In der Ukraine herrschen seit Tagen Temperaturen im zweistelligen Minusbereich. Russland nimmt das harsche Winterwetter zum Anlass, um die Energieversorgung des Landes zu zerstören. Die Lage ist so schlimm wie noch nie seit Beginn des Krieges.
Eine Frau ist schemenhaft durch die Eisschicht eines Busfensters in Kiew zu erkennen. In der ukrainischen Hauptstadt fiel die Temperatur in der Nacht auf Dienstag auf minus 18 Grad.
Gleb Garanich / Reuters
Der Winter ist ein historischer Verbündeter der russischen Armee. In den beiden Vaterländischen Kriegen, den grossen Abwehrschlachten gegen Napoleon und Nazideutschland, scheiterten die Angreifer aus dem Westen nicht zuletzt an den Widrigkeiten des harschen Klimas im Osten. Das Bild von «General Winter», der Russland in der Not zu Hilfe eilt, hat sich im Volksmund festgesetzt.
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Warnung der Regierung
Aber auch dort, wo sie selber als Invasoren auftreten, setzen die Russen auf die Unterstützung des Winters. Seit dem Überfall im Februar 2022 greift Russland jedes Jahr gezielt die Energieversorgung und zunehmend auch das Heizungssystem der Ukraine an, um die Bevölkerung mit Dunkelheit und Kälte zu zermürben. Angesichts der gegenwärtigen Eiseskälte in der Ukraine intensiviert Moskau seine Kampagne. In weiten Teilen der Ukraine herrschen zurzeit zweistellige Minustemperaturen.
In der Nacht auf Dienstag führten die russischen Streitkräfte erneut einen massiven Luftangriff durch. Laut der ukrainischen Armee steuerten fast 300 Drohnen, 18 Raketen und 7 Marschflugkörper Ziele in der Ukraine an. Präsident Wolodimir Selenski hatte die Bevölkerung unter Berufung auf Geheimdienstinformationen am Montagabend vor einem bevorstehenden russischen Grossangriff gewarnt.
Ziel des Angriffes waren vor allem die Grossstädte des Landes. In Odessa war am Dienstag die Stromversorgung von fast 50 000 Haushalten unterbrochen. Bei Charkiw wurden vier Personen getötet. Unter anderem beschossen die Russen ein Verteilzentrum des grössten privaten Logistikkonzerns des Landes, Nowa Poschta, zuerst mit einer Rakete und ein zweites Mal mit Drohnen. Solche perfiden Doppelangriffe, die auch die Rettungskräfte gefährden, die sich nach dem ersten Beschuss vor Ort begeben, waren ein Markenzeichen der russischen Luftwaffe im Syrien-Krieg.
In Charkiw hat ein russischer Doppelangriff ein Verteilzentrum des Logistikunternehmens Nowa Poschta zerstört.
Sergey Kozlov / EPA
Ungeheizte Wohnungen in der Eiseskälte
Aus der Hauptstadt Kiew meldete das Energieunternehmen DTEK neuerliche Schäden an einem seiner Kraftwerke. Die Anlage sei seit Oktober bereits achtmal angegriffen worden. Laut dem Bürgermeister Witali Klitschko fiel deswegen am Dienstagmorgen in 500 Wohnblöcken die Heizung aus. Das betrifft mehrere zehntausend Haushalte.
Dies ist ein weiterer Schlag, nachdem ein Grossangriff am Freitag laut Klitschko die seit Kriegsbeginn schwersten Schäden an der Energieinfrastruktur der Hauptstadt verursacht hatte. Vorübergehend funktionierte in der Hälfte aller zentralbeheizten Wohnblocks die Heizung nicht. Der strenge Frost soll die gesamte Woche anhalten.
Feuerwehrmänner löschen in Kiew nach einem Drohneneinschlag einen Brand. Das Löschwasser gefriert in den eisigen Temperaturen sofort.
