Lange war die österreichisch-jüdische Autorin Maria Lazar vergessen. Ausgelöst durch das Engagement des Publizisten und Verlegers Albert C. Eibl erlebt die Autorin derzeit eine Renaissance – mehr noch: Sie erklimmt zu Lebzeiten nie erreichte Höhen der Popularität. Auch die Theater stürzen sich auf ihre Texte; so hat das Düsseldorfer Schauspielhaus im vergangenen Jahr ihr Drama „Der blinde Passagier“ erfolgreich zur Uraufführung gebracht.

Das Theaterstück entstand Ende der 1930er-Jahre; zehn Jahre zuvor, gegen Ende der „Goldenen Zwanziger“ hatte die Autorin dem Wiener Zsolnay-Verlag sowie einigen Schweizer Literaturverlagen das ungedruckte Manuskript ihres zweiten Romans „Viermal Ich“ angeboten. Doch durch zunehmende antisemitische Tendenzen in der Bevölkerung und der Politik fühlte sich die Kulturszene bereits so eingeschränkt, dass eine Veröffentlichung nicht zustande kam. Der Roman geriet in Vergessenheit und tauchte erst Ende des Jahres 2022 in einem ungeöffneten Koffer aus dem Nachlass der Autorin wieder auf. Die aus Bochum gebürtige junge Regisseurin Ariane Kareev hat „Viermal Ich“ im Oktober 2025 zur Uraufführung am Theaterdiscounter Berlin verholfen; jetzt ist ihre Inszenierung ans Theater Duisburg gewandert.

„Viermal Ich“ – das sind die namenlose Ich-Erzählerin sowie ihre Schulfreundinnen Grete, Ulla und Anette, vier junge Mädchen aus unterschiedlichen sozialen Schichten und mit vollkommen gegensätzlichen Persönlichkeitsstrukturen. Entstammt die Erzählerin aus der oberen Mittelschicht, so ist Anette, „das schwatzhafteste Ding der Klasse“, im ärmlichen Frisiersalon ihrer Mutter aufgewachsen. Ulla, künftige Medizinstudentin („wie ein Salzfelsen – und beißend gescheit“), ist Tochter eines verarmten Arztes, der illegale Abtreibungen durchführt.

Vor allem aber ist da Grete, die nach Milch und Mandelseife duftende höhere Tochter, „so blondgelockt, wie es sonst nur Puppen oder Engelchen auf Ansichtskarten sind“. Sie ist weich und gleichzeitig distanziert – und agiert stets in dem Bewusstsein, „wie man sich sehnte, sie zu besitzen“. Die Ich-Erzählerin verfällt ihr ebenso wie sämtliche jungen und alten Männer, was nicht nur Anlass zu Eifersucht und Intrigen gibt, sondern auch manch tragische Folge hat. Gemeinsam reifen die vier Mädchen zu jungen Frauen, auf der Suche nach einer weiblichen Identität, die ihren individuellen Veranlagungen angemessen erscheint. Ein stützendes Korsett durch die Eltern-Generation erhalten sie nicht; die zweite Hälfte der 1920er-Jahre bietet ihnen nie zuvor gekannte Freiheiten und ist doch noch gefangen in patriarchalischen Systemen, in denen ein feministisches Aufbegehren kaum möglich ist.

Dieses Aufbegehren aber gelingt Maria Lazar in ihrem selbst nach heutigen Maßstäben hochmodern konstruierten Roman. Der hat eindeutig feministische Züge, auch wenn nicht alle Rollenbilder, die die Mädchen vor 100 Jahren anstrebten, den feministischen Idealen des 21. Jahrhunderts entsprechen. Der Roman thematisiert die Zwänge und Zuschreibungen der damaligen Zeit, aber auch die Nöte der weiblichen Sexualität: Lust und Angst, Menstruation, Schwangerschaften und Abtreibungen, Abhängigkeit von der Macht der Männer, die sich ungefragt nehmen, was sie wollen, rasende Schwärmerei und die unbewusste Erkenntnis, dass die große Liebe meist auf resignierter Selbsttäuschung beruht.

Pädophile und inzestuöse Beziehungen werden angedeutet, kurzfristig droht ein Prostituierten-Schicksal. Man ist überrascht, wie offen und elegant all diese Themen bereits vor 100 Jahren in der Literatur behandelt werden konnten. Aber erinnern wir uns: Es war die Zeit von Freud. Seine Einflüsse sind im Roman deutlich zu spüren – und zwar durch die Einführung eines fünften Ichs.

Spiegel spielen eine große Rolle in Lazars Roman; Spiegel bilden auch ein dominierendes Element der Bühnenausstattung von Ariane Kareevs Duisburger Inszenierung. Im Ballett-Outfit dreht sich Greta Winkler vor zwei großen Spiegeln zu Tschaikowskis „Schwanensee“; später tanzt sie noch einmal zu einer verfremdeten Version von Beyoncés „Halo“. Winkler, die auch größere Teile des Roman-Texts spricht und ab und zu pantomimisch Bewegungen der Freundinnen vollführt, ist das „Spiegel-Ich“ der Erzählerin: In Spiegeln oder Schaufenstern erblickt diese immer wieder „die Fremde“, die ihr zuschaut, vor der sie sich fürchtet und die sie doch vermisst, wenn sie abwesend ist. Die Fremde scheint überrascht von dem, was sie sieht, obwohl sie „eigentlich alles sehr genau weiß“. Sie steht sinnbildlich für das freudianische „Es“ – das Unbewusste, das irgendwann an die Oberfläche der Persönlichkeit drängt, und sie steht für das schlechte Gewissen, das die Erzählerin bei ihrer Identitätssuche immer wieder quält.

Hannah Heinzelmann, die hauptsächliche Erzählerin in Kareevs Aufführung, hängt Spiegel ab, dreht sie um und sucht auch immer wieder den Blick hinein. Einmal verstecken sich beide Schauspielerinnen in silbern verspiegelten Schränken; Koffer und sogar manche Kostüme reflektieren das Licht. Häufige Kostümwechsel versinnbildlichen nicht nur den Alterungsprozess der Figuren, sondern sie erzählen etwas über Seelenzustände. Unter wuscheligen Perücken, mit denen die Schauspielerinnen spielen, lugen kleinste Gliedmaßen hervor – das reale Ich ist verkümmert unter den vielfältigen Versuchen des Rollenspiels, vor allem aber wohl unter den verunsichernden Zuschreibungen der Außenwelt.

Wenngleich die Aspekte der Liebe und der Sexualität im Vordergrund der Aufführung stehen, ist Lazars Ich-Erzählerin doch in erster Linie auf einer verzweifelten, geradezu manischen Suche nach Selbstvergewisserung und einem eigenen, unverwechselbaren Platz im Leben. Sie erkennt ihren eigenen Selbstbetrug sowie den der Freundinnen, sie erkennt und begeht Verrat und Täuschung. Sie leidet an Schuldkomplexen und sucht nach Bestätigung. Doch alle – vielleicht mit Ausnahme der intellektuellen, aber in der Liebe wenig engagierten Ulla – suchen nach Unabhängigkeit und geraten in unauflösbare Abhängigkeiten.

Nah am Text, der mit Schlaglichtern arbeitet, häufig auch einem Bewusstseinsstrom ähnelt, erzählen Hannah Heinzelmann und Greta Winkler am Theater Duisburg eine ungeheuer spannende, aber auch emotionale Geschichte. Inhaltlich wollen wir deshalb nicht mehr verraten.