Niedriger, schmaler und vielleicht auch mit einer ganz anderen Gestalt: Der Investor, der am Candidplatz in Untergiesing ein architektonisch ungewöhnliches 64-Meter-Hochhaus bauen will, muss umplanen.
Der Planungsausschuss des Stadtrats hat am Mittwoch mit den Stimmen der grün-roten Koalition beschlossen, dass im weiteren Verfahren „Varianten (unter anderem mit einer geringeren Höhe und schlankerer Kubatur) geprüft und in Visualisierungen dargestellt“ werden müssen. Auf dieser Basis werde der Stadtrat dann über einen Gebäudeentwurf entscheiden, der „gestalterisch die Belange der Stadtbildverträglichkeit“ berücksichtigt.
In anderen Worten: Der bisherige Entwurf eines aus acht Quadern gestapelten Komplexes mit einer Lücke in der Mitte, Projektname „Candid-Tor“, ist politisch derzeit nicht mehrheitsfähig.
Sebastian Weisenburger, Fraktionschef von Grünen/Rosa Liste/Volt, berichtete in der Stadtratsdebatte aus einem Gespräch mit dem Immobilienunternehmer Michael Ehret, der das Candid-Tor mit geplant hat: „Ich habe Herrn Ehret schon vor vier Jahren gesagt: ‚Sie müssen mit der Höhe runter‘“, so Weisenburger. „Wenn die Investorenseite das nicht checkt, dann kriegt sie einen Stadtratsbeschluss.“
Ehret war am Mittwochnachmittag nicht für eine Stellungnahme dazu zu erreichen. Seine Firma Ehret und Klein war anfangs Co-Investor und ist inzwischen nur noch Beraterin. Alleiniger Investor ist nun das Hamburger Unternehmen Values, und zwar über die Grünwalder Tochterfirma Candid GmbH & Co. KG. Die hat das Grundstück Candidplatz 5 bis 13, auf dem bereits ein Ärztehaus steht, im Sommer 2020 für 58,2 Millionen Euro von einer Privatperson gekauft.
Die SPD-Stadträtin Simone Burger sagte: „Ich glaube nicht, dass die Investoren sich einen Gefallen getan haben, dieses Bild in die Welt zu setzen.“ Mit ihrem Änderungsantrag wolle die Koalition dafür sorgen, „dass wir an dieser Stelle auch andere Entwürfe haben“.
Giesing
:Spektakuläre Architektur für einen Unort Münchens
Das Erscheinungsbild des Candidplatzes soll sich durch zwei große Bauprojekte grundlegend ändern. Ein privater Investor plant Ungewöhnliches.
SZ PlusVon Sebastian Krass
Die vehementen Aussagen kamen am Mittwoch überraschend. Der Entwurf für das „Candid-Tor“, das auf einem Inselgrundstück zwischen Mittlerem Ring und Candidstraße vor das bestehende Ärztehaus gesetzt werden soll, ist nämlich schon seit 2021 bekannt. Damals diskutierte die Stadtgestaltungskommission kontrovers über das Konzept des Rotterdamer Architekturbüros MVRDV (von dem auch das preisgekrönte Gebäude mit den riesigen Schriftzügen AAHHH und OH im Werksviertel stammt).
Nun legte Stadtbaurätin Elisabeth Merk der Politik den Beschlussentwurf vor, mit dem sie auf der Basis des bisher Erarbeiteten den offiziellen Planungsprozess starten wollte. Dafür hat Grün-Rot nun aber neue Vorgaben gemacht.
Für die größte Oppositionsfraktion erklärte der CSU-Stadtrat Andreas Babor: „Man darf so eine Architektur nicht verteufeln. Ein solches Bauvorhaben birgt auch viele Chancen.“ Mit dem neuen Bebauungsplan könne die Stadt sichern, dass Wohnraum für Auszubildende oder Studierende ebenso entstehe wie Künstlerateliers und vielleicht ein Kulturzentrum. Seine Fraktion lehnte die Änderungen von Grün-Rot ab und folgte Merks Vorschlag.
(Foto: SZ-Grafik)
Das tat auch Jörg Hoffmann (FDP). Die Wortmeldungen von Grün-Rot seien „durchzogen von Kritik und Misstrauen gegenüber einem privaten Investor“, kritisierte er. Dabei zeige das Projekt, „wie schön etwas werden kann, wenn jemand privates Geld in die Hand nimmt“.
Brigitte Wolf (Linke) hingegen lehnte das „Candid-Tor“ rundweg ab: „Die Befürchtungen vor Ort sind im Wesentlichen auch die unsrigen: dass das eine Aufwertungswelle auslösen wird. Ein solches Projekt braucht Giesing definitiv nicht.“ Auch Dirk Höpner (München-Liste) sprach sich dagegen aus. Es stünden schon jetzt acht Prozent des Büroraums in München leer, „und nächstes, übernächstes Jahr sind es zehn Prozent“. Da brauche es dieses Riesenprojekt nicht.
Die neuen Vorgaben von Grün-Rot betreffen auch die Nutzungen im und auf dem Hochhaus. Wer von der Stadt dieses Baurecht bekommen wolle, „der muss etwas für die Öffentlichkeit liefern“, sagte Simone Burger von der SPD. Zwar hätten die Investoren zugesagt, dass der Dachgarten öffentlich nutzbar sei. „Aber es reicht mir nicht, wenn die Leute da nur einen Drink für zehn Euro bestellen können“, so Burger, die Fläche müsse eine breitere Bevölkerung ansprechen.
Aus Sicht von Paul Bickelbacher (Grüne) ist es wichtig, dass für die kulturelle und bürgerschaftliche Nutzung im Erdgeschoss und in Teilen des ersten Stocks günstige Mieten gesichert werden. Aus seiner Sicht geht es nun um die Frage: „Wie kann das Gebäude verändert werden, damit es mehr Freunde findet?“
Eigentlich sollte der Ausschuss in dieser Sitzung auch beschließen, die Planung für den Neubau von 160 städtischen und somit bezahlbaren Wohnungen auf der gegenüberliegenden Brachfläche zu starten. Das aber vertagte der Ausschuss mit den Stimmen von Grün-Rot. Die Koalition will vorher klären, welche Folgen ein möglicher Ausbau des oberhalb gelegenen Grünwalder Stadions auf die Nutzung des Grundstücks hätte.
