Nach jahrelangem Streit um den Bau von Flüchtlingsunterkünften in Pankow hat der Bezirk nun den Artenschutzbescheid für das Projekt Kavalierstraße zurückgezogen. Die Entscheidung wirft die Frage auf, wie es mit dem Vorhaben der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft Gesobau weitergeht und welche Rolle der Naturschutz künftig spielt.
Die GESOBAU möchte Wohnungen für Geflüchtete in ihrer Siedlung zwischen Ossietzkystraße und Kavalierstraße am Schlosspark Schönhausen in Pankow errichten. Anwohnende und Naturschutzverbände fordern seit Monaten eine kleinere Bebauung. / © Visualisierung: Bezirksamt Pankow
© Visualisierung Titelbild: Gesobau / Zoomarchitekten-Berlin
In Pankow ist die Auseinandersetzung um das Bauprojekt Kavalierstraße in eine neue Phase eingetreten. Am Dienstag meldete der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), dass das Bezirksamt Pankow den artenschutzrechtlichen Bescheid vollständig zurückgenommen hat, der im Juli 2025 erlassen worden war.
Damit sind die rechtlichen Grundlagen für den Bau von Flüchtlingswohnungen in zwei Innenhöfen der Ossietzkystraße erneut offen.
Keine Rodungen, keine Baumaßnahmen? Gerichtsurteil hatte die Grundlage gelegt, Umweltverbände feiern Erfolg
Der Verwaltungsakt sei nach einer rechtlichen Prüfung aufgehoben worden, weil das Verwaltungsgericht Berlin bereits im November 2025 gravierende Fehler in der Genehmigung festgestellt hatte. Die Richter hatten erklärt, dass die artenschutzrechtliche Ausnahmegenehmigung des Bezirks voraussichtlich rechtswidrig sei, weil sie nicht ausreichend bestimmt sei und damit den Schutz von geschützten Arten nicht verlässlich gewährleiste.
Für Gesobau bedeutete dies einen Rückschlag: Geplante Baumfällungen zur Freimachung der Baustelle sind ohne gültige artenschutzrechtliche Entscheidung derzeit nicht zulässig.
Mehrere vom BUND Berlin, der Berliner Landesarbeitsgemeinschaft Naturschutz und den NaturFreunden Berlin unterstützte Verbände hatten sich im Verfahren beigeladen. Nach Ansicht des BUND sei die Entscheidung des Gerichts „ein Erfolg für die Artenschutzbemühungen der Umwelt‑ und Naturschutzverbände“.
Trotz Kritik: Gesobau hält am Projekt fest – Zeitplan offen
Auf Medienanfragen reagierte Gesobau auf die juristischen Rückschläge mit wiederholter Betonung der Notwendigkeit des Projekts: Man wolle die Baupläne nicht aufgeben, weil der Wohnraum dringend benötigt werde. Wie der Tagesspiegel berichtet, verwies das Unternehmen darauf, dass bereits gültige Bau‑ und Baumfällgenehmigungen vorlägen, und äußerte die Erwartung, dass das Bezirksamt „seiner Verpflichtung nachkommt und Verwaltungsvorgänge zügig bearbeitet“.
Gleichzeitig wurde eingeräumt, dass derzeit kein konkreter Zeitplan für einen Baubeginn vorliege, da nach man noch auf die Beantwortung eines Widerspruchs der Naturschutzverbände gegenüber dem Bezirksamt warte. Auch sei die abschließende Prüfung der Gerichtsentscheidung durch die Behörden noch nicht abgeschlossen.
Vorhaben der Gesobau: 99 Wohnungen für über 400 Geflüchtete in Pankow
Das Projekt sieht den Bau von zwei Wohngebäuden mit insgesamt 99 Wohnungen vor, die Platz für rund 420 Geflüchtete bieten sollen. Ursprünglich als reguläre Wohnungen geplant, wurde das Vorhaben nach Widerstand von Anwohnerinnen und Anwohnern per Sonderbaurecht als Unterkunft für Geflüchtete deklariert.
Kritiker bemängeln seither die Verdichtung der begrünten Innenhöfe und die Fällung von mehr als 60 Bäumen. Ein Kompromissvorschlag, der deutlich weniger Bäume betroffen hätte, blieb bisher unberücksichtigt.
Kavalierstraße im Spannungsfeld Naturschutz und Wohnungsbau – alternative Bebauung möglich?
Die Rücknahme des Bescheids durch den Bezirk zeigt, wie stark Stadtentwicklung in Berlin an rechtliche und ökologische Rahmenbedingungen gebunden ist. Einerseits besteht ein dringender Bedarf an Wohnraum und Unterkünften für Geflüchtete, andererseits verlangen Umweltverbände und Gericht Entscheidungen, die den Schutz von Tieren und Pflanzen ernst nehmen.
Die Naturschutzverbände und die Bürgerinitiative „Grüner Kiez Pankow“ betonen, dass es durchaus eine zumutbare Alternative zur geplanten Innenhofbebauung gibt, die deutlich weniger Grünflächen und Bäume in Anspruch nehmen würden und dadurch die Artenschutzkonflikte weitgehend vermeiden könnten.
Aus Sicht der Verbände sollte Gesobau diese Optionen prüfen und konstruktive Gespräche aufnehmen, um ein Quartier zu entwickeln, das den Anforderungen an Wohnraumschaffung, Klimaanpassung, Integration und Artenschutz besser gerecht wird, statt an der derzeitigen Planung festzuhalten, die Grünflächen „mit der Brechstange“ opfere. Ob und inwiefern es mit dem Projekt künftig weitergeht, bleibt jedoch vorerst abzuwarten.
Quellen: Verwaltungsgericht Berlin, BUND, Gesobau, Tagesspiegel, Grüner Kiez Pankow
