Täglich um 11 und um 12 Uhr bildet sich auf dem Münchner Marienplatz eine Menschentraube. Dann drehen sich auf dem Rathausturm die lebensgroßen Holzfiguren auf einem der größten Glockenspiele Deutschlands. Nach den Turnierrittern auf der oberen Etage des Glockenspiels drehen sich im unteren Spielerker die Schäffler beim Tanz. Die echten Schäfflertänzer aus Fleisch und Blut machen sich rarer. Sie haben nur alle sieben Jahre ihre Auftritte. 2026 ist es endlich wieder soweit: Seit dem 6. Januar und bis zum Faschingsdienstag am 17. Februar eilen die original Münchner Schäfflertänzer in Stadt und Land von Auftritt zu Auftritt. Fesche Männer in schwarzen Kniebundhosen, weißen Strümpfen, roten Jacken, mit einem Lederschurz und mit grünen Kappen eröffneten am Dreikönigstag traditionsgemäß auf dem Münchner Marienplatz um 14 Uhr den Tanzreigen.
Die Legende behauptet, dass der Schäfflertanz auf eine Pestepidemie im Jahr 1517 zurückgeht. Belege für eine Seuche in diesem Jahr gibt es zwar nicht, doch die Geschichte klingt einfach schön. Wackere Schäffler sollen die von der Seuche erschöpften Münchner mit ihrem Tanz aufgeheitert haben. Seither führen die Fassmacher alle sieben Jahre ihren Tanz auf. Angeblich, weil die Pest alle sieben Jahre zurückkehrte, und weil die Zahl sieben eine Glückszahl ist. Zum ersten Mal schriftlich erwähnt wurde der Schäfflertanz im Jahr 1702. Auf Plätzen und in Gassen, in Wirtshäusern und Banken, zu runden Geburtstagen, bei Firmenjubiläen und sogar in der Bayerischen Staatskanzlei drehen sich die 20 Tänzer, zwei Reifenschwinger, zwei Kasperl und ein Fähnrich zum Klassiker „Aba heid is koid“.
„Wenn wir kommen, sind sofort Hunderte Zuschauer da“, erzählt der erste Reifenschwinger. „Die Leute sind ganz begeistert, wenn sie sehen, dass wir das noch wie früher machen.“ Laube, Kreuz, Schlange und Krone – diese und noch mehr kunstvolle Formationen haben sie in der Zeit „von nach der Wiesn bis Weihnachten“ auf dem Gelände der letzten Fassfabrik Münchens einstudiert.
Durften früher nur unverheiratete Schäfflergesellen mit einem guten Leumund tanzen, so ist es inzwischen allen erlaubt mitzumachen, die Lust dazu und eine reine Weste haben – so rein wie ihre weißen Hemden. Denn Holzfässer werden nur noch wenige gebaut und Fassmacher kaum noch ausgebildet. Doch mittanzen wollen viele. Nachwuchssorgen hat der Fachverein der Schäffler Münchens keine. Neben vier waschechten Schäfflern sind in diesem Jahr Handwerker, Techniker, Lokführer und Kaminkehrer dabei. Aber keine Frauen – die sieht die Tradition nicht vor.
Ab Ende Januar beginnt für die Fassmachertänzer mit den buchsbaumgeschmückten Reifen die heiße Phase der Tanztournee. Dann leben die Männer im Alter von 18 bis 60 Jahre fünf Wochen lang im Bus und haben täglich mehrere Auftritte. Viele geben dafür ihren Jahresurlaub dran, und jeder Schäffler tanzt in der Zeit zwei bis drei Paar Schuhe durch. Ein Schuster zum Besohlen ist dann im Dauereinsatz.
Der Höhepunkt des Tanzes ist der Auftritt des Reifenschwingers. Kerzengerade und mit konzentriertem Blick steht er auf einem Holzfass. Zwei weiß-blau bemalte Holzringe, in denen mit Wein gefüllte Gläschen stehen, wirbelt der Reifenschwinger durch die Luft. Am Ende soll der Inhalt nicht auf den Zuschauern landen, sondern nach einem dreifachen „Hurra“ im Magen des Tänzers.
Weitere Informationen: Fachverein der Schäffler Münchens, c/o Fassfabrik Schmid, Straubinger Str. 34, 80687 München, Tel. 0049/151/17847676, https://schaefflertanzmuenchen.de Hier sind alle Termine und Tanzorte mit Kartenskizze vermerkt.
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