Schnee, Sonne, Abfahrtspisten mit griffigem Untergrund – ein Wintersport-Traum. Wer denkt da schon an Böses? Vor allem an einen Skiunfall, der noch dadurch getoppt wird, dass der Verursacher einfach das Weite sucht – sich also aus der Verantwortung stiehlt.

Salopp ausgedrückt  geht es um Fahrerflucht, ein Delikt, das traditionell eher auf Straßen und Parkplätzen verortet wird. Aber auf der Skipiste? Daran denkt wohl kaum einer – zu Unrecht, wie es sich zeigt. Die Zahlen solcher Untaten im Wintersport nehmen nämlich stetig zu.

Aufgerappelt und wortlos verschwunden

Wie schnell es im Ernstfall passieren kann, zeigen aktuelle Beispiele. Eines davon führt ins Vorarlberger Skigebiet Schröcken ganz hinten im Bregenzerwald – dort, wo sich die Straße hoch zum Hochtannbergpass windet.

Es ist Ende Dezember, kurz vor zehn Uhr morgens, wie es im Polizeibericht heißt. Ein Skifahrer schwingt sich die Auenfeld-Piste hinunter, eine örtliche Genussabfahrt. Ein weiterer Wintersportler taucht auf seinen Brettern auf. Beide fahren nebeneinander. Dann macht der zweite Skifahrer einen unerwarteten scharfen Linksschwung. Es kommt zur Frontalkollision.

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Der zweite Mann rappelt sich auf, zieht seine verloren gegangenen Skier wieder an – und verschwindet wortlos auf Nimmerwiedersehen. Zurück im Schnee bleibt der erste Skifahrer. Sein medizinisches Ergebnis: zwei gebrochene sowie zwei geprellte Rippen auf der linken Körperseite. Der Rettungshubschrauber bringt ihn zur Behandlung nach Lech, dem nahen Nobel-Skiort am Arlberg. Indes gibt die Polizei eine Fahndung nach dem unbekannten Wintersportler heraus.

Weitere Beispiele führen ins Salzburger Land. Dort ist es am 1. Weihnachtsfeiertag am recht bekannten Kitzsteinhorn in Kaprun sogar zu einer zweifachen Unfallflucht gekommen. Eine Dänin wartet unterhalb einer Geländekuppe am Pistenrand. Von oben rast ein Snowboarder heran, wie die Polizei später das Ereignis beschreibt. Der Mann schanzt über die Kuppe, rammt die Dänin voll, sortiert sich danach kurz und schaut, dass er das Weite gewinnt.

Schwierige Fahndung

Im selben Gebiet wird eine gestürzte Niederländerin von einer abfahrenden Skiläuferin mit den Skiern am Helm und am Genick erfasst. Diese Frau verschwindet daraufhin spurlos. Bei den Opfern der beiden Unfälle endet der Tag im Krankenhaus.

Einmal mehr läuft die Fahndung nach den vermeintlichen Unfallverursachern – üblicherweise ein fruchtloses Unterfangen, wie es aus Kreisen der österreichischen Alpin-Polizei heißt. „Die Flüchtigen haben ja kein Nummernschild“, meint ein Vorarlberger Vertreter dieser Gesetzeshüter-Zunft salopp.

Ferner spottet er, Schutzhelm und Skibrille könnten praktisch als Vermummung betrachtet werden. Beschreibungen wie blauer Anorak und rote Skihose seien auch nur eingeschränkt zielführend. In der Tat: Diese Kleiderkombination gibt es in Skigebieten wie Sand am Meer.

Erschreckende Zahlen

Wie relevant sind aber solche Ereignisse in den Skigebieten? Die Österreicher haben dazu belastbare Zahlen. Sie sind erschreckend. Demnach kommt es nicht nur vermehrt zu Fahrerflucht. Diese Tat spiegelt sich bereits in 20 bis 25 Prozent aller Pistenunfälle wider, so eine Ereignisauswertung  des Österreichischen Kuratoriums für alpine Sicherheit im Verbund mit dem nationalen Skiverband.

Die Alpine Einsatzgruppe der Polizei im Allgäu ist unter anderem bei Skiunfällen aktiv.Bild vergrößern

Die Alpine Einsatzgruppe der Polizei im Allgäu ist unter anderem bei Skiunfällen aktiv. (Foto: Polizei)

Prinzipiell gehen Experten der Szene von einer hohen Dunkelziffer aus. Dies hat damit zu tun, dass simple Fälle womöglich gar nicht gemeldet werden. Was der Fall sein könne, wenn ernsthafte Verletzungen ausbleiben, wird spekuliert. Auf gut Deutsch: Eventuell wird der große blaue Kollisionsfleck am Oberschenkel hingenommen, weil Geschädigten die Meldung bei der Polizei viel Zeit vom ansonsten so schönen wie teuren Skitag kosten könnte.

