Die Thrash-Kapelle ANTHRAX gehört neben METALLICA, MEGADETH und SLAYER zu den „Big Four“ des Thrash Metal, was sich zwar nicht unbedingt in Verkaufszahlen (zumindest im unmittelbaren Vergleich mit den anderen drei Bands), aber in einem gewissen Kultstatus widerspiegelt. Dieser begründet sich einerseits in der Selbstironie, mit der die Band seit jeher auftritt, aber auch in der stilistischen Offenheit, mit der das Quintett seit Anbeginn der Karriere polarisiert – und vermutlich muss man den Jungs bis in alle Ewigkeit dafür dankbar sein, dass sie die in den Achtzigern noch ziemlich plan- und vor allem mittellosen METALLICA in ihrem Proberaum mit Erdnussbuttersandwiches durchgefüttert haben.

Die New Yorker haben herkunftsbedingt seit Karrierestart eine starke Verbindung zur lokalen Hip-Hop-Szene, die in den 1980er und 1990er Jahren in der US-amerikanischen Ostküstenmetropole prosperierte. Die Singles „I’m The Man“ (1987) und „Bring Tha Noize“ (1991, gemeinsam mit PUBLIC ENEMY) waren Crossover, bevor der Begriff überhaupt geprägt wurde. Aber auch im weiteren Karriereverlauf zeigten sich ANTHRAX immer offen gegenüber neuen Einflüssen und schafften die Gratwanderung, diese in ihren Stil zu integrieren, ohne sich dabei dem Kommerz anzubiedern.

Das sechste Studioalbum „Sound Of White Noise“ ist hierfür ein schönes Beispiel, stellt es doch eine Zäsur in der Geschichte von ANTHRAX dar: 1993 veröffentlicht, ist es der erste Longplayer ohne den bisherigen Frontmann Joey Belladonna und das vorerst letzte Album mit dem Leadgitarristen Dan Spitz. Wenig überraschend haben Versatzstücke aus Alternative Rock, Groove Metal und Grunge ihren Weg in die elf Songs gefunden – alles in den frühen Neunzigern populäre und auch kommerziell erfolgreiche Strömungen. Das Ergebnis Nu Metal zu nennen, führt definitiv zu weit, aber es lässt sich nicht leugnen, dass die Jungs einige für dieses Genre stilprägende Elemente auf diesem Album vorweggenommen haben.

Gesanglich ist der Unterschied zwischen dem neuen Frontmann John Bush (ehemals ARMORED SAINT) und seinem Vorgänger Belladonna immens, was dazu führte, dass sich die ANTHRAX-Fangemeinde auch heute noch in zwei Lager aufteilen lässt – je nach Frontmann- und Gesangsvorliebe. Belladonna begeistert als klassischer Tenor heute nach wie vor Oldschool-Metal-Fans, während Bush mit seiner bluesig-rauen Stimme auch Alternative-Rock-Fans abholt. Technisch sind beide Vokalisten super, alles andere ist eben Geschmackssache.

Bei den Kompositionen an sich gibt es nichts zu meckern: Die Single „Only“ ist ein Hit und gehört sicherlich zu den stärksten ANTHRAX-Songs der Neunziger. Auch die Ballade „Black Lodge“ hat mehr als nur ein bisschen Ohrwurmcharakter, ebenso wie „Room For One More“. Roter Faden der Kompositionen ist nach wie vor durchaus punkiger Thrash Metal, allerdings wurden groovigen Midtempo-Passagen und melodischen Hooklines gefühlt etwas mehr Platz eingeräumt als zuvor. Alles in allem läuft das Album super durch, musikalische Ausfälle gibt es nicht zu verzeichnen. Zumal man den durch und durch versierten Musikern in jedem Moment ihre Spielfreude anhört.

Dass als Produzent Dave Jerden verpflichtet wurde, sorgt ebenfalls für eine subtile Abkehr vom klassischeren Thrash-Sound der vorangegangenen Alben. Jerden war zuvor für die Produktion der beiden ALICE-IN-CHAINS-Longplayer „Facelift“ und „Dirt“ verantwortlich, deren charakteristische Mischungen auch heute noch ansprechend sind – und dies trifft auch auf „Sound Of White Noise“ zu. Mit PUBLIC ENEMYs DJ Terminator X (Scratches auf „1000 Points Of Hate“) und David Lynchs Haus- und Hofkomponisten ANGELO BADALAMENTI (Streicherarrangement „Black Lodge“) sind noch zwei prominente Gäste auf „Sound Of White Noise“ vertreten.

„Sound Of White Noise“ ist und bleibt ein Highlight in der inzwischen recht umfangreichen ANTHRAX-Diskografie – und funktioniert auch heute noch erstaunlich gut, die Songs sind gut gealtert. Wer sich mit dem Schaffen der New Yorker noch nicht auseinandergesetzt hat, findet in diesem Album einen guten Einstiegspunkt – zumindest in die John-Bush-Ära. Wer direkt den Sängervergleich mit Joey Belladonna wagen möchte, möge doch die Vorgängerplatte „Among The Living“ in die Playlist packen – denn beide Inkarnationen der Band haben nach wie vor ihren Reiz.

Du siehst gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicke auf die Schaltfläche unten. Bitte beachte, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen