In dieser Woche verbreiteten aserbaidschanische Medien ein Schreiben von Alexander Bastrykin, dem Vorsitzenden des russischen Ermittlungskomitees, an die Generalstaatsanwaltschaft Aserbaidschans. Darin kündigt er die Einstellung der strafrechtlichen Ermittlungen zum Absturz eines aserbaidschanischen Passagierflugzeugs im Dezember 2024 an, das von russischen Luftabwehrsystemen beschossen worden war. Bei dem Unglück kamen 38 Passagiere und Besatzungsmitglieder ums Leben.

Die damals ausgelöste politische Krise in den Beziehungen zwischen Moskau und Baku ist damit weiterhin ungelöst und könnte nun erneut aufflammen. Über viele Jahre gelang es Aserbaidschan, ein sorgfältiges Gleichgewicht zwischen westlichen Staaten, Russland und der Türkei zu wahren. So unterzeichneten Wladimir Putin und Ilham Alijew am 22. Februar 2022, zwei Tage vor Beginn des russischen Krieges gegen die Ukraine, im Kreml eine Erklärung zur Zusammenarbeit der Verbündeten – ein Dokument, das der sechs Monate zuvor zwischen Aserbaidschan und der Türkei geschlossenen Erklärung ähnelte.

KGB-Geschichte: Guter Draht zwischen Putin und Alijew

Der Krieg in der Ukraine veränderte das Kräfteverhältnis zwischen Moskau und Baku kaum, obwohl Aserbaidschan seine Unterstützung für Kiew offen bekundete. Russische Behörden kritisierten die aserbaidschanische Regierung zwar regelmäßig für die Lieferung von Transformatoren und Generatoren als humanitäre Hilfe an die Ukraine, beließen es jedoch bei verbalen Einwänden.

Unter dem Eindruck westlicher Sanktionen und internationaler Isolation wurde Aserbaidschan zu einem der wichtigsten Partner Russlands. 2022 wuchs der bilaterale Handel zwischen Moskau und Baku um fast 25 Prozent auf 3,7 Milliarden US-Dollar.

Zweifellos spielte auch die persönliche Beziehung zwischen Putin und Alijew stets eine wichtige Rolle. Ihr gutes Verhältnis erklärt sich nicht zuletzt durch die Ähnlichkeit ihrer autokratischen Herrschaftssysteme: Putin ist seit 2000 an der Macht, Alijew seit 2003. Zudem diente der Vater des aserbaidschanischen Präsidenten, Heydar Alijew, wie der Kremlchef beim sowjetischen KGB.

Dieses Vertrauensverhältnis ermöglichte Putin im August 2024 einen Besuch in Baku. Angesichts des Haftbefehls des Internationalen Strafgerichtshofs war allein diese Reise ein bedeutendes Ereignis für den sonst vorsichtigen Kremlchef. „Dieser Besuch ist von historischer Bedeutung und wird einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der freundschaftlichen und partnerschaftlichen Beziehungen zwischen unseren Ländern leisten“, erklärte Alijew anschließend.

Unter anderem vereinbarten der aserbaidschanische Staatskonzern SOCAR und der russische Öl- und Gasriese Gazprom eine Vertiefung ihrer strategischen Partnerschaft. Doch nach dem tragischen Absturz des aserbaidschanischen Passagierflugzeugs im Dezember 2024 begannen sich die Beziehungen zwischen Moskau und Baku grundlegend zu verändern.

Spannungen zwischen Moskau und Baku nehmen zu

Aserbaidschan reagierte scharf und stellte drei Forderungen an Moskau: erstens ein Schuldeingeständnis und eine offizielle Entschuldigung, zweitens Entschädigungszahlungen an die Opfer und ihre Angehörigen, drittens die Bestrafung der Verantwortlichen. Putin beschränkte sich darauf, sich bei Alijew dafür zu entschuldigen, dass sich „der tragische Vorfall im russischen Luftraum ereignet habe“. Der Kreml versuchte zudem, mit symbolischen Gesten gegenzusteuern – etwa durch den Bau eines Denkmals für Heydar Alijew in Moskau und die Verleihung des Freundschaftsordens an den Präsidenten des aserbaidschanischen Parlaments.

