Die Nürnberger Schülerin Emma Schertlin erforschte in ihrer Seminararbeit das Leben des jüdischen Komponisten Franz Reizenstein. Vom frühen Talent in Nürnberg über die Flucht vor den Nationalsozialisten bis zur Anerkennung in London: Ihre Spurensuche verbindet historische Forschung, persönliche Begegnungen und die Wiederentdeckung verschollener Werke.

„Ich habe am Anfang gar nicht unbedingt nach einem jüdischen Schicksal gesucht. Ich wollte etwas mit Musik machen – das war mein erster Impuls“, sagt sie im Gespräch; Musik sei für sie ein persönlicher Anker, eine Sprache, die sie von Kindesbeinen an begleitet habe. Aus dieser Neugier entstand eine Arbeit, die nicht nur fachlich überzeugte, sondern auch in der lokalen Öffentlichkeit wahrgenommen wurde.

Für Emma wurde schnell deutlich, wie stark sich in Reizensteins Lebenslauf die Brüche und Härten des 20. Jahrhunderts spiegeln. Früh zeigte sich sein musikalisches Talent – schon als Vier- oder Fünfjähriger komponierte er erste Stücke, mit 17 gab er ein Konzert am Städtischen Konservatorium. Doch mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich alles. Auf Anraten seines Lehrers Paul Hindemith emigrierte er nach London, wo er sein Studium fortsetzte. Emma bringt das so auf den Punkt: „Wo die Musik für ihn wirklich überlebenswichtig wurde, war, als er emigriert ist nach London. Dort hat er weiterkomponiert, auch in den Internierungslagern, wo viele begabte Leute saßen. Das zeigt: Musik war für ihn ein Lebensanker.“

Nach dem Krieg wurde Reizenstein international anerkannt, schrieb auch Filmmusik und unternahm Konzertreisen. Zugleich blieb sein Name in Deutschland lange unauffällig – bis Nürnberg in den 1960er Jahren begann, ihn als „Sohn der Stadt“ wieder sichtbar zu machen.

Erinnerung und „Wiedergutmachung“

Eine zentrale Fragestellung von Emmas Arbeit war, wie eine Stadt mit einem solchen Erbe umgeht: „Warum hat Nürnberg ihm Anfang der 60er Jahre diesen Kulturpreis verliehen? Erst hatte man ihn vertrieben – und plötzlich war man stolz, ihn als ‚Sohn der Stadt‘ zu präsentieren.“ Diese Ambivalenz – Würdigung einerseits, das Unvermögen, das Vorherige gutzumachen, andererseits – zieht sich durch ihre Analyse. In den Quellen fand sie Hinweise darauf, dass Begriffe wie „Wiedergutmachung“ zwar diskutiert, bei der öffentlichen Preisverleihung aber bewusst zurückgestellt wurden, um Reizenstein vorrangig als Komponisten auszuzeichnen.

Emma resümiert differenziert: „Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass das Thema Wiedergutmachung präsent war, aber nicht den Kern bildete. Es ging darum, Franz Reizenstein als Musiker zu würdigen – und trotzdem konnte man die Geschichte nicht einfach trennen.“

Die Wiederentdeckung verschollener Werke

Bei ihren Recherchen stieß Emma auf kaum gespielte bzw. verschollene Stücke Reizensteins – etwa die Radio-Opern „Lidl“ und „Anna Kraus“. Letztere, eine eindringliche Verarbeitung des Flüchtlingsthemas, endet tragisch und zeigt, wie sehr das Exil künstlerisch in Reizensteins Denken verankert blieb. Dieser Befund machte Emma deutlich, wie Biografie und Werk sich wechselseitig erhellen können.

Emma kontaktierte Sohn John Reizenstein, der ihr wertvolle Einblicke und Material aus dem Familiennachlass zur Verfügung stellte. John schickte ihr etwa das verschollen geglaubte Libretto zu „Anna Kraus“ – ein Fund, der ihre Arbeit bereicherte und zugleich die familiäre Dimension der Forschung betonte.

Aus dem wissenschaftlichen Interesse wurde persönliche Begegnung: John lud Emma ein, als Au-pair für drei Monate zu seiner Familie nach London zu kommen. Von April bis Juli 2023 lebte sie dort, betreute Kinder und bekam zugleich einen unmittelbaren Eindruck von zeitgenössischem, kulturellem Judentum: „Es war kein sehr strenges religiöses Leben, eher kulturelles Judentum. Aber ich habe den Freitagabend als Familientag erlebt – und das war für mich eine wertvolle Erfahrung.“

Preise und öffentliche Anerkennung

Emmas Arbeit blieb nicht unbeachtet: Sie wurde mit mehreren Auszeichnungen geehrt. Das Stadtarchiv Nürnberg nennt sie als eine der Förderpreisträgerinnen des Jahres 2024 für ihre Seminararbeit über Franz Reizenstein. Zudem verlieh das Melanchthon-Gymnasium ihr einen W-Seminarpreis für die herausragende Leistung im W-Seminar „Schulgeschichte 500×MGN“. Auf Landesebene erhielt sie beim BCJ.Bayern-Studienpreis 2025 den 2. Preis in der Kategorie W-Seminar; die Laudatio hielt OStRin i.K. Dr. Ursula Leipziger.

Diese Ehrungen markieren, wie sehr eine schulische Forschungsarbeit lokale Erinnerung, wissenschaftliche Neugier und öffentliche Anerkennung verbinden kann – und wie ein einzelnes Projekt Impulse für kulturelle Wiederentdeckung setzt.

Lernen für die Gegenwart

Für Emma war die Arbeit mehr als ein Schulprojekt: „Man beschäftigt sich anders mit der eigenen Stadt, wenn man in den Quellen liest, Interviews führt und solche Schicksale entdeckt“, reflektiert sie. Ihre Lehrerin Martina Switalski hebt hervor, dass Emma sich nicht mit bloßer Biografiearbeit zufriedengab, sondern die moralischen und erinnerungskulturellen Dimensionen des Themas aufgriff; das machte die Arbeit sowohl wissenschaftlich als auch gesellschaftlich relevant.

Und Emma selbst zieht eine persönliche Bilanz: „Es geht darum, die Musik Reizensteins wieder hörbar zu machen – und damit sein Andenken lebendig zu halten. Gleichzeitig habe ich verstanden, wie schwierig, aber auch wie wichtig die deutsch-jüdische Geschichtsaufarbeitung ist. Sie darf nicht nur im Museum stattfinden, sondern muss lebendig bleiben.“

Die Arbeit an Reizenstein hat Emmas Blick geschärft: Sie sieht Erinnerung nicht als abgeschlossenes Kapitel, sondern als fortlaufende Aufgabe. Heute studiert sie Deutsch und Geschichte und hat damit genau die Fächer gewählt, die ihr erlauben, die deutsch-jüdische Geschichte weiter zu erforschen und zu vermitteln. Ihr besonderer Blick auf diese Thematik – geprägt durch Quellenarbeit, Begegnungen und die Erfahrung in der Familie Reizenstein – lässt hoffen, dass künftige Generationen nicht nur Daten lernen, sondern lebendige Biografien und die damit verbundenen Fragen von Verantwortung und Erinnerung.