Die Lifestyle-Influencerin Chiara Ferragni ist am Mittwoch von einem Gericht in Mailand im Verfahren um das sogenannte Pandoro-Gate vom Vorwurf des schweren Betrugs freigesprochen worden. Die Staatsanwaltschaft hatte für die 38 Jahre alte Geschäftsfrau eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und acht Monaten gefordert. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.
„Mir ist Gerechtigkeit widerfahren, es waren sehr schwierige Jahre für mich. Ein Albtraum ist vorbei. Ich bin sehr glücklich, mein Leben zurückzubekommen“, sagte Ferragni nach dem Urteil. Der Freispruch erging vor allem aus Verfahrensgründen, weil der Richter keine besondere Schwere bei dem Betrug hatte erkennen können, der Ferragni und ihren Managern von den Strafverfolgern vorgeworfen worden war.
In dem Prozess ging es um den Vertrieb eines Weihnachtskuchens (Pandoro) sowie von Ostereiern zu angeblich wohltätigen Zwecken, die deutlich teurer als vergleichbare handelsübliche Produkte waren. In einem gesonderten Verfahren hatte die nationale Wettbewerbs- und Kartellbehörde in der Sache bereits eine Strafe in Höhe von gut einer Million Euro gegen Ferragni verhängt und den Kuchenhersteller Balocco zur Zahlung einer weiteren Strafe von 420.000 Euro verurteilt. Sowohl Ferragnis Firmen sowie Balocco hatten die Strafe der Behörde akzeptiert und sich entschuldigt. Ferragni, die Manager ihrer Unternehmen und die Hersteller der Süßwaren hatten stets abgestritten, dass sie bei den Verkaufsaktionen in böswilliger oder gar betrügerischer Absicht gehandelt hätten.
Ein Gewinn von mehr als einer Million Euro
Ermittlungen der Wettbewerbshüter und einer Organisation für Verbraucherschutz hatten ergeben, dass die Erlöse für den Verkauf des Weihnachtskuchens „Pink Christmas“, den Ferragni und Balocco vor den Feiertagen 2022 gemeinsam vermarktet hatten, ausschließlich an die Unternehmerin und den Kuchenhersteller geflossen und nicht wie insinuiert auch dem Krankenhaus Regina Margherita in Turin zugutegekommen waren. Eine Spende in Höhe von 50.000 Euro hatte der Kuchenhersteller schon lange vor dem Beginn der Werbekampagne mit Ferragni an die Klinik überwiesen.
Der zusammen mit einem Beutel pinkfarbigem Puderzucker vertriebene traditionelle Weihnachtskuchen Pandoro wurde für neun Euro verkauft und war damit fast dreimal so teuer wie die herkömmliche Variante des Gebäcks. Der Verkauf der gut 360.000 pinken Pandori brachte Ferragnis Unternehmen einen Gewinn von mehr als einer Million Euro ein, während von dem Erlös kein Cent zusätzlich an die Turiner Klinik floss. Die Werbekampagne für den Kuchen hatte aber den Eindruck erweckt, dass die Klinik anteilig vom Verkauf profitieren würde. Nach der Verhängung des Bußgeldes durch die Kartellbehörde hatte sich Ferragni in einem über die sozialen Medien verbreiteten Büßervideo für „Kommunikationsfehler“ und „Missverständnisse“ entschuldigt und eine Spende in Höhe von einer Million Euro für die Kinderkrebsstation der Turiner Klinik angekündigt.
Nur 40.000 Euro gingen an die Organisation
Ferragni hatte schon vor dem Skandal um die Pandori beim Vertrieb von Ostereiern sowie von Puppen nach dem gleichen Muster suggeriert, dass vom Verkaufserlös der Produkte ein Anteil an wohltätige Organisationen fließen würde. Für die Ostereier-Kampagne des Süßwarenherstellers „Dolci Preziosi“ soll Ferragni 2021 und 2022 mehr als eine Million Euro Werbehonorar erhalten haben, während an die Organisation „I Bambini delle Fate“, die Kinder mit Autismus und Behinderungen unterstützt, nur 40.000 Euro flossen.
