Albert Lörcher, den seine Freunde stets Bertl nannten, kämpfte gegen die Nazis, er wurde von der Gestapo misshandelt, zu einer elfmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt, die er in Bayreuth absaß, später sperrten sie ihn ins Konzentrationslager Dachau, und nach seiner Entlassung, so schrieb er selbst, lebte er wie ein „Schutzhäftling auf Urlaub“. Zu jeder Stunde hätten die NS-Schergen ihn abholen können, zurück ins KZ, wo Folter, wo der Tod drohte.

Lörcher hat den Terrorstaat der Nationalsozialisten überlebt, und nach dem Krieg hat er sich bis zuletzt dafür eingesetzt, dass die Verbrechen der Nazis und die Leiden der Opfer nicht vergessen werden. Nachdem Bertl Lörcher im Februar 1997 gestorben war, sagte der damalige stellvertretende DGB-Landesvorsitzende Klaus Dittrich bei der Trauerfeier: „Mit ihm haben wir einen streitbaren Demokraten, einen aufrechten Sozialisten und einen mutigen Kämpfer gegen Rechtsextremismus verloren, ein Vorbild, wie es nur wenig gibt.“

Bertl Lörcher? Wer in München, abgesehen von Weggefährten und Gesinnungsgenossen, kennt noch seinen Namen? Viele dürften es nicht sein. Dabei hat er im Kampf gegen Nazis sein Leben aufs Spiel gesetzt. Doch – und dies ist im Grunde skandalös – ist der Widerstand, den Frauen und Männer aus der Arbeiterbewegung leisteten, selten angemessen und oft gar nicht gewürdigt worden.

Allein deshalb ist es verdienstvoll, dass das Archiv der Münchner Arbeiterbewegung eine Biografie Lörchers herausgegeben hat, ein Buch, das man durchaus als Denkmal gegen das Vergessen betrachten kann. In einer Zeit, in der der Nationalsozialismus zunehmend verharmlost, relativiert oder gar glorifiziert wird, ist es umso wichtiger, anhand konkreter Einzelschicksale zu zeigen, dass faschistische Herrschaft nichts anderes ist als grausamste Barbarei.

Autor des Buchs ist Gerald Engasser, Vorstandsmitglied des Archivs der Münchner Arbeiterbewegung, zu dessen Mitbegründern Lörcher zählt. In dieser Biografie kommt in erster Linie Lörcher selbst zu Wort, wofür Engasser den umfangreichen Nachlass des Widerstandskämpfers und streitbaren Sozialisten ausgewertet hat. Es sind Tagebuchnotizen, Briefe, Interviews und andere persönliche Hinterlassenschaften, die sich zu einem skizzenhaften Lebensbild fügen.

Bertl Lörcher wurde 1913 in München geboren.Bertl Lörcher wurde 1913 in München geboren. (Foto: Schiermeier Verlag)

Albert Lörcher, geboren 1913, war Sohn eines Mützenmachermeisters, der eine Werkstatt im Lehel hatte. Nach der Schulzeit absolvierte er eine Kürschnerlehre, und im Alter von 15 Jahren trat er in die Sozialistische Arbeiterjugend (SAJ) ein, die der SPD nahestand. Dort lernte er, wie er später schrieb, auch den Schriftsteller Oskar Maria Graf kennen: „Für uns war es immer ein besonderes Erlebnis, wenn der ‚Grafä‘ (…) zu uns in einen Gruppenabend der Münchner Arbeiterjugend kam. Meist las er aus einem seiner Bücher vor.“

Die Spaltung der Arbeiterbewegung in den Zwanzigerjahren verdross Lörcher, zumal er spürte, wie sehr davon die immer stärker werdenden Nazis profitierten. Nachdem diese an die Macht gekommen waren, baute er mit seinem Bruder Ernst und anderen Genossen eine Widerstandsgruppe auf, die illegale Flugblätter und Zeitungen verteilte. Die Gruppe flog bald auf, Gestapo-Terror, Gefängnis und KZ folgten.

Vom NS-Staat zwangsverpflichtet: Bertl Lörcher beim Strafbataillon 999 in Tunesien.Vom NS-Staat zwangsverpflichtet: Bertl Lörcher beim Strafbataillon 999 in Tunesien. (Foto: Schiermeier Verlag)

Auch in den folgenden Jahren wurde Lörcher mehrmals für kürzere Zeit inhaftiert. 1942 wurde er zum Strafbataillon 999 eingezogen, mit dem er an der Front in Nordafrika kämpfen musste. Er erlebte Schreckliches. Einmal notierte er: „Im Krieg werden die niedrigsten Instinkte des Menschen geweckt. Da ein Befehl da war, verdächtige Araber kurzerhand zu erschießen, tobten sich einige Bestien entsprechend aus.“ Im Frühjahr 1943 geriet Lörcher in US-amerikanische Kriegsgefangenschaft.

Engassers Buch ist keine penibel elaborierte Biografie, sondern eher ein gut zusammengestellter Zeitzeugenbericht, der interessante Einblicke gibt in die Arbeiterbewegung der Weimarer Republik, in ihren Widerstand gegen die Nazis sowie in den Kampf gegen das Vergessen und gegen die Wiederbewaffnung in der jungen Bundesrepublik. Lörcher blieb ein rastloser und eigenständiger Aktivist innerhalb des linken Lagers, unter anderem initiierte er als Zeitzeuge Führungen durch die KZ-Gedenkstätte Dachau. Dass sein Engagement nun in einem Buch gewürdigt wird, ist ein ebenso notwendiges wie erfreuliches Zeichen.

Gerald Engasser: Ich will meinen eigenen Weg gehen. Bertl Lörcher – Sozialist, Antifaschist, Gewerkschafter, Franz Schiermeier Verlag, München 2025, 176 Seiten, 18,50 Euro