Verfügung. Sogar an Haustierbesitzer wurde gedacht – in einem haustierfreundlichen Abteil gibt es entsprechende Leckerlis. Das Projekt wird in Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Gemeindeentwicklung und Territorien sowie der Militärverwaltung der Region Kiew umgesetzt. Unterstützung kommt von mehreren Nichtregierungsorganisationen, darunter All Hands and Hearts, World Central Kitchen, White Stork und die Hachiko Foundation.

Bilder des Ukraine-Kriegs: Großes Grauen und kleine Momente des GlücksEin Einwohner von Cherson hebt seinen Daumen zur Unterstützung der Ukraine auf dem Hauptplatz der Stadt nach der Befreiung von den russischen BesatzernFotostrecke ansehenNadelstiche gegen Russland: Drohnen-Angriffe sollen Putins Wirtschaft an den Abgrund treiben

Doch die Situation kann keine Dauerlösung sein. Verzweifelt führt die Ukraine im Krieg gegen Russland einen Abwehrkampf und greift dafür im Gegenzug auch Putins Wirtschaft an. Fast täglich treffen ukrainische Drohnen Öldepots, Raffinerien und andere wirtschaftliche Ziele in Russland, teilweise auch in der Region Moskau. Jüngste Erfolge dieser Strategie zeigten sich bei Angriffen auf ein Öldepot in der Region Wolgograd, das etwa 350 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt liegt, sowie bei Attacken auf Anlagen in Belgorod, wodurch 600.000 Menschen ohne Strom sind.

Das übergeordnete Ziel dieser Drohnenschläge ist es, Russlands Nachschubwege zu schwächen und die Kriegskasse zu belasten. Die Strategie zeigt bereits Wirkung: Die russische Wirtschaft kämpft tatsächlich, insbesondere aufgrund der Angriffe auf die Ölexport-Infrastruktur und der internationalen Sanktionen, wie das ZDF berichtet. Der Zustand von Russlands Wirtschaft sei „sehr schlecht“, bestätigte unlängst auch US-Präsident Donald Trump in einem NBC-Interview.

Doch ob die Luftangriffe am Ende reichen, den Ukraine-Krieg zu beenden, bleibt unklar. Die systematischen Angriffe auf Russlands Energiesektor stellen eine wichtige Komponente der ukrainischen Verteidigungsstrategie dar. Doch im Vergleich zu Putins Raketenhagel sind sie nichts als Nadelstiche.

Unter anderem auch deshalb wird der UN-Sicherheitsrat am Montag laut der Nachrichtenagentur AFP zu einer Dringlichkeitssitzung zur Ukraine zusammenkommen, nachdem sechs Mitgliedsstaaten – Frankreich, Großbritannien, Lettland, Dänemark, Griechenland und Liberia – einen entsprechenden ukrainischen Antrag unterstützt hatten. „Russland hat mit seinen Angriffen auf Zivilisten und zivile Infrastruktur in der Ukraine ein neues, erschreckendes Ausmaß an Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit erreicht“, erklärte der ukrainische UN-Botschafter Andrij Jermak. (Quellen: AFP, Ukrainska Pravda, Moscow Times, ZDF, NBC) (jek)