Seit dem zweiten Amtsantritt von Donald Trump wird Europa immer wieder mit Bemerkungen bedacht, die zeigen, mit welcher Geringschätzung – bisweilen Verachtung – seine Regierung auf den Kontinent blickt. So warf Vizepräsident J. D. Vance Europa ein Demokratiedefizit vor – woran die nationale Sicherheitsstrategie anknüpft. Darin erkennt die amerikanische Regierung für Europa die Gefahr einer „zivilisato­rischen Auslöschung“, wofür sie auch die EU verantwortlich macht.

Trump hat ohnehin nie einen Hehl daraus gemacht, dass die EU seiner Meinung nach nur gegründet wurde, um die USA über den Tisch zu ziehen. Den NATO-Staaten warf er schon in seiner ersten Amtszeit vor, Amerika für ihre Sicherheit zahlen zu lassen. Grönland will er „haben“, ohne größere Bedenken hinsichtlich der real existierenden Grenzen. Dänemark könne, so Trump, nicht für die Sicherheit der Insel garantieren. „Um die Sicherheit in Grönland zu verstärken, haben sie noch einen Hundeschlitten hinzugefügt“, lautete seine Einschätzung.

Die Europäer mögen sich durch dieses Gebaren vor den Kopf gestoßen fühlen, wähnten sie sich doch mehrheitlich in ei­ner politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Nähe zu den Vereinigten Staaten. Doch war das Verhältnis der beiden Kon­tinente schon immer von Ambivalenz geprägt: Mal blickten die Amerikaner mit Bewunderung auf die europäische Kultur, mal mit Abscheu. Neugier und Skepsis wechselten einander ebenso ab wie Phasen der Partnerschaft und der Entfremdung.

Europa diente schon immer als Projektionsfläche

Die Abgrenzung von der „Alten Welt“ ist Teil des amerikanischen Gründungsmythos. Seit die ersten Einwanderer in Nordamerika angekommen sind, diente Eu­ropa als Projektionsfläche. Manchmal positiv – als Ort der Sehnsucht nach einer alten Heimat –, sehr oft aber auch negativ. Der amerikanische Historiker C. Vann Woodward hat das einmal so zusammengefasst: Amerika „war ein Land von Unschuld, Tugend, Glückseligkeit und Freiheit gegenüber einem Europa aus Laster, Ignoranz, Elend und Tyrannei“. Nur mit Gewalt erreichten die Amerikaner 1776 ih­re Unabhängigkeit von Großbritannien. Ohne die robuste Abgrenzung von Europa gäbe es die amerikanische Identität in ih­rer heutigen Form vielleicht gar nicht.

Auch die nach dem amerikanischen Angriff auf Venezuela viel zitierte Dok­trin, die der fünfte Präsident James Monroe knapp fünfzig Jahre nach der Unabhängigkeit verkündete, verfolgte das Ziel der Abgrenzung von Europa. Sie ist durchdrungen von der Skepsis gegenüber europäischen Mächten, die als potentiell gefährlich für Frieden und Sicherheit Ame­rikas wahrgenommen werden. Mit der bei­derseitigen Versicherung der Nichteinmischung sollte Europas Einfluss auf die westliche Hemisphäre so gering wie möglich gehalten werden. Europa und Ame­rika gelten in der Doktrin als grundverschieden. Das gesamte 19. Jahrhundert war geprägt von militärischer und bündnispolitischer Distanz zwischen „Alter Welt“ und „Neuer Welt“.

Auch das zwanzigste Jahrhundert kennt Phasen der Entfremdung. Im Kalten Krieg fanden Westeuropa und die USA zwar einen gemeinsamen Feind: den Kommunismus. Doch Erscheinungen wie die eu­ropäische Friedensbewegung riefen bei manchen amerikanischen Beobachtern Irritation hervor. Der Wegfall des ideologischen Feindes nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ließ die Wertegemeinschaft weiter erodieren.

Der Irakkrieg als Tiefpunkt der Entfremdung

„Niemand hat das Gefühl, dass Europa die Zukunft ist“, konstatierte der kon­servative Journalist David Brooks schon Mitte der Neunzigerjahre. Die Europäer wüssten vielmehr, dass alle Entwicklungen in der „Neuen Welt“ begännen. „Das Interessanteste an Westeuropa ist, wie langweilig es für die Amerikaner geworden ist“, befand Brooks. Nach zwei Jahrhunderten, in denen man sich gegen Krieg aufgelehnt und Europa gerettet habe, stünden die Amerikaner den Europäern nun gleichgültig gegenüber.

Gut fünf Jahre später erreichte die Entfremdung einen Tiefpunkt, als Frankreich und Deutschland sich 2003 weigerten, den Krieg zum Sturz des irakischen Diktators Saddam Husseins zu unterstützen. Dafür bekamen sie die Häme der Bush-Regierung zu spüren. In einer Pressekonferenz bezeichnete Verteidigungsminister Donald Rumsfeld Deutschland und Frankreich als „altes Europa“, als eine Welt von gestern. Er empfahl, den Blick Richtung Osten zu wenden, zu den neuen NATO-Mitgliedern. In Berlin und Paris war man entrüstet.

Der neokonservative Vordenker Robert Kagan kam angesichts des Irakkriegs zu einem noch schärferen Urteil. „Amerikaner sind vom Mars, und Europäer sind von der Venus“, schrieb er. Sie verstünden einander immer weniger. Wobei das Gefälle klar war: Die einen wurden mit dem starken Kriegsgott gleichgesetzt, die anderen mit der vermeintlich schwachen Göttin der Liebe. Die Europäer, beklagte Kagan sinngemäß, verstecken sich hinter Ame­rikas Stärke. Und die Amerikaner betrachteten Europa als „lästig, irrelevant, naiv und undankbar, da es die amerikanische Macht ausnutzt“ – während es sich selbst aus militärischen Konflikten heraushalten wolle.

Diese Einschätzung hat unter Donald Trump wieder Konjunktur – auch wenn er selbst viele neokonservative Ideen ablehnt. Den Irakkrieg bezeichnete er einst als „dicken, fetten Fehler“. Doch wenn Vizepräsident Vance in einer Signal-Chatgruppe zum Angriff auf die Huthi-Miliz im Jemen mitteilt, er hasse es, Europa wieder aus der Patsche zu helfen, und Verteidigungsminister Pete Hegseth wissen lässt, er teile diese „Abscheu für die eu­ropäischen Schmarotzer“, dann ist zwar der Ton neu. Die Ressentiments sind es nicht.