In „A Chorus Line“ muss man bis kurz vor Schluss des Stücks auf dessen wohl bekanntesten Song warten. Bis einer der angehenden Tänzer:innen, um die es in dem 80er-Jahre-Broadway-Musical geht, unglücklich stürzt und sich so böse verletzt, dass seine Karriere jäh vorbei zu sein scheint.

Man könnte „What I did for love“, wenn man den Kontext nicht kennt, für ein cheesy Liebeslied halten, gewissermaßen ist es auch eines. Nur richtet sich der besungene Abschiedskuss an keine Person, sondern an den Tanz an sich. Der Song erzählt von der großen Leidenschaft, der großen Liebe, die Tanz für diejenigen bedeutet, die diesen als Beruf ergreifen. Weil man die eben auch braucht, um sich dem auszusetzen, was dieser abverlangt.

Am Eröffnungsabend der Tanztage Berlin 2026, dem Festival für choreografischen Nachwuchs, das in diesem Jahr seinen 30. Geburtstag feiert, wird „What I did for Love“ gleich zu Beginn des Solos „Did4Luv“ von Carro Sharkey (und Dominique McDougal – die beiden teilten sich die Abende auf) angespielt.

Sharkey trägt zu diesem Zeitpunkt ein Ganzkörperplüschkostüm einer roten, kulleraugigen, knollennasigen, dauerlachenden Figur, wie sie in der Sesamstraße mitspielen könnte, führt darin allerlei Faxen auf, tanzt, breakdanct, klatscht mit dem Publikum ab, winkt, als wäre er/sie Mickey Mouse und würde in Disneyland arbeiten, spielt mit einem Schild, auf dem „Open 4 Collaborations“ steht.

Prekärer Alltag als Per­for­me­r:in

Später wird sich die Person, die Sharkey verkörpert, aus der Verkleidung lösen und weitere Rollen der Unterhaltungsindustrie einnehmen, einen Zauberer etwa oder eine Pole-Tänzerin mimen. Sharkey strampelt sich ab, bringt zum Lachen und Staunen, was dabei aber immer wieder durchscheint, ist die prekäre Realität des Alltags als Performer:in.

Was es bedeutet, auf einer Bühne zu stehen, das zieht sich als Thema durch den Abend und auch durch einige der kommenden Produktionen des Festivals, das noch bis zum 24. Januar andauert.

Jee Chan hat sich dafür Naniek K. zur Seite geholt, verwandelt gemeinsam mit dieser die Bühne in einen Laufsteg. „Ratu“ ist ein Porträt der 81-Jährigen, die in Indonesien als traditionelle höfische Tänzerin arbeitete und 1978 als Model nach Berlin kam. Naniek K. schwingt die Hüften, lässt Pose auf Pose auf Pose folgen, gelernt ist gelernt.

Zwei Performer:innen überlagert von einer Fotoprojektion

Jee Chan und Naniek K. in „Ratu“

Foto:
Mayra Wallraff

Ihre Geschichte, die Wandlungen, die kulturellen Grenzüberschreitungen, die sie darin vollzogen hat, bilden die Folie für das Stück, in dem sich die beiden gemeinsam enthüllen und verhüllen, gegenseitig in Rollen helfen und dabei, aus diesen auszubrechen. Im Hintergrund sind währenddessen immer wieder Fotos aus dem Familienalbum Naniek K.s zu sehen. Zurechtgemacht steht sie da zwischen vollgestopften Regalen, unter traditionellen Masken oder als brave Hausfrau am Herd.

Die Erschöpfung danach

Alvin Collantes schließlich, dritter Perfomer des Auftakts, präsentiert sein Drag-Alter-Ego Bibingka. Süß wie der philippinische Reiskuchen, nach dem sie benannt ist, unwiderstehlich, mitreißend, sexy. Collantes präsentiert aber auch die Erschöpfung, zeigt sich keuchend, schwitzend, japsend, abgeschminkt, ohne falsches Haar und hohe Hacken, so überzeugend, dass es am Ende Standing Ovations gibt.

Die Tanztage sind ein Erfolgsprojekt von der Szene für die Szene, beliebt von Beginn an auch beim Publikum. Ausverkauft sind die Abende oft, am Eröffnungsabend mussten zusätzliche Stühle aufgestellt werden.

Gegründet wurde das Festival in den 1990ern von Barbara Friedrich, um allen Cho­reo­gra­ph:in­nen und performativen Künst­le­r:in­nen eine Plattform zu bieten, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen oder neu in der Stadt sind.

Entdeckungen kann man da machen, für nicht wenige Künst­le­r:in­nen ging es nach dem Auftritt in den Sophiensaelen richtig los. Einige Produktionen gingen international Tour, was freilich auch Jee Chan, Carro Sharkey und Alvin Collantes zu wünschen ist.

Auszudehnen sind die guten Wünsche leider auch auf die Tanztage selbst, wo das Geld wie im Tanz so oft notorisch knapp ist. Finanziert wird das Festival aus dem Budget der Sophiensaele, wo diese seit 2001 stattfinden. Jährlich 120.000 Euro sind dafür vorgesehen, ein Betrag, der – wie man in einer kleinen, empfehlenswerten, von den Sophiensaelen zu diesem Anlass herausgegeben Publikation nachlesen kann – seit 2017 nicht erhöht werden konnte.

Für 2026 kamen zusätzliche rund 148.000 Euro aus der spartenoffenen Förderung des Berliner Senats hinzu. Einmalig. Für die nächsten 30 Jahre eine gefestigte Finanzierung, das wäre doch einmal was.