Doch das genügte Baku nicht. Die Beziehungen kühlten in der Folge deutlich ab. Im Februar des vergangenen Jahres wurde das Russische Haus in Baku geschlossen, das russische Kulturarbeit in der Schwarzmeermetropole leistete. Zudem sagte Alijew kurzfristig seine Teilnahme an Putins wichtigstem Feiertag ab, der Parade zum 80. Jahrestag des Sieges im Zweiten Weltkrieg am 9. Mai.

Das Wrack der Azerbaijan Airlines in der Nähe des Flughafens von Aktau

Das Wrack der Azerbaijan Airlines in der Nähe des Flughafens von AktauAzamat Sarsenbayev/dpa

Im Juni wurden im russischen Jekaterinburg demonstrativ rund 50 Aserbaidschaner festgenommen. Zwei von ihnen starben infolge von Polizeigewalt. Die aserbaidschanischen Behörden sagten daraufhin sämtliche kulturellen Veranstaltungen mit Russlandbezug ab. Darüber hinaus nahm das Innenministerium in Baku zwei Mitarbeiter der russischen Propagandaagentur Sputnik wegen des Verdachts der Zusammenarbeit mit dem FSB fest. Elf weitere russische Staatsbürger wurden unter dem Vorwurf des Drogenschmuggels und -handels aus dem Iran verhaftet.

Die Spannungen hielten bis zum Treffen zwischen Alijew und Putin im Oktober im tadschikischen Duschanbe an. Dort räumte der russische Präsident erstmals ein, dass das aserbaidschanische Flugzeug durch einen fehlgeschlagenen Raketenstart der russischen Luftabwehr beschädigt worden sei. Putin machte jedoch eine ukrainische Drohne als Hauptursache der Tragödie aus.

In Baku wurden diese unvollständigen Eingeständnisse dennoch als diplomatischer Erfolg gewertet. Doch der Triumph war verfrüht.

Ernsthafte Fragen

Auf seiner letzten Pressekonferenz im Jahr 2025 erklärte Aserbaidschans Außenminister Jeyhun Bayramov, Russland habe das Strafverfahren eingestellt. „Ein solcher Schritt wirft natürlich sehr ernste Fragen für uns auf“, sagte er. Besonders irritierend ist für Aserbaidschan, dass Moskau laut jüngsten Informationen bereits im September des vergangenen Jahres, also noch vor Putins Entschuldigung in Duschanbe, alle Anklagen gegen den Hauptverantwortlichen fallen ließ.

Russland habe zwar eine weitere luftfahrttechnische Untersuchung angekündigt, um sämtliche Umstände des Absturzes zu klären, erklärte Farhad Mamedow, Direktor des Zentrums für Südkaukasusstudien in Baku, der Berliner Zeitung. Zudem plane Moskau, eine Delegation nach Kasachstan zu entsenden, um die Untersuchung an der Absturzstelle abzuschließen. Anschließend werde Kasachstan einen Abschlussbericht veröffentlichen.

„Sollte Russland die Verantwortlichen nicht bestrafen und keine Entschädigung zahlen, behält sich Baku das Recht vor, internationale Gerichte anzurufen“, sagte Mamedow. Um Druck auszuüben, hält Aserbaidschan weiterhin die elf russischen Staatsbürger in Untersuchungshaft, die wegen mutmaßlichen Drogenschmuggels festgenommen wurden. „Das Schicksal dieser Russen hängt von Moskaus Handeln ab“, erklärte Mamedow.

Für Putin, der seine Sicherheitskräfte grundsätzlich schützt, ist die Zurückhaltung bei der Bestrafung der Schuldigen auch eine Frage des politischen Images. „Moskau ist der Ansicht, dass Bündnispartner Konflikte diskret und ohne Skandale regeln sollten“, sagt Kirill Kriwoscheew, Experte für den postsowjetischen Raum. Zudem habe der Kreml den Tod von sechs Angehörigen russischer Friedenstruppen in Bergkarabach im September 2023 nicht vergessen, die bei aserbaidschanischem Beschuss ums Leben kamen. Damals übernahm Baku zwar die Verantwortung, ließ die Verantwortlichen jedoch unbehelligt – ein Vorgehen, an dem sich Moskau nun orientiere.

