Die neuen Sportschuhe stehen bereit, der Kühlschrank ist plötzlich voller Gemüse, und der Kalender verspricht: Dieses Jahr wird alles anders. Der Januar ist schließlich der Monat der Neuanfänge. Zumindest in der Theorie.
In der Praxis hält die Euphorie oft nicht lange. Statistisch betrachtet hat dieses Scheitern sogar einen festen Termin. Am Freitag, 9. Januar, ist Quittersday. Der Tag, an dem die meisten Menschen ihre guten Vorsätze wieder über Bord werfen.
In der Region aufgewachsen
Dass das kein individuelles Versagen ist, sondern ein ziemlich menschliches Muster, weiß Marc Reinbach nur zu gut. Der 33-jährige Mediziner wuchs in Liptingen auf und machte 2010 sein Abitur am Otto-Hahn-Gymnasium in Tuttlingen. Anschließend studierte er Medizin in Düsseldorf. Eine Zeit, die ihn nachhaltig geprägt hat, vor allem durch die Arbeit im Krankenhaus.

Marc Reinbach und seine Kommilitonin Mareike Awe haben das Unternehmen gegründet. Vor zwei Jahren schied Awe aus und machte sich selbstständig. (Foto: pr)
„Wir haben dort viele Menschen gesehen, bei denen man eigentlich nur noch die Krankheit verwaltet“, sagt Reinbach. Vieles hätte man nicht mehr verändern können. Der Gedanke ließen ihn und seine Kommilitonin Mareike Awe nicht los: Was wäre, wenn man früher ansetzt? Bevor Probleme chronisch werden? Nicht im Krankenhaus, sondern in einer Art digitalem Haus der Gesundheit?
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2015 gründeten sie gemeinsam das Start-up Intumind. Anfangs war es ein studentisches Projekt, gefördert durch einen Ideenwettbewerb der Universität, mit einem kleinen Büroraum. 2016 traten die Gründer in der TV-Sendung „Höhle der Löwen“ auf. Ein Angebot des Unternehmers Jochen Schweizer, ihre Idee umzusetzen, lehnten sie allerdings ab – und bauten eine selbstfinanzierte Firma auf.
Gewohnheiten schleichen sich über Jahrzehnte ein
Heute arbeiten rund 30 Menschen bei Intumind in Düsseldorf, das sich seit Jahren auch mit einem Thema beschäftigt, an dem viele regelmäßig scheitern: Abnehmen.
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Dabei geht es weniger um Kalorienpläne. Reinbach beobachtet, dass die meisten Menschen sehr genau wissen, was gesünder wäre. Und trotzdem zum Schokoriegel greifen, obwohl der Apfel danebenliegt. Das Problem liege selten am Wissen, sondern an Gewohnheiten. „Die lassen sich nicht einfach per Vorsatz abschalten“, sagt er.
Langfristig erfolgreich seien deshalb die wenigsten Diäten. Eine umfassende Analyse von Diätstudien zeigte, dass bei Teilnehmern, die länger als zwei Jahre verfolgt wurden, etwa 83 Prozent mehr Gewicht wieder zunahmen, als sie verloren hatten.
Für Reinbach ist das ein Hinweis darauf, dass der Ansatz oft falsch sei. Statt den Körper zu bekämpfen, müsse man lernen, mit ihm zu arbeiten. Alte Trampelpfade im Kopf verlassen und neue anlegen – zum Beispiel, den Griff zum Kühlschrank nicht automatisch mit Stress zu verknüpfen.
Warum landen abends wie von selbst Chips auf dem Sofa?
„Viele Menschen haben sogar verlernt, echte Sättigung zu spüren“, sagt er. Was ist körperlicher Hunger, was seelischer? Warum landen abends wie von selbst Chips auf dem Sofa? Fragen, die weniger mit Willenskraft als mit Konditionierung zu tun haben – durch Erziehung, Werbung und jahrelange Diäterfahrungen.
Interessant ist: Der Januar ist für Reinbachs Arbeit gar nicht die wichtigste Zeit. Sondern eher Februar und März. Dann, wenn viele ihre Vorsätze bereits aufgegeben haben und merken, dass der alte Weg sie wieder einmal nicht weitergebracht hat. Viele seiner Nutzerinnen – es sind überwiegend Frauen – bringen eine lange Diätgeschichte mit. Zehn, 20 Jahre des Probierens. Was sie suchen, ist weniger der schnelle Erfolg als etwas, das bleibt.
Mehr als 60 Kilo abgenommen?
„Leicht“ heißt das Programm, mit dem Intumind an diesem Punkt ansetzen will. Über eine App führt ein Selbstlernkurs durch den Alltag, mit kurzen Videos und Audiotrainings, die helfen sollen, alte Muster zu erkennen und neue Gewohnheiten aufzubauen.
Das Angebot kombiniere aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse mit praxisnahen Impulsen und ist im Schnitt auf drei bis vier Monate angelegt. Nach Angaben von Marc Reinbach haben bereits mehr als 280.000 Menschen Intumind-Programme, wie „Leicht“, genutzt. Ganz billig ist das aber nicht: Ab 52 Euro pro Monat ist man dabei.
Kein Wundermittel: Dranbleiben muss man schon
Er führt das Beispiel Nicole P. an, die von Heißhungerattacken geplagt war. Die Mutter zweier Töchter habe über 60 Kilo abgenommen. Und, viel entscheidender: Sie halte ihr neues Gewicht von 68 Kilo.
Doch wie? Der Arzt erklärt, dass der langfristige Gewichtsverlust darauf beruht, den Körper ausreichend und ausgewogen zu versorgen, um Mangelgefühle und Heißhunger zu vermeiden. Zudem spiele es eine wichtige Rolle, den Umgang mit Emotionen zu verändern und Essen nicht als emotionalen Ausgleich zu nutzen. Dabei würden auch mentales Training und psychologische Methoden eingesetzt.
Doch das Leicht-Programm sei kein Wundermittel, macht Reinbach klar. Es funktioniere nur dann, wenn man die Inhalte und Tipps aktiv in den Alltag integriere und am Ball bleibe.
Kontakte in die alte Heimat
Übrigens: Reinbach bleibt trotz seines heutigen Wohnorts Düsseldorf der Region verbunden: Erst kurz vor Weihnachten war er in Tuttlingen, wo er sich 15 Jahre nach dem Abitur mit ehemaligen Mitschülern traf. Seine Eltern allerdings sind mittlerweile von Liptingen an den Bodensee gezogen.
Seine ehemalige Partnerin Mareike Awe dagegen ist vor zwei Jahren bei Intumind ausgestiegen und arbeitet unter ihrer neuen Marke „Be awesome“.