Kiel. Zum Meer ist es niemals weit in den Niederlanden. Sagt Mathijs Deen. Der Schriftsteller ist gerade zurück von der Hunderunde mit Labradoodle „Blaffer“. Was nicht einfach nur Beller heißt, sondern im Slang auch so viel bedeutet wie Knarre. Der Spaziergang ist Routine für den Schriftsteller, der zwischen Amsterdam und der Insel Texel pendelt. „Weit weg vom Meer zu leben, kann ich mir überhaupt nicht vorstellen“, sagt er im Interview.

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Dabei ist Deen nicht mal an der See aufgewachsen, eher im Wald bei Hengelo, nahe der Grenze zu Deutschland. Das Meer hat er zum ersten Mal mit acht oder neun Jahren gesehen, als die Familie wegen der Lungenkrankheit des Bruders in den Sommerferien an die Nordsee fuhr. Und fortan alljährlich wiederkehrte. „Ich habe mich da immer frei gefühlt“, erzählt Deen. „Das Meer hat keine Zeit, nur seinen eigenen Fluss. Und wenn ich mich mal schlecht fühle, gehe ich erstmal zum Wasser.“

An der Nordsee muss man sich immer der Sichtweise des Meeres anpassen.

Mathijs Deen

Autor

Das Meer, das Mathijs Deen meint, ist die Nordsee, und die macht für den Autor ganz klar den Unterschied. „Die Tide ist das eine, das Wasser kommt und geht und kommt wieder“, sagt er. Die Ostsee erscheint ihm da schlichter. „Da kann man seinem eigenen Blickwinkel folgen; an der Nordsee muss man sich immer der Sichtweise des Meeres anpassen.“

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Liewe Cupido würde das wohl genau so unterschreiben. Der eigenbrötlerische Kommissar, den Deen in seinen Krimis grenzübergreifend von Texel bis Föhr oder Esbjerg ermitteln lässt. Unter Extremwattwanderern („Der Holländer“), Schatztauchern („Der Taucher“) und Seenotrettern („Der Retter“). Im vierten Buch „Die Lotsin“ geht es über das friesische Wattenmeer in Holland und Deutschland hinaus. Da geht Iona, Klimaforscherin am Geomar und auf einer dänischen Forschungsstation in Grönland stationiert, auf der Heimfahrt nach Kiel auf einem Forschungsschiff verloren. Ein rätselhafter Unfall (?), der bald in einen Wissenschaftskrimi um Klimawandel und Forschereitelkeiten mündet.

Mathijs Deen hat die Frage interessiert, warum die Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse Shitstorms und Hassmails provoziert. „Wer über das Meer forscht, landet früher oder später beim Klima“, sagt Deen. „Und mich hat das Spannungsfeld zwischen Forschung und Klimaschutz gereizt. Außerdem wollte ich wissen, wieso es für die Wirtschaft interessant ist, da mitzuspielen und sich finanziell zu engagieren.“

Deens vierter Krimi spielt zwischen Texel, Kiel und Grönland

Zwischen Texel, wo Kommissar Cupido aufgewachsen ist, Kiel und Grönland fächert „Die Lotsin“ eine Geschichte auf, die zwischen den Fakten auch von Einsamkeit und Verlorenheit erzählt. Von Träumen und Missverständnissen, die Iona und ihren Mann oder ihre Mutter, die zu Hause auf die kleine Tochter aufpasst, trennen.

In Deens Krimireihe sind die Figuren alle unterwegs. Seltsam unbehaust auf Schiffen und Landstraßen, zwischen Land und Meer, überall und nirgendwo. Allen voran Liewe Cupido, der Sohn eines Fischers von Texel und einer deutschen Meeresbiologin. „Mich hat von Anfang an das Thema Grenzen interessiert“, sagt Mathijs Deen. Linien, die selten so klar sind, wie es Landkarten suggerieren. Im Wattenmeer verfließen sie wie die Identitäten. „Da ist die Grenze selten so deutlich“, sagt Deen am Telefon wenige Tage nach einer Lesung in Kiel, „sie wandert mit den Gezeiten.“ Kein Wunder, dass seine Hauptfigur diese Unruhe in sich trägt: „Liewe ist doch immer auf der Suche nach seinem Zuhause. Und dieses Gefühl kenne ich auch.“

Vieles in seinen Büchern entsteht unmittelbar aus dem Schreiben. Häufig weiß er gar nicht genau, wie es im nächsten Kapitel weitergeht. „Ich habe keinen Zugang zu meinen Gedanken“, sagt er und lacht. „Die kommen erst an die Oberfläche, wenn ich zu sprechen oder zu schreiben beginne.“ Zum Beispiel als Iona zu Beginn des Romans auf Grönland in einen Whiteout, also einen Schneesturm ohne Sicht, hinausgeht. „Ich hatte keine Ahnung, ob sie umkommen wird“, erzählt Deen, „aber als sie gerettet war, wusste ich, wie es weitergeht.“

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Mathijs Deen findet seine Geschichten in der Wirklichkeit

Seine Geschichten entstehen immer aus der Realität – oder, wie er lieber sagt: „Aus den Geschichten, die mir erzählt werden.“ Da bleibt der Bestseller-Autor Journalist. Am Geomar Kiel allerdings hat er nicht recherchiert. „Ich kenne aber die akademische Welt – und die ist genauso grenzenlos wie das Meer“, sagt Deen trocken, dessen Frau am niederländischen ozeanografischen Institut NIOZ für Presse und Kommunikation zuständig ist.

Liewe Cupido übrigens folgt in „Die Lotsin“ viel mehr seiner eigenen Geschichte als den Windungen des Falls. Den überlässt er seinem „Lehrling“, dem Landei Xander Rimbach. Da liegt der Gedanke, dass Deen seinen Helden bald ausmustern könnte, gar nicht fern. „Einen Fall hat er noch“, sagt der Autor. Anders als die Vorgänger erscheint das Buch im Frühjahr 2026 zuerst in den Niederlanden; in Deutschland kommt es dann 2027 heraus.

„Das macht einen schon melancholisch“, sagt Deen, „aber wenn der Bogen der Geschichte geschlagen ist, ist sie zu Ende.“ Möglich, dass er etwas ganz Neues macht. Oder Xander ins Spiel bringt. „Auf jeden Fall muss der dann ohne seinen Mentor Liewe alleine klarkommen.“

Mathijs Deen: „Die Lotsin“. Roman. Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke. Mare Verlag, 368 Seiten, 23 Euro.

KN