„Lesungen sind für mich etwas ganz Besonderes“, sagt Devid Striesow. „Sie haben eine unglaublich schöne Grundvoraussetzung. Das Publikum weiß, da setzt sich einer auf die Bühne und liest mir vor, worauf ich Lust habe. Mit dieser Erwartungshaltung betritt es den Saal. Das ist wie eine Verabredung, die auch den Vortragenden beglückt.“ Am Sonntag gastiert der Schauspieler bei „Zweiklang! Wort und Musik“ nach zwei Jahren wieder im Robert-Schumann-Saal. Bei seiner „Hommage an Antonín Dvorák“ wird er von den japanischen Musikerinnen Hideyo Harada (Klavier) und Mayumi Kanagawa (Violine) begleitet.
Bevor Striesow jedoch über seine Rezitation spricht, hebt er zu einer Lobpreisung des Schumann-Saals an. „Mit ihm besitzt Düsseldorf einen der großartigsten Räume Europas. Nicht nur, weil er viele Menschen fasst, sondern auch wegen seiner wunderbaren Akustik“, schwärmt er. „Ihr habt da etwas Einzigartiges. Beschützt es, bewahrt es, versucht es weiterhin zu erhalten.“
Die Tradition des Lesens habe speziell in Deutschland eine hohe Wertschätzung, merkt er zufrieden an. Er liebt diesen Teil seines Berufes und nimmt sich immer wieder die Zeit dafür. Mit knapp 20 Programmen ist er emsig unterwegs, um die Literatur zu den Menschen zu bringen. „Ich fahre überall hin“, versichert er. „Bietet man mir an, einen Raum mit meiner Stimme beleben zu dürfen, bin ich dankbar. Eine große Freude. Ich lasse auch immer ein bisschen das Licht an, damit ich meine Zuhörer sehe und mit ihnen interagieren kann.“
Bei Dvorák (1841-1904) treffen seine Leidenschaften für Sprache und Musik zusammen. „Ich bin generell sehr klassikaffin“, erzählt er und verweist auf den Podcast „Klassik drastisch“, den er mit seinem Kollegen Axel Rabisch für Deutschlandfunk Kultur betreibt. „Wir stellen einander Komponisten und Werke vor. Mich interessiert es, auch mal weniger bekannte Künstler zu nehmen.“ So wie den russischen Adligen Vsevolod Zaderatsky (1891-1953), der im sibirischen Straflager „24 Präludien und Fugen“ schrieb und dabei dem Kompositionsmuster von Johann Sebastian Bach folgte.
Stets spürt Striesow dem Menschen hinter der Musik nach. Antonín Dvorák etwa habe unentwegt um sich herum und bevorzugt in ländlicher Idylle nach musikalischen Einflüssen gesucht: „Er sammelte sie, damit sie ihn zu seinen Kompositionen beflügelten.“ Bei der Rezitation im Schumann-Saal werden auch Briefe und Dokumente von Zeitzeugen zu Gehör gebracht, umrahmt von Dvoráks Werken.
Denkt Devid Striesow an Düsseldorf, ist sein Eifer kaum zu bremsen. Frisch von der Schauspielschule Ernst Busch in Berlin, wo er der legendären Klasse mit Nina Hoss, Lars Eidinger und Maria Simon angehörte, trat er sein erstes Engagement am hiesigen Theater an. „Ich stieg am Bahnhof aus dem Zug und dachte, was für eine krasse Stadt.“ Das Schauspielhaus blieb lange seine künstlerische Heimat, was mit den Inszenierungen von Jürgen Gosch zusammenhing. Striesow wirkte mit bei „Käthchen von Heilbronn“, „Sommergäste“, „Prinz von Homburg“, er war „Hamlet“ und Lady Macbeth im legendären „Macbeth“ (2005). Zunächst ein Theaterskandal, erlangte das Drama Kultstatus. „Ein Jahrhundert-Macbeth, mit dem wir um die Welt zogen, bis nach Bogota“, sagt er im Rückblick auf diese goldene Zeit.
„Düsseldorf war Dreh- und Angelpunkt meiner Karriere, ein Meilenstein und Mega-Höhepunkt bis heute. Ich liebe diese Stadt. Insgesamt habe ich bestimmt drei Jahre meines Lebens hier verbracht und viele Freunde gewonnen.“ Zuletzt gastierte er 2021 mit „Unendlicher Spaß“ beim Asphalt-Festival. Andere Bühnen wurden mit der Zeit gewichtiger, etwa das Hamburger Schauspielhaus. Nach „Ödipus“ beim Antiken-Marathon „Anthropolis“ beginnen dort bald die Proben zu einem ähnlich ambitionierten Mehrteiler mit ihm als Hauptdarsteller: „Ich bin schon wahnsinnig aufgeregt.“
Einem breiteren Publikum ist Devid Striesow eher durch seine Filme vertraut. Er spielte Hape Kerkeling in „Ich bin dann mal weg“, den Psychiater-Vater in Joachim Meyerhoffs Biografie „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“. Als fülliger Komponist in „Bach“ futterte er sich 20 Kilo an. Für seine Rolle als fiktiver General im vierfach „Oscar“-prämierten Kriegsdrama „Im Westen nichts Neues“ bestand er darauf, sich eine Glatze scheren zu lassen. „Mach, was du willst“, nickte Regisseur Edward Berger, „du bist eh so ein Anarcho-Schauspieler.“ Eigentlich strebe er mit diesen Verwandlungen nur Authentizität an, beteuert er.
Mit seiner Familie wohnt Devid Striesow in Wien. Aber häufig ist er auf Reisen. Theaterverpflichtungen und Dreharbeiten für drei Filme füllen das gesamte Jahr 2026. Wird der Schauspieler in der Öffentlichkeit erkannt, duckt er sich nicht weg. „Ich mag es, wenn Menschen sich umdrehen und mich ansprechen“, sagt er und berichtet von einer Begegnung im Waschsalon. Ein junger Mann hatte Striesows Film „Drei“ gesehen und fragte: „Darf ich Sie kurz umarmen?“ Das berührt ihn. Erst recht, wenn sie erzählen, was ihnen am besten gefallen hat und er das ähnlich empfindet: „Ein Geschenk, schon dafür hat sich alles gelohnt.“