Als der Rapper Capo, bürgerlich Cem Anhan, am Montagabend die Bühne des „German Dream Awards“ betritt, ringt er um Worte. Die Auszeichnung als „Mutmacher des Jahres 2026“ berührt ihn spürbar – nicht zuletzt, weil sie ihn offenbar überrascht. „Ich habe ehrlich gesagt nicht damit gerechnet“, sagt er. In Gesprächen habe er sich gefragt: „Für was werde ich eigentlich ausgezeichnet? Ich wusste gar nicht genau, worum es geht.“ Die Offenheit, mit der er seine Irritation an diesem Montagabend in der Google-Geschäftsstelle in Berlin formuliert, löst Gelächter im Saal aus und verstärkt die Sympathien des Publikums.
Fast wirkt es, als werde ihm erst in diesem Moment bewusst, welche Wirkung sein Handeln und sein öffentliches Auftreten entfaltet haben. Anhan betont, dass er nichts Außergewöhnliches getan habe. „Ich habe eigentlich nur das gemacht, so wie ich es kenne, so bin ich aufgewachsen. Familie ist für mich oberste Priorität. Ich denke, das sollte für jeden so sein.“ Der Saal reagiert mit langem Applaus, auch vor dem Hintergrund der großen Aufmerksamkeit, die vor Kurzem die Netflix-Dokumentation „Babo – Die Haftbefehl-Story“ erfahren hat.
Auf die Folgen des „Teufelszeugs“ aufmerksam machen
Darin wird sichtbar, welche Rolle Cem Anhan im privaten Umfeld seines Bruders Aykut Anhan, bekannt als Haftbefehl, übernommen hat: Er war es, der ihn in einer Phase schwerer Kokainsucht und Depression dazu brachte, Hilfe anzunehmen und sich in Behandlung zu begeben – ohne dieses Eingreifen wäre sein Bruder vermutlich bereits tot. Ausgezeichnet wird jedoch nicht allein diese Tat, sondern auch die Bereitschaft, öffentlich über höchst intime Erfahrungen zu sprechen. Anhan macht die Gefahren von Sucht und psychischer Erkrankung sichtbar und richtet sich dabei ausdrücklich an junge Menschen, um auf die Folgen von Drogenkonsum aufmerksam zu machen – das „Teufelszeug“, wie er es in der Dokumentation selbst nennt.
Cem Anhan mit der Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Düzen Tekkal am MontagGermanDream/byndc
Es ist sein erster öffentlicher Auftritt abseits der Netflix-Dokumentation. Er kündigt an, sich künftig intensiver mit den Themen Depression und mentale Gesundheit befassen zu wollen. Gemeinsam mit „German Dream“, der Bildungsinitiative um die Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Düzen Tekkal und ihre Schwestern, habe er noch „Großes“ vor. German Dream ist bekannt für seine Wertedialoge, mit denen die Initiative gemeinsam mit Alltagshelden Schulen besucht, persönliche Geschichten teilt und gesellschaftliche Probleme sichtbar macht. Anhan will dabei als Vorbild wirken – ein Vorbild, das er selbst, wie er sagt, nie gehabt habe.
Der Suizid des Vaters im Jahr 1999
Anhans Kindheit spielte sich im Offenbacher Stadtteil Mainpark ab – nur wenige Kilometer entfernt vom Frankfurter Bankenviertel, von Hochglanzfassaden und Aufstiegserzählungen. Anhan beschreibt in der Doku, dass er im siebten Stock eines Hochhauses aufwuchs, in einer Gegend, die er selbst als „abgefuckt“ bezeichnet, geprägt von Drogenhandel und Orientierungslosigkeit. Seine Kindheit sei alles andere als rosig gewesen.
Zu den einschneidendsten Erfahrungen zählt der Suizid des Vaters im Jahr 1999 – ein Ereignis, das die Familie bis heute prägt. Cem schildert in der Doku, wie sich diese Erfahrung nicht als Ausnahme, sondern als wiederkehrendes Muster durch die Familiengeschichte zieht: Auch in früheren Generationen nahmen sich Angehörige das Leben. Vor diesem Hintergrund beschreibt er den Weg seines Bruders Aykut in die Sucht als einen schleichenden Absturz, der ihn erneut an dieselbe Grenze führte.
Als sein Bruder nach einem Konzert im Krankenhaus um sein Leben kämpfte, sei der Moment gekommen, in dem Zögern keine Option mehr war. Cem brachte ihn schließlich nach Istanbul und zwang ihn dort gegen seinen Willen in eine geschlossene Behandlung – aus der Überzeugung heraus, dass Untätigkeit den Tod bedeutet hätte.
„Er spricht offen über Verletzlichkeit“
Aus diesem Grund sei Cem „der heimliche Held des Films“, erklärt der Regisseur Juan Moreno in seiner Laudatio an diesem Abend. „Er ist derjenige, der es schafft, Aykut dazu zu bringen, Hilfe anzunehmen und sich in Behandlung zu begeben“ – und das gegen seinen Willen.
Cem Anhan breche bewusst mit gängigen Erwartungen an einen Hip-Hop-Künstler, sagt Moreno. „Er spricht offen über Verletzlichkeit. Er spricht darüber, dass er Angst um seinen Bruder hat. Er nennt die Dinge beim Namen: Seinem Bruder geht es nicht gut, er ist suchtkrank, und ihm muss geholfen werden.“ Dieses Verhalten zeige „deutlich mehr Mut – und ja, auch mehr Männlichkeit – als viele der vermeintlich starken Gangsterbilder, die man sonst im Hip-Hop hört“. Besonders hob er hervor, dass sich Cem künftig auch jenseits der Öffentlichkeit engagieren wolle: „Gerade für Kinder und Jugendliche, die weit entfernt sind von Berlin-Mitte, kann er ein Held sein.“
Neben Cem Anhan wurden auch weitere Persönlichkeiten geehrt: Hedi Bouden, ein Lehrer, der sich gegen Antisemitismus engagiert; der Berliner Schulleiter Engin Çatık für seine Arbeit mit Jugendlichen; Niddal Salah-Eldin, die ihre Karriere als Topmanagerin aufgegeben hat, um sich dem Engagement gegen den Krieg im Sudan zu widmen; sowie der 17 Jahre alte Max Schneller für seinen Einsatz gegen Rechtsextremismus.
Nach der Verleihung löst sich die formale Ordnung des Abends rasch auf. Die Bühne wird zur Kulisse für Gespräche, Umarmungen und Fotos mit Preisträgern und Laudatoren. Cem Anhan genießt den Andrang. Viele Gäste aus der türkisch-kurdischen Community treten stolz auf ihn zu. Er bleibt offen und zugänglich, nimmt sich Zeit. Ausführlicher reden möchte er nicht, vermutlich aus Sorge, in einem sensiblen Kontext etwas Falsches zu sagen. Jedenfalls will er etwas verändern – in einer Szene mit enormer Reichweite, insbesondere unter jungen Menschen, die lange von überzeichneten Männlichkeitsbildern, Frauenfeindlichkeit, Provokation und Antisemitismus geprägt war.