Der ukrainische Faktor

Da Russland und Aserbaidschan einen offenen Konflikt vermeiden wollen, verlagern sie ihre Auseinandersetzung auf indirekte Ebenen. Die Ukraine ist zu einem solchen „Schlachtfeld“ geworden. Im vergangenen Jahr demonstrierte Alijew offen seine Unterstützung für Kiew. Im Juli erhielt er von einem ukrainischen Journalisten ein Abzeichen der ukrainischen Streitkräfte. Auf Nachfrage rief er die Ukraine auf, „niemals einer Besatzung zuzustimmen“. Im September wurde bekannt, dass Aserbaidschan MiG-29-Kampfjets an die Ukraine liefert.

Soldaten aus Aserbaidschan marschieren bei der Militärparade auf dem Roten Platz, gefolgt von Truppen aus Belarus und Kasachstan. Präsident Alijew war im vergangenen Jahr jedoch nicht mit von der Partie beim „Tag des Sieges“ in Moskau.

Soldaten aus Aserbaidschan marschieren bei der Militärparade auf dem Roten Platz, gefolgt von Truppen aus Belarus und Kasachstan. Präsident Alijew war im vergangenen Jahr jedoch nicht mit von der Partie beim „Tag des Sieges“ in Moskau.Ulf Mauder/dpa

Zugleich warnte die aserbaidschanische Generalstaatsanwaltschaft ihre Staatsbürger vor einer Teilnahme am russisch-ukrainischen Krieg – eine Warnung, die sich offenbar ausschließlich an Kämpfer auf russischer Seite richtet. Im Dezember verurteilte ein Gericht in Baku einen Aserbaidschaner, der für die Söldnergruppe Wagner gekämpft hatte, zu dreieinhalb Jahren Haft.

Auffällig ist zudem, dass die ukrainische Botschaft in Baku Porträts Dutzender Aserbaidschaner zeigt, die im Kampf für die Ukraine gefallen sind. Am Gebäude der russischen Botschaft hingegen findet sich keinerlei Bezug zur sogenannten militärischen Spezialoperation. Moskau reagierte stattdessen mit Vergeltung. Im November schlug bei einem erneuten russischen Angriff auf Kiew eine Rakete direkt auf dem Gelände der aserbaidschanischen Botschaft ein.

Gemeinsame Interessen

Trotz aller Widersprüche verbindet Russland und Aserbaidschan weiterhin vieles. Eine weitere Eskalation wäre für beide Seiten nachteilig.

Der Kreml will seine Präsenz im Südkaukasus bewahren. Auch wenn die Normalisierung der Beziehungen zwischen Aserbaidschan und Armenien inzwischen weitgehend ohne russische Vermittlung voranschreitet, könnte Moskau weiterhin Einfluss nehmen. So besitzt Russland die Konzession für die armenische Eisenbahn und könnte damit zur Öffnung von Verkehrswegen beitragen.

Zudem verläuft der strategisch wichtige Nord-Süd-Transportkorridor durch Aserbaidschan. Ein durchgängiges Eisenbahnnetz würde es Russland ermöglichen, Waren von der Ostsee bis zum Persischen Golf und zum Indischen Ozean zu transportieren.

Ende Dezember lehnte Alijew erstmals eine Teilnahme am Gipfel der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten in St. Petersburg ab. Moskau reagierte demonstrativ gelassen. Im Gegenteil: Putin gratulierte seinem aserbaidschanischen Amtskollegen am folgenden Tag telefonisch zum Geburtstag. Kremlsprecher Dmitri Peskow betonte, Alijews Abwesenheit habe keinen Einfluss auf die bilateralen Beziehungen.

Ein weiterer Beleg für das gegenseitige Interesse ist das Handelsvolumen zwischen beiden Ländern, das 2025 um fast drei Prozent gestiegen ist. Eine weitere Eskalation ist deshalb weder für Russland noch für Aserbaidschan notwendig. Doch bislang ist keine der beiden Seiten bereit, im diplomatischen Konflikt um den Flugzeugabschuss nachzugeben.