Möglicherweise ist es beim Unfall auch bloß zu Materialschäden gekommen, verkratzte Skier etwa. Sind diese nur geliehen, was heutzutage oft vorkommt, mag vielen der Schaden gleichgültig sein.

Häufige Kollisionen

Welchen Spielraum besagte Dunkelziffern haben könnten, zeigt der Blick auf die Unfallarten während des Wintersports. Die in Österreich erfassten Zahlen sind dabei vielsagend. Sie beruhen auf Angaben von Opfern, die in medizinische Behandlung mussten.

Demnach sind bis zu 50 Prozent der Patienten durch andere Skifahrer zum Sturz gekommen – ohne dass bei diesen Fällen bereits eine generelle Wertung zu einer möglichen Flucht von Beteiligten vorliegt. Gleichzeitig sind Kollisionen eben jene Pisten-Unfallart, bei der ein Abhauen oft registriert wird. Nach dieser Logik bedeuten mehr Zusammenstöße auch eine Steigerung bei der Fahrerflucht.

In Bayern gestaltet sich die Recherche zu diesem Thema noch etwas heikler. Üblicherweise beziehen sich dort die verfügbaren Zahlen auf allgemeine Unfallzahlen. Dennoch lässt sich auch für die Wintersportgebiete des Freistaats Verdächtiges aus der Statistik-Welt finden. Es ist nämlich ein Anstieg der Kollisionsunfälle  zu verzeichnen. In der Saison 2023/2024 waren es 1,73 pro 1000 Skifahrer. In der Vorsaison lag die Ziffer bei 1,5.

Womöglich im guten Glauben weitergefahren

Eine Erfassung von Fahrerflucht fehlt jedoch. Schätzungen gehen von Verhältnissen wie im benachbarten Österreich aus. Ein kürzlich bei der Oberallgäuer Wintersporthochburg Oberstdorf registrierter Zwischenfall zeigt dabei, dass es bei der Unfallflucht auf der Piste jedoch auch uneindeutige Ereignisse gibt.

Das Fellhorngebiet bei Oberstdorf: Volle Pisten erhöhen das Risiko von Kollisionen.Bild vergrößern

Das Fellhorngebiet bei Oberstdorf: Volle Pisten erhöhen das Risiko von Kollisionen. (Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Es geht um einen Skifahrer, der kurz vor dem Jahreswechsel im Skigebiet der Fellhorn-Bahn unterwegs gewesen ist. Er stößt im oberen Bereich der Wintersportarena mit einer Skiläuferin zusammen. Der Grund dafür ist aus der Polizeimeldung nicht ersichtlich. Jedenfalls fühlt sich der Mann vorerst nicht weiter verletzt. Es sei nicht so schlimm, ihm gehe es gut, teilte er der Frau mit, die mit ihm kollidiert war.

Diese setzt daraufhin ihre Abfahrt fort – vermutlich im guten Glauben, nur einen lapidaren Zwischenfall erlebt zu haben. Was ja bei sportlichem Tun vorkommen kann. Wenig später spürt der Mann eine schwere Verletzung. Eine Schulter hat es hart getroffen. Ein Rettungshubschrauber bringt ihn ins Krankenhaus. Die Alpine Einsatzgruppe der bayerischen Polizei ist auf der Suche nach der Unfallbeteiligten und Zeugen – bisher vergeblich, wie mitgeteilt wird.

Eine Verletzte hilflos zurückgelassen

Die Liste solcher Ereignisse lässt sich locker verlängern – ganz gleich, ob es sich um eine mögliche Unfallflucht im guten Glauben handelt oder sogar um hochkriminelles Handeln, bei dem Verletzte hilflos zurückgelassen werden. Mitte Dezember wurde in dem zwischen Kärnten und dem Salzburger Land befindlichen Skigebiet Katschberg eine Tat der letzteren Kategorie verzeichnet.

Eine 70-Jährige fährt eine der vielen Abfahrten hinunter. Es kommt zu einem heftigen Zusammenstoß mit einer weiteren Skifahrerin. Beide Frauen stürzen in den Schnee. Während die 70-Jährige verletzt zurückbleibt, setzt die zweite, bislang unbekannte Skifahrerin ihre Fahrt fort – ohne anzuhalten, ohne Hilfe zu leisten.

