Stand: 13.01.2026 16:23 Uhr

Es ist ein bundesweit einmaliger Fall: Vor dem Landgericht Hannover hat der angeklagte Staatsanwalt Yashar G. eingeräumt, eine Drogenbande mit Ermittlungsinformationen versorgt zu haben – gegen Bezahlung.

von Mandy Sarti, Benedikt Strunz

Eine entsprechende Erklärung wurde heute von der Verteidigung des angeklagten Staatsanwalts verlesen. Darin räumt Yashar G. neun der 14 Taten ein, die die Staatsanwaltschaft Osnabrück ihm vorwirft. Er gibt dabei auch zu, „pro Tat 2.500 Euro erhalten zu haben“. Zu weiteren Details wollte er keine Angaben machen. Noch zu Beginn des Prozesses hatte Yashar G. die Taten vollumfänglich bestritten.

Nach Warnung von Yashar G.: Kokainbande setzt sich ins Ausland ab

Konkret gibt der Angeklagte unter anderem zu, dass er eine Drogenbande vor einer Razzia gewarnt hat. Die Bande ist unter anderem für die Einfuhr von 16 Tonnen Kokain im Februar 2021 in den Hamburger Hafen verantwortlich. Der bis dato größte Drogenfund der europäischen Geschichte. Daraufhin konnten sich führende Köpfe ins Ausland absetzen und sind noch immer flüchtig. Brisant: Yashar G. war selbst Chefermittler in diesem Fall.

Der angeklagte Staatsanwalt (M) kommt in den Gerichtssaal im Landgericht Hannover.

Yashar G. hat vor Gericht eingeräumt, eine Drogenbande mit Ermittlungsinformationen versorgt zu haben – gegen Bezahlung.

Staatsanwalt war ursprünglich in 14 Fällen angeklagt

Das Geständnis ist Teil eines Deals, den Verteidigung, Kammer und Staatsanwaltschaft rund vier Wochen ausgehandelt haben. Das Landgericht hat Yashar G. im Falle einer Einlassung eine Strafe zugesichert, die acht Jahre und zwei Monate nicht unter- und acht Jahre und neun Monate nicht überschreitet. Ursprünglich standen zwölf Jahre Haft im Raum – allerdings nur, wenn alle 14 Taten nachweisbar gewesen wären. Damit folgt das Gericht dem Vorschlag der Staatsanwaltschaft, die Yashar G. in den Verhandlungen entgegengekommen war.

Reporter Benedikt Strunz.

Nach NDR Informationen könnte es dazu kommen, dass Yashar G. beim nächsten Prozesstermin ein Geständnis ablegt.

Gespräche von Verteidigung initiiert

Die Verteidigung war im Dezember auf das Gericht zugegangen und hatte nach entsprechenden Gesprächen gefragt. Unter anderem deshalb, weil Yashar G. seit rund einem Jahr unter verschärften Bedingungen in Untersuchungshaft sitzt – nämlich isoliert von anderen. Denn nach NDR Informationen soll er aus dem Gefängnis heraus versucht haben, eine Zeugin zu beeinflussen. Seine Anwälte wollten sich auf Nachfrage hierzu nicht äußern. Teil des Deals ist, dass diese verschärften Haftbedingungen nun aufgehoben werden sollen.

Angeklagter Yashar G. sitzt seit Ende 2024 in U-Haft

Yashar G. wurde im Herbst 2024 festgenommen. Seither sitzt er in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, über Jahre Informationen gegen Geld an die besagte hannoversche Drogenbande weitergegeben zu haben.

Auf einem grauen Schild vor einem Gebäude steht Bundesgerichtshof Dienststelle Leipzig. Neukauf am 28.11.2024

Weil ein mutmaßlich korrupter Staatsanwalt aus Hannover das Verfahren geleitet hatte, muss die Haftdauer neu verhandelt werden.

Yashar G. war schon früher im Fokus der Ermittlerinnen und Ermittler

Seither stellt man sich in Niedersachsen die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass ein Staatsanwalt gemeinsame Sache mit einer Drogenbande macht und sich führende Köpfe der Bande unmittelbar vor einer großen Razzia ins Ausland absetzen konnten. Auch die Vorsitzende Richterin in dem Verfahren wollte darauf eine Antwort von Yashar G. Doch der äußerte sich nicht zu seinen Motiven.

Ermittlungen gegen Yashar G. schon im Jahr 2020

Mit diesem Fall ist auch das niedersächsische Justizministerium unter Druck geraten. Denn in den vergangenen Jahren wurden eine Reihe von Ermittlungspannen öffentlich, die in Verbindung mit Verfahren gegen Yashar G. stehen. Unter anderem geriet Yashar G. schon 2020 in den Fokus der Ermittlerinnen und Ermittler. Im November 2022 wurden seine Privaträume durchsucht. In dem Zusammenhang stellten die Ermittlerinnen und Ermittler Datenträger sicher. Doch der Verdacht gegen ihn erhärtete sich aus ihrer Sicht damals nicht, das Verfahren wurde zunächst eingestellt. In der Verhandlung wurde deutlich, dass sich die Anklageschrift hauptsächlich auf die Beweise stützt, die seit der Durchsuchung seiner Privaträume im November 2022 vorliegen.

CDU: „Der Fall steht exemplarisch für ein Behördenversagen“

Carina Hermann, Parlamentarische Geschäftsführerin der CDU im Niedersächsischen Landtag, ist deshalb überzeugt: „Der Fall steht exemplarisch für ein Behördenversagen, das das Vertrauen in den Rechtsstaat erschüttert hat.“ Nicht das mutmaßliche Fehlverhalten eines Einzelnen sei das Problem, sondern die politische Untätigkeit und das Wegsehen von Führungskräften, sagte sie dem NDR. Justizministerin Kathrin Wahlmann (SPD) lasse keine Bereitschaft erkennen, den Fall transparent aufzuklären.

Auch Mitangeklagter für Deal bereit

Der Prozess am Landgericht Hannover könnte sich damit verkürzen. Die Verteidigung forderte, keine weiteren Zeugen anzuhören. Das Gericht muss nun allerdings die Aussage von Yashar G. auf Richtigkeit prüfen und dafür vermutlich noch weitere Zeugen anhören. Die Vorsitzende Richterin machte deutlich: Sollte sich im weiteren Verlauf herausstellen, dass das Strafmaß nicht länger haltbar sei, weil zum Beispiel Zeugen weitere Vorwürfe erheben, würde man von dem Deal abrücken. Damit wäre Yashar G.s Geständnis aber auch nicht mehr gültig. Am Ende signalisierte auch der mitangeklagte Boxtrainer, für einen Deal bereit zu sein. Er soll Yashar G. das Geld übergeben und der Drogenbande Informationen übermittelt haben.

Die Fassade des Landgerichts Hannover.

Der Andrang war groß. Der mutmaßlich korrupte Angeklagte soll Ermittlungsgeheimnisse an eine Drogenbande verraten haben.

Der angeklagte Staatsanwalt Yashar G. steht im Gericht.

Auch der Schwager von Yashar G. wollte sich vor Gericht nicht äußern. Ein anderer Zeuge berichtete hingegen ausführlich.

Angeklagter in einem weißen Hemd zwischen zwei Anwälten in einem Saal im Landgericht Hannover

Der verurteilte Drogenhändler gab an, für Infos von Yashar G. gezahlt zu haben. Das sagte er vor dem Landgericht Hannover.