Mannheim. Die Kunsthalle Mannheim widmet der vor wenigen Jahren verstorbenen Künstlerin Kaari Upson von Freitag, 13. Februar bis Sonntag, 31. Mai 2026 eine umfassende Retrospektive. Es ist die letzte von Direktor Johan Holten eröffnete Ausstellung vor seinem Wechsel im April an das Arken Museum bei Kopenhagen.
Die amerikanische Künstlerin Kaari Upson (1970 – 2021) zählte zu den prominentesten Stimmen ihrer Generation. In ihren Skulpturen Installationen, Videos und Zeichnungen befragt sie die Grenzen von Erinnerung, Identität und gesellschaftlicher Realität und verwandelt dabei persönliche biografische Erfahrungen aus ihrer kalifornischen Heimat in universelle menschliche Geschichten.
Internationale Aufmerksamkeit erhielt Upson durch ihre Teilnahme an der Biennale di Venezia im Jahr 2019. Auch die Kunsthalle Mannheim hat ihr Werk bereits gewürdigt: 2020 zeigte sie erstmals Arbeiten der Künstlerin und erwarb das Werk „Mother’s Legs“ für die Sammlung. Nun folgt die erste große museale Retrospektive in Deutschland, die zu einer intensiven Begegnung mit einer Künstlerin einlädt, deren Werk uns auch nach ihrem frühen Tod berührt, verstört und fasziniert.
Zu den Höhepunkten der Ausstellung gehören die Installation „There is no such Thing as Outside“, ein überlebensgroßes Puppenhaus und die erstmals gezeigten Werke aus Upsons letzter Serie „Foot Face“.

Dollhouse – Geheimnisse in großer Miniatur

In „There is no such Thing as Outside ” entzieht Upson dem vertrauten Puppenhaus seine kindliche Unschuld und verwandelt es in ein Geflecht aus Erinnerung und psychologischer Projektion. Ausgangspunkt ist eine großformatige Rekonstruktion eines Puppenhauses, das über Generationen in ihrer Familie vererbt wurde – ein begehbares Modell, in dem Upson selbst zur Figur wird. Im Innenraum erschafft sie so eine neue Dimension, in der sich Spiel und Realität, Schutzraum und Bedrohung überlagern.
Was einst Zuflucht bot, wird zur Bühne innerer Konflikte – zur architek-tonischen Metapher eines Lebens, in dem sich Innen und Außen vermischen. Upson zeigt somit, wie persönliche Erfahrungen sich in Räume und Materialien einschreiben. Ihre Vorgehensweise wirkt zugleich manisch und analytisch präzise: Schicht um Schicht legt sie die psychologischen Sedimente des Verborgenen frei. So wird das Puppenhaus zum Sinnbild ihrer Praxis – dem Versuch, das Innere sichtbar zu machen, ohne sein Rätsel zu lösen.

Larry – Eine Anatomie des Verlorenen

Vom Eindringen in ein fremdes Haus bis zur Erkundung der verlassenen Straßen ihrer Heimat entfaltet Kaari Upson ein vielschichtiges Porträt von Begehren und Verfall. Ausgangspunkt ist die reale und zugleich imaginierte Figur „Larry”, ein Nachbar aus Upsons Kindheit, dessen leeres Haus sie heimlich betritt, erforscht und dokumentiert. Mit einem fast besessenen, analytischen Blick rekonstruiert sie aus Spuren und Objekten ein psychologisches Puzzle zwischen Realität und Fiktion. Dabei hebt sie die Grenze zwischen Erlaubtem und Verbotenem auf. Larry wird weniger zur Person als zu einem Alter Ego – eine Projektionsfläche, an der das Selbst und das Fremde aufeinandertreffen.
In der Folge weitet Upson ihren Blick vom Privaten in Larrys Haus hin zum Öffentlichen ihrer Heimatstadt San Bernardino, einer eher herunter-gekommenen Stadt vor den Toren von Los Angeles. Sie richtet ihre Aufmerksamkeit auf verlassene Orte und die weggeworfenen Sofas und Matratzen am Straßenrand, die sie auch in der Umgebung ihres Ateliers in Los Angeles findet. Aus diesen Überresten formt sie Abgüsse aus Latex und Urethan – blinde Malereien des Verdrängten, Abbilder von Anwesenheit durch Abwesenheit. Hier wird der obsessive Blick zu einer gesellschaftlichen Untersuchung.
Upson scheint uns zu fragen, was die Dinge, die wir zurücklassen, über uns selbst verraten.
In Kooperation mit dem Louisiana Museum of Modern Art und MASI Lugano, gefördert durch Stiftung Kunsthalle Mannheim; Hector Stiftungen; Stadt Mannheim red