"Der Tiger" hat eine Kontroverse ausgelöst.

„Der Tiger“ hat eine Kontroverse ausgelöst.Bild: Amazon/MGM

Analyse

Ein deutscher Film, der bei Amazon Prime viel Aufmerksamkeit generiert: Da ist die Aufregung hierzulande groß. Im Ausland wird „Der Tiger“ jedoch kritisch gesehen.

12.01.2026, 15:5612.01.2026, 15:56

Jennifer Ullrich

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Seit Tagen hält sich „Der Tiger“ in den Charts bei Amazon Prime, und das nicht nur in Deutschland: Zwischenzeitlich führte der Film die Rangliste in 17 Ländern an. Dass die Neugier groß ist, überrascht einerseits nicht – so ist das eben, wenn es mal wieder um das dunkelste Kapitel deutscher Vergangenheit geht.

Zugleich wird aber, mal wieder, offensichtlich: „Nazifilme“ aus Deutschland haben auch ohne Hitler als Protagonisten oft einen gewissen Beigeschmack, sind mindestens polarisierend.

Dass Kritik an „Der Tiger“ vor allem aus dem Ausland kommt, stößt dann doch unangenehm auf.

Darum geht es in „Der Tiger“

Der Film spielt im Herbst 1943 an der Ostfront des Zweiten Weltkriegs. Die fünfköpfige Besatzung eines deutschen Tiger‑Panzers unter dem Kommando von Leutnant Philip Gerkens erhält einen geheimen Auftrag: weit hinter die Frontlinie vorzustoßen, um einen verschollenen Offizier zu finden und zurückzubringen.

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Was als militärische Mission beginnt, entwickelt sich schnell zu einer bedrückenden Reise, bei der die Männer nicht nur den grausamen Realitäten des Krieges begegnen, sondern auch zunehmend mit ihren eigenen Ängsten, Schuldgefühlen und moralischen Konflikten konfrontiert werden.

Die engen, klaustrophobischen Situationen im Panzer verstärken den inneren Druck der Soldaten und lassen die Grenzen zwischen Realität und innerer Zerrissenheit verschwimmen.

Was stimmt nicht mit „Der Tiger“?

Achtung, ab hier folgen Spoiler zu „Der Tiger“!

Der Kriegsfilm ist das vielleicht schwierigste Genre überhaupt. Es geht immer um den Spagat, die Sinnlosigkeit des Krieges darzustellen und dabei eben doch das Publikum fesseln zu „müssen“. Krieg als Unterhaltung – nicht wenige stellen das Genre schon im Grundsatz infrage.

Zugegeben: Mit dem Twist am Ende ist Regisseur Dennis Gansel durchaus bemüht, die Sinnlosigkeit des Ganzen aufzuzeigen. Schließlich stellt sich heraus, dass die Protagonisten die ganze Zeit tot waren. Hoffnung geht anders.

Dass dieses wenig originelle Finale wie „frisch“ aus den 90er Jahren wirkt, steht auf einem anderen Blatt und hier nicht zur Debatte.

Vielmehr geht es um etwas Subtileres. „Der Tiger“ wird vor allem aus der Sicht der deutschen Panzerbesatzung erzählt, wodurch die Opfer des Krieges relativ in den Hintergrund rücken.

Leicht wird der Eindruck erweckt, der Film stellt die Soldaten eher als Opfer einer Situation dar statt als aktiver Teil einer verbrecherischen militärischen Maschinerie.

Die Regie hält so wenig Distanz zu den Figuren, dass am Ende die Mär vom „guten deutschen Soldaten“ beschworen wird, nach dem Motto: Es waren damals nicht alle immer nur böse.

Moralische Fragen sind dem Regisseur zwar nicht komplett fremd, doch er lässt die Soldaten damit durchkommen, dass sie ja „nur“ Befehle befolgt haben. Ein Film dieser Art muss mehr leisten.

Folgerichtig spricht ein Zuschauer auf Rotten Tomatoes von einem „moralischen Desaster“:

„Indem er das ‚Leiden‘ und die ‚Kameradschaft‘ einer Panzerbesatzung in den Mittelpunkt stellt, blendet der Film die Opfer der Ideologie aus.“

Noch deutlicher wird dieser Nutzer: „Sie versuchen, aus deutschen Killern Helden zu machen.“

Dennis Gansel wiederholt Fehler aus „Die Welle“

Dabei dürfte Regisseur Dennis Gansel die Kontroverse, mit der er konfrontiert ist, durchaus bekannt vorkommen. 2008 veröffentlichte er mit „Die Welle“ nämlich einen Film, der auch hochumstritten ist.

Im Zentrum steht hier ein Sozialexperiment an einer deutschen Schule, bei dem ein Lehrer seinen Schüler:innen demonstrieren will, wie leicht totalitäre Strukturen entstehen können – durch Disziplin, Uniformität und Gruppenzwang.

Dieses Experiment gerät außer Kontrolle, doch speziell beim jungen Publikum kam die Botschaft nicht durchgehend an. Statt die totalitäre Dynamik kritisch zu durchschauen, fanden manche die faschistische Bewegung irgendwie „cool“.

Lehrkräfte berichteten von Nachahmungen oder Heroisierungen einzelner Figuren im Klassenzimmer.

Actionreiche Szenen, schnelle Schnitte und eine teilweise klischeehafte Figurenzeichnung führten zu diesem Ergebnis. „Die Welle“ erzählt das Experiment als „packendes Drama“ und verliert dabei an Reflexionstiefe.

Wie inszeniert man Totalitarismus so, dass man ihn dekonstruiert und nicht ungewollt die Faszination vergrößert? An dieser Frage ist Dennis Gansel jetzt also schon zum zweiten Mal gescheitert. Vielleicht sollte er sich künftig lieber auf anderen Themen fokussieren…