Als „schrecklichen Kampf“ bezeichnete Schriftstellerin Linde Rotta den Leipziger Bilderstreit – eine der hitzigsten Kulturdebatten der Nachwendezeit, die neun Jahre lang die Leipziger Stadtgesellschaft spaltete. Alles begann 2006, als die Universität Leipzig entschied, Werner Tübkes monumentales Gemälde „Arbeiterklasse und Intelligenz“ auch im neuen Hauptgebäude der Universität aufzuhängen. Für den Schriftsteller Erich Loest ein Affront.
Das 1973 entstandene Auftragswerk verkörperte für ihn die Sicht der „herrschenden Klassen“ der DDR und blendete deren Opfer aus. Loest wollte ein Gegengewicht schaffen. Auf eigene Kosten beauftragte er den Künstler Reinhard Minkewitz mit dem Bild „Aufrecht stehen“ – ein Werk, das an die politisch Verfolgten der Leipziger Alma Mater erinnern sollte. Erst 2015 fand das Bild schließlich seinen Platz in der Universität. Erich Loest hat es nicht mehr erlebt.
Essay als eine Art Abrechnung
Jetzt, zum 100. Geburtstag Erich Loests, meldet sich Linde Rotta zu Wort. Die bald 89-jährige Journalistin, Schriftstellerin und langjährige Lebensgefährtin Loests hat einen Essay veröffentlicht: „Rost war die Farbe der Zeit“. Darin beschreibt sie eindrucksvoll, wie sie den Leipziger Bilderstreit erlebt hat – persönlich, emotional, und mit Blick auf die gesellschaftlichen Brüche jener Jahre. Den Essay auch als eine „Abrechnung“ zu bezeichnen, sei nicht übertrieben, so Linde Rotta.
„Denn ich habe gemerkt, dass einige, die vorher sehr gegen das Bild waren und die mir eigentlich nur Schwierigkeiten gemacht hatten, plötzlich anfingen, sich das sozusagen an das eigene Revers zu heften, dass sie da mitgearbeitet haben“, erzählt Linde Rotta im Gespräch mit MDR KULTUR. Das habe sie geärgert. Und sie sei nun mit 89 Jahren in einem Alter, wo sie alles sagen könne. „Ich hätte den Druck selber bezahlt, wenn es hätte sein müssen.“
Loest kontra Tübke: Persönliche Erinnerungen an den „Leipziger Bilderstreit“
Linde Rotta sagt diese Sätze mit eben jener Mischung aus Empörung und pointiertem Spott, die den Leser an vielen Stellen in ihrem Essay „Rost war die Farbe der Zeit“ geradezu anspringt. Mit der Veröffentlichung von Briefen, Gedankenprotokollen und persönlichen Notizen schildert Linde Rotta, wie sie den Leipziger Bilderstreit erlebt hat, wie Erich Loest ihn erlebt hat, welche Haltungen in der Stadtgesellschaft eingenommen wurden und welche eben nicht.
Maler aus Leipzig von Loests Engagement beeindruckt
„Vielleicht war diese Bild-Idee von Erich Loest zwar richtig in der Zeit, aber scheinbar noch zu früh gewesen“, vermutet heute der Maler Reinhard Minkewitz. Er selbst war damals von Loests Engangement stark beeindruckt: „Ich war völlig platt, wie er über diese lange Zeit diesen Gedanken an ein Bild hochhielt und glaubte, dass ein Bild wichtig für die gesamte Diskussionslandschaft ist.“ Zu Minkewitz Erstaunen hätten das die Hochschulverantwortlichen so nicht gesehen. „Umso mehr freue ich mich jetzt, dass es jetzt angekommen ist und wir schon schöne Veranstaltungen vor diesem Bild hatten“.
Ich war völlig platt, wie er über diese lange Zeit diesen Gedanken an ein Bild hochhielt und glaubte, dass ein Bild wichtig für die gesamte Diskussionslandschaft ist.
Reinhard Minkewitz, Maler
So auch im Oktober 2023. Im Rahmen einer Gedenkveranstaltung erinnerte die Stadt Leipzig vor dem Minkewitz-Gemälde an den zuvor verstorbenen Bürgerrechtler und Politiker Werner Schulz.
Bürgerrechtler Werner Schulz brachte Stadt zum Einlenken
Auch Linde Rotta würdigt Werner Schulz und sein Wirken in ihrem Essay – hatte er doch mit seiner Trauerrede für Erich Loest den finalen Stein im Leipziger Bilderstreit ins Rollen gebracht. Diese habe schließlich dazu geführt, dass Loests Gegenbild zu Tübkes Gemälde doch noch aufgehängt wurde.
„Wäre nicht diese unglaubliche Trauerrede in der Nikolaikirche von Werner Schulz gewesen“, erzählt Linde Rotta, „die hat im Grunde sowohl die Stadt als auch die Universität moralisch gezwungen, nicht nein zu sagen. Denn die Trauerrede ist in ganz Deutschland veröffentlicht worden.“ Dennoch sei es noch zu Verzögerungen gekommen.
Blick in Geschichte Leipzigs und der DDR
Diesen Kampf nachzuempfinden, ihn festzuhalten, der Wut auch ein Ventil zu geben, das, so scheint es, war das Ansinnen dieses Essays. Doch „Rost war die Farbe der Zeit“ geht weit über Gefühle hinaus. Es ist Rückschau, Betrachtung, die Sicht einer Zeitzeugin und Chronistin. Linde Rotta beschränkt sich in ihrem Essay nicht auf die Jahre des Bilderstreits von 2006 bis 2015.
Die letzte Lebensgefährtin des 2013 verstorbenen Schriftstellers Erich Loest wagt den Blick tief in die Geschichte Leipzigs und der DDR. Erinnert an die Sprengung der Paulinerkirche, an den 17. Juni 1953, schildert biografische Eckpfeiler aus dem Leben Erich Loests, dessen Bedeutung für die Stadt Leipzig bis heute nicht begriffen wurde, so Linde Rotta: „Das glaube ich, haben Sie nicht kapiert – bis jetzt nicht. Und, dass wirklich sein Herz an Leipzig gehangen hat. Und, dass es so schnell keinen zweiten mehr gibt, der Leipzig so geliebt hat wie Erich Loest. Das muss ich sagen.“
Über Erich Loest
Im Februar jährt sich der Geburtstag von Erich Loest zum 100. Mal. Der Schriftsteller saß selbst sieben Jahre lang im Stasi-Gefänfnis „Bautzen II“ und engagierte sich für die Stadt Leipzig und das Nichtvergessen der Opfer der DDR. Werke von ihm sind etwa „Nikolaikirche“ oder „Völkerschlachtdenkmal“.
Essay „Rost war die Farbe der Zeit“
von Linde Rotta
erschienen im Gans Verlag, Dezember 2025
Hardcover mit Schutzumschlag
248 Seiten, 26 Euro
ISBN: 978-3-946392-67-5
redaktionelle Bearbeitung: sg