Stand: 14.01.2026 17:47 Uhr

Im UKSH Kiel und Lübeck werden immer mehr Menschen nach Messerattacken versorgt. Das haben Mediziner vom Uniklinikum herausgefunden. Die Ärzte werteten dazu Patientendaten aus.

von Hauke von Hallern

Auf den OP-Tischen im Uniklinikum Schleswig-Holstein in Kiel und Lübeck landen immer mehr Opfer von Messerangriffen. Nach einer Studie von UKSH-Notfallmedizinern waren es in den Jahren 2020 bis 2023 im Durchschnitt 31 Betroffene pro Jahr. Im Jahr 2024 stieg die Zahl dann auf 52 an – ein Plus von knapp 68 Prozent. Auch im vergangenen Jahr bleibe dieser Trend erhalten, erklärt der Initiator der Studie, Domagoj Schunk. Er leitet die Notaufnahme in Kiel.

Messerverletzungen oft nicht sichtbar

Notfallmediziner Domagoj Schunk mit Kollegen am UKSH Kiel.

Domagoj Schunk (vorn) leitet die UKSH-Notaufnahme in Kiel.

Verletzungen durch Messer haben laut Schunk eine tückische Eigenart: „Sie sind oft nicht sofort erkennbar, können an verschiedenen Stellen auch unsichtbar sein beziehungsweise man muss genau hinschauen. Stichverletzungen können aber trotzdem ein Organ im Hintergrund schwer verletzen.“ Auch die Opfer würden manchmal nicht sofort merken, dass sie einen Stich abbekommen haben. Es fühle sich mehr an wie ein dumpfer Schlag, weniger wie ein Stich. Dieses Verletzungsmuster sei den Medizinern früher nicht so häufig untergekommen.

Wir müssen unser Team da entsprechend schulen, zum Beispiel was es bei der Versorgung zu beachten gibt, neue Behandlungsmethoden und wir müssen auch das Equipment vorhalten.

Domagoj Schunk, Leiter der UKSH-Notaufnahme in Kiel

Kriminalstatistik verzeichnet ebenfalls Anstieg bei Messerangriffen

Auch die Kriminalstatistik, die Anzeigen bei der Polizei auswertet, untermauert die UKSH-Studie: Sie erfasste im Jahr 2024 1.187 Messerangriffe in ganz Schleswig-Holstein. Im Jahr 2020 waren es noch 788. Das entspricht einem Plus von knapp 51 Prozent. Für das vergangene Jahr liegen noch keine Zahlen vor.

Expertin: Messer sind in Mode gekommen

Die kriminologische Forschungsstelle des Landeskriminalamtes in Kiel untersucht die Ursachen des Anstiegs. Ein Grund: Ein Messer dabei zu haben gelte heute oft als cool, erklärt Forscherin Fee-Elisabeth Bertram. „Wenn eine Person innerhalb einer Gruppe anfängt und sich ein Messer anschafft, dann entsteht eine Dynamik und es ist wahrscheinlicher, dass diejenigen, die bisher noch kein Messer dabei hatten, sich ebenfalls ein Messer zulegen“, so Bertram. Es sei bei jungen Leuten inzwischen eine Art Mode geworden.

Blick in die Kriminalstatistik kann auch täuschen

Die Opfer sind laut der Studie der UKSH-Mediziner jung, im Durchschnitt Anfang 30, mehr als 90 Prozent sind Männer. Auch die Tatverdächtigen sind demnach oft junge Männer, im Durchschnitt etwa 34 Jahre alt. Die Hälfte der Tatverdächtigen seien dem Opfer unbekannt, knapp 30 Prozent der mutmaßlichen Täter stammten aus dem Bekannten- und Familienkreis.

Forscherin Fee-Elisabeth Bertram sitzt an einem PC.

Fee-Elisabeth Bertram erforscht die Ursachen von Kriminaldelikten. Sie hat unter anderem Psychologie studiert.

Und: Nichtdeutsche werden häufiger verdächtigt, zum Messer zu greifen als Deutsche. Das geht aus der Kriminalstatistik hervor. Doch diese Daten sind nicht eindeutig. „Es gibt auch Studien dazu, die zum Beispiel zeigen, dass nicht-deutsche Täter oder Täterinnen häufiger angezeigt werden als deutsche und das sowohl von deutschen Geschädigten als auch von nicht-deutschen Geschädigten. Das ist eine Verzerrung“, erklärt die Forscherin.

Psychische Belastungen als Risikofaktor

Die Gründe, warum Menschen zum Messer greifen, sind nach Angaben der kriminologischen Forschungsstelle komplex. Dass speziell auch Ausländer zu Tätern werden, könne auch an ihrer Lebenssituation liegen. „Nicht-deutsche Personen vereinen sehr viele Risikofaktoren auf sich, die gewalttätiges Verhalten fördern. Das würde es genauso bei den Deutschen“, sagt Bertram.

Ein Beispiel seien psychische Belastung durch eine Fluchthistorie. Weitere Gründe seien häufig ein geringes Einkommen, wenig Bildung, ein gering angesehener Beruf sowie wenig Freunde und Bekannten und unsichere Zukunftsperspektiven. „Diese Faktoren gelten aber genauso bei Deutschen“, betont Bertram. Sie seien davon nur weniger oft betroffen.

Mehr Kontrollen und Prävention durch die Polizei

Überlebende von Messerangriffen leiden nach Angaben des Weißen Rings Schleswig-Holstein oft ein Leben lang, psychische Symptome sind hier zum Beispiel Flashbacks. Die Landespolizei in Schleswig-Holstein kontrolliert nach eigenen Angaben inzwischen das bundesweite Messerverbot bei öffentlichen Veranstaltungen und im Nahverkehr mit vielen Einsätzen. Und sie leistet aktuell mehr Präventivarbeit. Beamte gehen zum Beispiel in Schulen und sprechen mit jungen Leuten, um zukünftige Taten zu verhindern.

Innenministerin Sabine Sütterlin-Waack (CDU) faltet die Hände bei einer Pressekonferenz.

Ein geplantes Sicherheitspaket sieht vor, dass die Beamten mehr Befugnisse bekommen und unter anderem KI einsetzen dürfen.

Vor dem Hauptbahnhof Kiel wird ein Taschenmesser in der Hand gehalten.

Stadt und Polizei erhoffen sich so unter anderem die steigende Zahl von Messerdelikten zu reduzieren.

"Waffen verboten" steht auf einem Schild am Hamburger Hauptbahnhof.

12.000 Menschen wurden laut Polizei bislang in Schleswig-Holstein kontrolliert. Viele Messer wurden gefunden – und es soll weitergehen.

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