Nach dem Millionenbußgeld der Wettbewerbsbehörde vom Dezember 2023 hatten sich zahlreiche Werbepartner und Follower von Ferragni abgewendet. Nach Medienberichten machten die Unternehmen Ferragnis seit dem Bekanntwerden der Skandale 2022 mindestens zehn Millionen Euro Verlust. Es kam zum Rücktritt von Geschäftsführern verschiedener Unternehmen unter Kontrolle Ferragnis. Im Rahmen einer „Umstrukturierung“ der Geschäftstätigkeiten der Influencerin mussten Geschäfte in Rom und in Mailand geschlossen und einige Unternehmen liquidiert werden.
Auch Ministerpräsidentin Giorgia Meloni von der rechtskonservativen Partei Brüder Italiens hatte scharfe Kritik an Ferragni geübt, ohne diese jedoch beim Namen zu nennen. „Die echten Vorbilder, denen man nacheifern sollte, sind nicht die Influencer, die viel Geld verdienen, indem sie Kleider oder Handtaschen tragen oder für teure Pandori werben, indem sie den Leuten vorgaukeln, sie würden mit dem Kauf wohltätige Zwecke unterstützen, mit den hohen Preisen aber nur Millionen einstreichen“, sagte Meloni. Mit den Stimmen von Melonis Mitte-rechts-Koalition verabschiedete das Parlament 2024 das sogenannte Ferragni-Gesetz, das die Tätigkeiten von Influencern stärker reguliert als ehedem.
Der Wettbewerbsbehörde werden bei der Überwachung der kommerziellen Tätigkeit von Influencern zusätzliche Kompetenzen einräumt, gegen unlautere Praktiken werden höhere Strafen festgesetzt. Der Fall Ferragni wurde noch nicht auf Grundlage der neuen Regeln verhandelt, sondern nach Maßgabe der früher geltenden Verbraucherschutz- und Betrugsgesetze.
Ferragni war von 2018 bis zur Scheidung im Juli 2025 mit dem 36 Jahre alten Rapper Fedez verheiratet. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor. In einem langwierigen Verfahren vereinbarte das bis zur Trennung berühmteste Promi-Paar Italiens das gemeinsame Sorgerecht für die heute acht und fünf Jahre alten Kinder Leone und Vittoria.
Ferragni und Fedez, der mit bürgerlichem Namen Federico Leonardo Lucia heißt, hatten ihr Eheleben sowie die Geburt und das Aufwachsen der gemeinsamen Kinder hemmungslos in den sozialen Medien präsentiert und damit über Jahre die Klatschspalten der Medien gefüllt. Die Trennung erfolgte im Frühjahr 2024, offenbar als direkte Konsequenz von Ferragnis Pandoro-Skandal. Die Kinder des Promi-Paares verschwanden unmittelbar nach der Trennung der Eltern schlagartig aus den Medien, weil sich die zerstrittenen Eheleute vor gegenseitigen Klagen wegen nicht einvernehmlicher Nutzung der Bildrechte der gemeinsamen Kinder für jeweils eigene Zwecke fürchteten.
Ferragni und Fedez hatten sich regelmäßig für die Rechte der LGBTQ+-Community eingesetzt. Ferragni ihrerseits hatte Kampagnen zum Kampf gegen den Femizid unterstützt und sich allgemein feministisch bewegt gezeigt. Konservative Politiker und Kommentatoren kritisierten, dass die dubiosen Geschäftspraktiken Ferragnis und auch die hemmungslose Vermarktung der beiden kleinen Kinder durch die prominenten Eltern von vielen Medien und auch vom linken Kulturbetrieb übersehen und toleriert wurden, weil die Medienlieblinge Ferragni und Fedez sich für die „richtigen“ gesellschaftspolitischen Themen eingesetzt hatten.