Thomas Peter / Reuters
In den besonders schwer betroffenen Vierteln am linken Ufer des Dnipro wurde deshalb in mehreren Häusern das Wasser aus den Heizungsrohren abgelassen, bevor dieses gefriert. Andernfalls drohen die Rohre zu platzen, was eine Instandsetzung weiter erschweren würde. Überall auf Stadtgebiet gibt es sogenannte «Punkte der Unbesiegbarkeit». Das sind beheizte Orte mit Stromversorgung, etwa um Mobiltelefone aufzuladen. Teilweise werden auch Warmwasser und Mahlzeiten zur Verfügung gestellt.
Der Bürgermeister Klitschko hatte nach dem Angriff vom Freitag alle Bewohner mit entsprechenden Möglichkeiten dazu aufgerufen, die Stadt zu verlassen und sich an Orte mit funktionierender Strom- und Heizungsversorgung zu begeben. Später präzisierte seine Sprecherin, dass es sich dabei nicht um einen Evakuierungsbefehl handle, sondern um eine Empfehlung zur Entlastung der städtischen Dienste in dieser angespannten Lage.
Der Aufruf sorgte für Spekulationen über die Schäden und darüber, ob die Behörden überhaupt in der Lage seien, diese in nützlicher Frist zu beheben. Besonders gegenüber der nationalen Regierung besteht ein Misstrauen, dass diese nicht offen über das wahre Ausmass von Problemen informiert, etwa bei der Energieversorgung in diesem Winter. Die Regierung schloss sich Klitschkos Aufruf nicht an.
Die Schneelandschaft in einem Kiewer Park mag idyllisch wirken. Ohne funktionierende Versorgung stellen die tief winterlichen Bedingungen die Hauptstadtbewohner jedoch vor grosse Probleme.
Gleb Garanich / Reuters
Instandsetzung wird immer schwieriger
Experten sprechen unverblümt von der schwierigsten Situation seit Beginn des Krieges. Die Leiterin der Denkfabrik Dixi, Olena Pawlenko, verweist auf den kumulativen Effekt der bereits seit vier Jahren andauernden Bombardierung von Energieanlagen. Das ganze Energiesystem der Ukraine sei geschwächt, erklärt Pawlenko im «Kyiv Independent». Nach jedem Angriff werde die Instandsetzung aufwendiger. Hinzu komme der extreme Frost, der die Reparaturarbeiten erschwere. Dixi veröffentlicht jede Woche ein Lagebild zur Energieversorgung der Ukraine.
Russland zerstört auch gezielt das ukrainische Stromnetz und somit die Fähigkeit, Strom von einem Landesteil zum anderen zu transportieren. Die Ukraine produziert etwa 50 Prozent ihrer Elektrizität mit den drei Atomkraftwerken, die in dem von ihr kontrollierten Gebiet noch in Betrieb sind. Russland hat diese Anlagen bisher nie direkt angegriffen und dürfte das wegen der damit verbundenen Risiken auch künftig nicht tun.
Dies und die noch aus sowjetischer Zeit stammenden Überkapazitäten beim Stromnetz – vor dem Krieg verfügte die Ukraine bei einer Produktionskapazität von 25 Gigawatt über Transportkapazitäten für 54 Gigawatt – ermöglichten es, lokale Ausfälle nach einem Angriff relativ rasch aufzufangen. Durch die systematischen Angriffe auf die Umspannwerke und andere Einrichtungen der Netzinfrastruktur wird dies immer schwieriger.
Der Energieexperte Denis Sakwa sieht im russischen Vorgehen auch einen Versuch, Industriegebiete wie Saporischja und Dnipropetrowsk von den Zentren der Energieproduktion im Westen des Landes abzuschneiden. Um das Energienetz widerstandsfähiger zu machen, setzt die Ukraine deshalb zunehmend auf mobile Einheiten, die Strom und Wärme produzieren. Laut Regierungsplänen sollen in diesem Jahr mobile Kraftwerke mit einer Kapazität von mehr als 500 Megawatt installiert werden. Im Winter liegt der Strombedarf des Landes bei etwa 18 Gigawatt.
In geheizten Notzelten, wie hier in einem Wohnquartier in Kiew, können sich die von Heizungsausfällen betroffenen Bewohner aufwärmen und elektrische Geräte aufladen.
Valentyn Ogirenko / Reuters