Leipzig. Sie terrorisierten ihre Opfer in akzentfreiem Deutsch: Betrüger haben aus Callcentern in der Türkei regelrecht Jagd auf die Ersparnisse deutscher Rentner gemacht. Sie gaben sich am Telefon gegenüber ihren überwiegend betagten Opfern als Polizisten oder Bankmitarbeiter aus, erfanden haarsträubende Geschichten und drängten die eingeschüchterten Senioren, Bargeld und Wertsachen herauszugeben. Zwei mutmaßliche Mitglieder der bundesweit operierenden Bande legten beim Prozessauftakt am Mittwoch im Landgericht Leipzig Geständnisse ab.
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„Es ging ihnen darum, bei den Geschädigten einen größtmöglichen Vermögensverlust herbeizuführen“, sagte Staatsanwältin Sibylle Zwanzger. Im Herbst 2024 hätten sich die Angeklagten Esref B. (26) und Hasan F. (25) mit einer unbekannten Zahl von Komplizen zusammengeschlossen. Nach Erkenntnissen der Ermittler funktionierte die Bande nach dem bewährten Prinzip.
Es ging ihnen darum, einen größtmöglichen Vermögensverlust herbeizuführen
Sibylle Zwanzger
Staatsanwältin
Sogenannte Keiler belagerten die Opfer telefonisch über Stunden oder gar Tage, bis diese sich unter dem Eindruck einer akuten Bedrohungslage von Geld, Schmuck, Goldbarren und wertvollen Münzsammlungen trennten. Abholer nahmen die Beute als angebliche Zivilpolizisten entgegen, Logistiker kümmerten sich um die Abwicklung und transferierten die Einnahmen in die Türkei. Die Angeklagten, ein Schweißer und ein Bauarbeiter, sollen innerhalb der Bandenhierarchie als Abholer und Logistiker fungiert haben.
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94-Jähriger übergibt seine Goldbarren
Der erste bekannte Fall in der Anklageschrift: Etwa vier Bandenmitglieder drangsalierten Anfang November 2024 einen 94-jährigen Mann in Kaiserslautern und jagten ihm wegen einer angeblichen Einbruchsserie Angst ein. Die falschen Polizisten rieten ihm dazu, die Goldbarren in seinem Schließfach gegen wertlose Duplikate auszutauschen, damit sie nicht gestohlen werden können. Tatsächlich holte der Senior das Gold im Wert von 75.000 Euro von seiner Sparkasse und übergab es an die angeblichen Beamten.
Häufig trat auch ein gewisser Kripo-Kommissar „Rössler“ gegenüber den gutgläubigen Opfern in Erscheinung. In einigen Fällen forderte er ältere Leute zum Abheben größerer Bargeldsummen auf. Komplizen fingierten dann eine Prüfung der Seriennummern und behaupteten, es handele sich um Falschgeld, welches sichergestellt werden müsse. Einen 83-Jährigen überzeugte „Rössler“, er möge einem vermeintlichen Kripo-Kollegen 10.000 Euro übergeben, um einem korrupten Bankmitarbeiter eine Falle zu stellen.
Leipzigerin wird im letzten Moment misstrauisch
Ähnliche Geschichten erzählten die Betrüger aus dem Callcenter auch als falsche Bankmitarbeiter. Sie erfanden Gefahren durch Cyberattacken auf Bankkonten und Hackerangriffe einer bulgarischen Lottogemeinschaft. Entweder sollten die Opfer Geld überweisen oder Zugriff auf ihr Onlinebanking per Fernwartungssoftware gewähren.
Bisweilen scheiterten die Betrüger jedoch. Eine Leipzigerin (62) hatte Anfang Januar 2025 schon 3600 Euro zur Übergabe an angebliche Polizeibeamte in einen Umschlag gepackt, dann aber zum Übergabetermin die Tür nicht geöffnet. Im Februar 2025 wurde eine Würzburgerin (68) im letzten Moment misstrauisch. Der Grund: Ein „Polizist“, der von ihr Geld und Wertsachen abholen wollte, sprach kein Deutsch.
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Die Staatsanwaltschaft legt Esref B. unter anderem 14 Fälle des banden- und gewerbsmäßigen Betrugs mit einem Gesamtschaden von mehr als 198.000 Euro sowie mehrere Versuche zur Last. Hasan F. soll bei vier angeklagten Taten mitgemischt haben. Beide gestanden den überwiegenden Teil der Anklagevorwürfe. Ihr Verdienst soll zwischen mehreren hundert Euro pro Tat bis hin zu vierstelligen Beträgen gereicht haben. Die Hintermänner verrieten sie jedoch nicht. Es tue ihm leid, so Hasan F. Eigentlich habe er in Deutschland eine normale, legale Arbeit machen wollen. Doch im Gespräch mit Freunden und Bekannten sei ihm diese vermeintlich einfache Tätigkeit angeboten worden.
Für den Prozess sind noch acht Verhandlungstage bis Mitte April geplant.
LVZ