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Um Lieferungen aus Russland zu vermeiden bezieht Europa auch US-Flüssiggas, hier in Athen. © IMAGO/Nicolas Koutsokostas
Kein Öl und Gas aus Russland zu beziehen ist ein richtiger Ansatz, aber er kommt zu spät – ein Gasbeitrag von dem Betriebswirt Stefan Schaltegger.
Auch fast vier Jahre nach der vollen russischen Invasion geht der Krieg in der Ukraine weiter. Dabei stellt sich für Menschen in Deutschland auch die unbequeme Frage: Finanzieren unser Konsum und die Lieferketten unserer Unternehmen den Krieg mit, oder tragen sie zum Frieden bei?
Warum gibt es potentiell einen solchen Zusammenhang? Jeder Einkauf – privat wie geschäftlich – ist ein geopolitischer Akt. Kriege sind nur möglich, wenn sie finanziert werden können. Russlands Angriffe auf ukrainische Städte werden finanziert mit jedem Euro aus dem Verkauf von natürlichen Ressourcen wie Öl, Gas und Erzen. Mindestens ein Drittel des russischen Staatshaushalts speist sich aus Energieexporten. Solange Finanzierungsquellen wie diese sprudeln, geht auch der Krieg weiter. Das macht persönliche und unternehmerische Einkaufsentscheidungen zur Friedensfrage.
Lieferketten werden in letzter Zeit primär unter dem Blick von Regulierungen diskutiert. Bei Unternehmen mit globalen Lieferbeziehungen ist deren Handhabe schon seit einiger Zeit ein Thema für das Qualitäts-, Kosten-, Innovations- und Reputationsmanagement. Hohe Produktqualität und attraktive Preise sind nicht nur das Resultat aus innerbetrieblichen Optimierungen, sondern auch von guter Arbeit der Lieferanten. Viele europäische Unternehmen geben einen Großteil ihres Umsatzes für beschaffte Leistungen aus. Zugleich hängt der Zuspruch von Kund:innen auch von immateriellen Qualitätseigenschaften ab.
Zur Serie
Menschen brauchen Frieden. Aber es herrscht Krieg in der Ukraine, im Nahen Osten und in anderen Teilen der Welt. Welche Wege können zum Frieden führen?
In der FR-Serie
#Friedensfragen suchen Expertinnen
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auf drängende Fragen.
Dabei legen wir Wert auf eine große Bandbreite der Positionen – die nicht immer der Meinung der
FR entsprechen.
Alle Gastbeiträge stehen auf www.fr.de/friedensfragen
So erlangen Informationen über die Lieferkette zunehmende Bedeutung. Soziale und ökologische Fragen haben zur Entwicklung des nachhaltigen Lieferkettenmanagements, auch „Sustainable Supply Chain Management“ genannt, geführt. Unternehmen sollte dazu bekannt sein, welche Sozial- und Umweltwirkungen das hergestellte Produkt über den gesamten Lebenszyklus verursacht. Während Arbeitsbedingungen, Kinderarbeit und Umweltwirkungen in Lieferketten schon seit Jahren beachtete Themen darstellen, ist die Frage, wie Konflikte darin impliziert sind, erst kürzlich stärker ins Bewusstsein geraten. Die EU plant so bis Ende 2027 kein oder fast kein Öl und Gas mehr aus Russland zu beziehen – das ist ein richtiger Ansatz, aber zu spät angesichts des menschlichen Leids des Ukraine-Krieges.
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Zahlen verdeutlichen das Versagen des bisherigen Lieferkettenmanagements. In Untersuchungen zur Herkunft von Konfliktmineralien konnte nur ein Prozent der befragten Unternehmen ihre Produkte sicher als konfliktfrei zertifizieren. Vier von fünf Unternehmen gaben an, die Herkunft ihrer Konfliktmineralien nicht genau zu wissen. Eine Untersuchung der EZB weist darauf hin, dass die EU 2022 so viel mit autokratischen Staaten und Diktaturen gehandelt hat wie nie zuvor – denn gerade die Seltenen Erden, die Smartphones, LEDs, Elektromotoren (incl. die Elektronik in Autos mit Verbrennungsmotor) und Windkraftanlagen leistungsfähig machen, kommen überwiegend in Ländern mit autokratischen Regimen vor.
Und laut einer aktuellen KPMG-Studie steuert nur jedes vierte deutsche Unternehmen geopolitische Risiken strukturiert. Aber 58 Prozent der Unternehmen sehen sich sehr stark oder deutlich von geopolitischen Risiken betroffen.
Zur Person
Stefan Schaltegger ist Ordinarius für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Nachhaltigkeitsmanagement, an der Universität Leuphana Lüneburg. Er hat zudem das Centre for Sustainability Management (CSM) gegründet und 2003 den weltweit ersten MBA Studiengang Sustainability Management eingeführt.
Wie können Lieferketten von Unternehmen so umgestaltet werden, dass sie keine Ressourcen aus Russland oder anderen kriegstreibenden Nationen beinhalten? Solche Informationen sind leider nicht auf Produkt-Etiketten nachzulesen. Kein Smartphone trägt den Hinweis „Finanziert Krieg“.
Ein Weg, bessere Entscheidungen zu treffen, ist Produkte zu bevorzugen, die ausdrücklich Nachhaltigkeitsansätze für ihre Lieferketten umsetzen. Dazu zählen etwa solche, die Fair Trade-Siegel tragen, durch Aufbereitung („Refurbishing“) möglicherweise problematische Neuproduktion vermeiden oder über hohe Recyclinganteile verfügen. Auch kann auf Produkte verzichtet werden, die in ihrer Zusammensetzung erdölbasierte Kunststoffe und unbekannte, globale Lieferketten aufweisen oder die statt mit fossilen Energieträgern wie Öl und Gas mit regenerativen Energien hergestellt werden. Mit solchen Ansätzen lässt sich die Wahrscheinlichkeit reduzieren, unerwünschte Beschaffungsfolgen zu verursachen.
Für engagierte Unternehmen mag sich die Frage stellen, ob neben Nachhaltigkeitsbeauftragten auch die Schaffung des Postens „Chief Peace Officer“ oder zumindest ein geopolitisches Training für Einkäufer:innen möglich ist. Nachhaltiges Lieferkettenmanagement identifiziert und behebt idealerweise geopolitische Blindpunkte des eigenen Geschäfts. In Krisenzeiten reicht es nicht, Kosten, Qualität, soziale oder ökologische Risiken zu prüfen. Wir sind auch herausgefordert, systematisch zu erfassen, ob Rohstoffe aus Konfliktregionen stammen und wir mit Einkäufen Kriegskassen finanzieren.
Für Unternehmen kann das etwa den Vorteil haben, Reputationsschäden zu vermeiden. Nichtregierungsorganisationen decken immer wieder Missstände bei Zulieferern auf. Unternehmen, die bekannte Marken führen, werden dabei besonders angesprochen und für den Hintergrund ihrer Produkte verantwortlich gemacht, auch was Involvierung in Kriege betrifft. Wieder sind es dabei die Sublieferanten, die am Anfang der Wertschöpfungskette stehen, und mit denen das Unternehmen keine direkten geschäftlichen Beziehungen pflegt, die eine besondere Rolle haben. Es wäre erstaunlich, wenn die Frage, ob ein Unternehmen (den russischen) Krieg mitfinanziert, zukünftig bedeutungslos bliebe. Um das nicht unwissentlich zu tun, sollten Firmen und Verbrauchende sich fragen: Unterstützen ihre Lieferketten Frieden – oder Krieg? Machen Sie einen „Friedens-Audit“!