Szene aus dem Film "Smalltown Girl": Eine junge Frau liegt auf dem Rasen, ihr Kleid ist aufgerissen und mit Blut befleckt. Neben ihr liegen Blumen und ein blutiges weißes Tuch.

AUDIO: Filmtipp: „Smalltown Girl“ (4 Min)

Stand: 14.01.2026 06:00 Uhr

Der erste Spielfilm der Kielerin Hille Norden ist ein Drama über eine junge Frau, gespielt von Dana Herfurth, die den sexuellen Missbrauch in ihrer Kindheit und Jugend mit exzessiver Sexsucht zu kompensieren versucht.

von Britta Schmeis

Jonna, gespielt von Luna Jordan, ist fasziniert von ihrer einstigen Schulkameradin Nore, die sie nach Jahren wiedertrifft. Die fällt nicht nur mit ihren kostümhaften Outfits auf, sondern auch mit ihrem unkonventionellen Leben, ihrer sehr offenen Art, ihrem scheinbar ungezwungenen, vielleicht aber auch eher obsessiven Umgang mit Sex.

„Ich wollte eine Geschichte erzählen, die einen tröstet“

Schon bald teilen sich Nore und Jonna eine Wohnung und oft auch die Männer. Doch irgendwann merkt Jonna, dass hinter der selbstbewussten Fassade Nores ein beschädigtes kleines Mädchen schlummert.

„Fühlst du dich auch manchmal kurz ganz geil und gut und danach ziemlich ekelig und ein bisschen leer?“
„Was machst du dann?“
„Duschen. Und wenn das nichts nützt, den Nächsten nehmen.“

Filmszene

Schonungslos und radikal ist auch die junge Kieler Filmemacherin Hille Norden, die mit „Smalltown Girl“ ihr Spielfilmdebüt vorlegt: „Der Film ist auf jeden Fall autobiografisch inspiriert; oder ich würde ihn eine Autofiktion nennen. Ich wollte eine Geschichte erzählen, wie ich sie noch nicht gefunden hatte, die einen tröstet, die einem Mut macht. Ich habe gedacht: Ich bin eine junge Frau, ich habe ein Leben, das immer schön war, und ich möchte gerne in Berührung kommen mit mir und mit Menschen. Ich möchte lieben und leben können. Und ich möchte gerne Spaß haben können, während ich traurig bin, weil ich glaube, dass beides gleichzeitig geht.“

Drehbuchautorin und Regisseurin Hille Norden im Portrait

Filmemacherin Hille Norden sprengt mit ihrem Film Grenzen. Themen sind sexuelle Selbstbestimmung, Freiheit und schonungslose Offenheit.

Mit Mut, Willenskraft und ganz viel Talent

Mit 16 Jahren hat Hille Norden angefangen, Geschichten zu schreiben, unter anderem bei den Nordischen Filmtagen, wo sie an dem Programm „Young Nordic Filmmakers“ teilnahm. Inzwischen hat sie mehrere Kurz- und Dokumentarfilme gedreht, Drehbücher geschrieben und auch selbst geschauspielert. Eine unglaubliche Karriere, die auch etwas mit einer gewissen Unverfrorenheit zu tun hat und mit viel Mut, Unbeirrbarkeit und unbedingter Willenskraft: „Ich glaube, einem gelingt sowas, weil man keine Ahnung hat, was man da macht.“

Das mag für die 16-jährige Hille Norden gegolten haben – für die heute 27-Jährige aber nicht mehr. Helge Albers, Geschäftsführer der MOIN Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein, beobachtet und unterstützt ihre Karriere schon seit vielen Jahren: „Hille Norden ist ein Phänomen. Die Filmwerkstatt ist unser Talentraum, und da war Hille schon sehr früh bei uns und ließ sich auch nicht mehr abweisen. Wir hätten sie auch gar nicht abweisen wollen. Sie hat gezeigt, dass sie Lust hat, Filme zu machen. Ich finde sie eine ganz tolle Regie-Persönlichkeit.“

„Smalltown Girl“: Schrill, brutal, faszinierend

„Smalltown Girl“ ist unglaublich opulent und schrill inszeniert, wild, aufwendig ausgestattet. Manch eine Szene wirkt wie ein Rembrandt-Gemälde, fast überladen. Eine sehr bewusste Entscheidung der Filmemacherin: „Das, was grauenvoll und hässlich ist, bleibt es. Aber man kann kleinen, grauenvollen Dingen einen kleinen Partyhut aufsetzen, und dann tragen sie den Partyhut. So mache ich es auch mit meinem eigenen Leben. Man kann die Vergangenheit beschönigen, und man sollte sie auch nicht beschönigen. Aber wenn ich mich schon mit etwas Traurigem befasse, dann möchte ich das doch wenigstens machen in gut geduscht, mit was Schönem an, in einer schönen Umgebung.“

Genauso ist „Smalltown Girl“: häufig kaum zu ertragen, brutal und immer faszinierend anzuschauen – auch dank des Spiels von Dana Herfurth mit ihrer Verletzlichkeit und gleichzeitigen Härte. Eine Figur voller Ambivalenz. Sie gibt sich der Selbsttäuschung hin, bis Jonna mit ihr die schmerzhafte Reise in die Vergangenheit antritt. „Jetzt erzählen wir unsere Geschichte“, sagt Nore irgendwann. Das Erzählen wird für sie zum Befreiungsschlag. Die Filmemacherin Hille Norden hat hoffentlich auch noch viele Geschichten im Kino zu erzählen.

Szene aus dem Film "Smalltown Girl": Eine junge Frau liegt auf dem Rasen, ihr Kleid ist aufgerissen und mit Blut befleckt. Neben ihr liegen Blumen und ein blutiges weißes Tuch.

Smalltown Girl

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2025
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
mit Dana Herfurth, Luna Jordan, Jakob Geßner und anderen
Regie:
Hille Norden
Länge:
122 Minuten
Altersempfehlung:
ab 16 Jahren
Kinostart:
15. Januar 2026