Sie verschwindet einfach im dichten Skibetrieb des Katschberg-Gebiets. Erst ein nachfolgender Wintersportler erkennt die ernste Lage der auf der Piste liegenden Frau. Er leistet Erste Hilfe und setzt die Rettungskette in Gang. Später ist im Krankenhaus von schweren, teilweise inneren Verletzungen die Rede.

Steigt die Verrohung?

Jetzt könnte man angesichts solcher Beispiele meinen, auf den Pisten gebe es eine steigende Verrohung – so wie anderswo auch. Immerhin weisen unter anderem deutsche Kriminalitätsstatistiken bundesweit auf vermehrte Gewalttaten hin. Messerangriffe haben zugenommen. Attacken auf Polizei oder Hilfskräfte wie Sanitäter oder Feuerwehrleute werden in den Städten mit brutaler Regelmäßigkeit registriert, zuletzt zum Jahreswechsel. Siehe Berlin und andere Brennpunkte.

Skifahren kann ein Traum sein – solange nichts passiert. Diese beiden Wintersportler sind in den Südtiroler Dolomiten unterwegs.Bild vergrößern

Skifahren kann ein Traum sein – solange nichts passiert. Diese beiden Wintersportler sind in den Südtiroler Dolomiten unterwegs. (Foto: Eggental Tourismus/Laurin Moser)

Allerdings dreht es sich in der Wintersportwelt nicht um gezielte Gewalt. Die Zunahme an moralischer Verkommenheit wäre vielleicht eine bessere These bei der Ursachensuche im Hinblick auf Fahrerflucht.

Damit gerät man jedoch auf schwankenden Grund. Sozialforscher bemängeln zwar seit vielen Jahren das Entstehen einer Ich-Gesellschaft. Der Einzelne würde sich primär bloß um sich selbst kümmern, glauben sie. Aber der Tendenz zu mehr Fahrerflucht auf der Piste lässt sich auch anders auf die Spur kommen – auf recht gewöhnliche Art und Weise sogar.

Die Zahl der Skifahrer steigt seit Jahrzehnten

Dies hat mit der über Jahrzehnte hinweg gestiegenen Zahl von Wintersportlern zu tun. Die Wirtschaftskammer Österreich hat eruiert, dass es weltweit inzwischen 135 Millionen davon gibt – mehr als je zuvor.

Insider der Szene könnten jetzt einwenden, dass kurioserweise ausgerechnet zwischen Wien und Bregenz immer weniger Menschen das kostspielige Hobby betreiben. Ähnliches gilt auch für Deutschland. Wie die österreichische Wirtschaftskammer jedoch mitteilt, werden einheimische Verluste durch anreisendes internationales Publikum erfolgreich ausgeglichen – Briten, Araber, Asiaten. Dem Ansturm scheinen keine geografischen Grenzen mehr gesetzt zu sein.

Mit anderen Worten: Die Skipisten sind nach wie vor voll – vielleicht sogar zu voll. Hier sieht das Österreichische Kuratorium für alpine Sicherheit dann auch eine Hauptursache für die unheilvolle Entwicklung. Seine banale Erkenntnis: Die höhere Menschendichte auf den Pisten führt zu häufigeren Kollisionen. Enthemmung durch Trinkgelage auf den Skihütten während des Skibetriebs tue ein Übriges.

Harte Strafen sind möglich

Wenn mehr geschieht, steigt damit auch die Anzahl unschöner Handlungen, etwa in Form von Unfallflucht, lautet der Schluss des Kuratoriums. Übeltäter gibt es halt immer.

Wobei aber sogar eine Pistenordnung existiert, die als Handlungsanweisung bei Skiunfällen dient. Sie stammt von der Fédération Internationale de Ski, abgekürzt als FIS bekannt. Auf Deutsch ist es einfach der Internationale Skiverband. Bei Unfällen besagen die FIS-Regeln: Hilfeleistung ist Pflicht. Wer von hinten oder oben kommt, haftet im Zweifelsfall. Jeder muss seine Personalien angeben.

Unabhängig davon greift das Gesetz. In Österreich kann es bei Unfallflucht zu Geldstrafen von mehr als 2000 Euro kommen. Dies gilt für die Straße sowie die Piste. Bei Personenschaden droht zusätzlich ein strafgerichtliches Verfahren wegen „Imstichlassens eines Verletzten“ mit Freiheitsstrafen von bis zu drei Jahren. Wer sich in bayerischen Skigebieten nach einem Unfall aus dem Staub macht und erwischt wird, hat mit vergleichbaren Folgen zu rechnen.