
Die NFL geht in ihre entscheidende Phase – und in der ist wie in der gesamten Spielzeit nichts vorhersehbar. Nach den Ären der vergangenen Jahre gibt es keinen klassischen Favoriten.
Für viele neutrale Fans von American Football dürfte die aktuelle Saison ein Fest sein. Auch in dieser Sportart lechzen sie seit Jahren nach weniger Dominanz in der NFL, denn ab Anfang der 2000er-Jahre hatte Tom Brady mit den New England Patriots die Liga beherrscht, sein Thronfolger wurden ab 2020 die Kansas City Chiefs mit Patrick Mahomes. Die beiden Teams gewannen nicht jedes Mal den Super Bowl, aber sie standen stets in der Favoritenliste ganz oben.
In dieser Saison kann eine solche unter den verbliebenen acht Teams in der Divisional Round gar nicht realistisch angefertigt werden. Mahomes hat die Playoffs mit den Chiefs gänzlich verpasst und Titelverteidiger Philadelphia Eagles ist in der Wildcard Round rausgeflogen. Die Buffalo Bills, die in den vergangenen Jahren zur Top 3 gehörten sind zwar noch dabei, aber nicht mehr so gut wie bei ihren vorigen Anläufen, unter Star-Quarterback Josh Allen zum ersten Mal in der Franchise-Geschichte den Super Bowl zu gewinnen.
Stafford hat geschafft, was alle anderen Quarterbacks schaffen wollen
Sollte Erfahrung eine entscheidende Rolle spielen, wären die Bills ein großer Anwärter auf den Finalsieg am 8. Februar in Santa Clara, Kalifornien. Und neben Buffalo wären die Los Angeles Rams der zweite Kandidat. Die haben unter Trainer Sean McVay 2022 zum bisher letzten Mal den Super Bowl gewonnen und ihr Quarterback Matthew Stafford ist der einzige der übrigen acht startenden Spielmacher in den Playoffs, die bereits den Titel in der NFL gewonnen haben.
Stafford spielt eine MVP-Saison, hat beim dramatischen 34:31 gegen die Carolina Panthers gezeigt, dass er Klasse und Nerven aus Stahl hat, als er sein Team im letzten Drive zum Sieg führte. „Ich war in meinem Leben so oft an diesem Punkt – und ich liebe es. Man kann sich dabei stressen oder man kann es ruhig angehen, wir haben Letzteres gemacht“, sagte Stafford. Der Quarterback ist der Titel-Trumpf der Rams, die es jetzt mit den Chicago Bears zu tun bekommen. Deren Spielmacher Caleb Williams gehört zu den vielen „jungen Wilden“, die den Titel vor Augen haben.
Drake Maye lässt die Patriots träumen
Zu denen gehört auch Drake Maye, die wohl größte Überraschung der Saison und der einzige Konkurrent Staffords im Kampf um den MVP-Award. Der 23-Jährige lässt die Patriots daran glauben, einen Nachfolger für Brady gefunden zu haben, der eine neue Ära prägen kann. Er hat im Wild Card Game gegen die Los Angeles Chargers allerdings sein erstes Playoff-Match gemacht und es hat sich gezeigt, dass das eine ganz andere Nummer ist. Maye wackelte, die Patriots gewannen aber dank ihrer herausragenden Defensive mit 16:3.
Der Quarterback oder die Defensive – einer dieser beiden Mannschaftsteile entscheidet im Normalfall darüber, welche Spieler sich am Ende den Super-Bowl-Ring anziehen dürfen und wer im Endspurt einer Saison leer ausgeht. In Sachen Defensive haben auch die Houston Texans (30:6 gegen die Pittsburgh Steelers) und San Francisco 49ers (23:19 gegen Philadelphia) echte Statements gesetzt, das beste Gesamtpaket haben aber wohl die beiden topgesetzten Mannschaften.
Brady macht Broncos-Triumph von Bo Nix abhängig
Die Seattle Seahawks (gegen San Francisco) und Denver Broncos (gegen Buffalo) hatten mit 14:3-Siegen (wie New England) die besten Bilanzen in der NFL und verdienten sich so eine Verschnaufpause vor der Crunchtime der Saison. Beide haben Top-10-Offensiven mit 351,4 (Seattle) und 342,6 Yards pro Spiel (Denver) und eine herausragende Verteidigung. Die Broncos lassen den zweitwenigsten Raumgewinn bei ihren Gegnern zu (278,2 Yards), die Seahawks den siebtwenigsten (285,9).
Bei ihnen ist aber auch die Frage, wie sehr sie ihre Stärke in die Playoffs transportieren können. Broncos-Quarterback Bo Nix spielt erst seine zweite Saison, sein erstes K.o.-Spiel in der vergangenen Saison ging komplett in die Hose. Jetzt peilen er und sein Team mit 13 Siegen aus den vergangenen 14 Spielen aber den Titel an. „Dieses Team verfügt über alle Mittel, um in den Playoffs zu gewinnen, wenn Bo Nix in den nächsten Wochen sein Spiel verbessern kann“, sagte Brady über den 25-Jährigen und seine Mannschaft.
Ist Darnold zu fehleranfällig für den Titel?
Das Team der Seahawks könnte aber auch den „Goat“ noch ein Stück mehr beeindruckt haben, mit einer Punktedifferenz von +191 waren sie die Nummer eins in der Liga, es war die beste Bilanz in der Klub-Historie. Die „New York Times“ bezeichnet deren Anführer Sam Darnold aber als „größte Wild Card der Playoffs“ und schreibt über Seattle: „Das einzige Fragezeichen ist die Leistung des Quarterbacks.“ Darnold hat mit 14 Interceptions die drittmeisten Würfe in die gegnerischen Hände vorzuweisen.
Und so sprechen für jedes Team einige Dinge, aber auch ein paar Sachen gegen jede Mannschaft. Ein Favorit? Nicht erkennbar, auch wenn es Nuancen gibt, die Vorteile darstellen könnten. Die Wild Card Games haben gezeigt, wie unvorhersehbar und eng diese Spielzeit ist und wie sehr sich das in den Playoffs offenbar noch zuspitzt. Es bahnt sich das passende Finale zu dieser Wundertüten-Saison an.
