Mathematik, Design und Farbe verschmelzen in Wiesbaden zu Kunst – sind zugänglich, klug und überraschend sinnlich.

Das Foyer im Rathaus Wiesbaden kennt man als Durchgangsort. Menschen eilen zu Terminen, Gespräche verhallen, Schritte kreuzen sich. Jetzt aber hält rechts und links in beiden Flügeln Farbe den Blick fest. Die Ausstellung Mathematik in Farbe verändert den Raum – leise, aber nachhaltig. Sie zeigt Arbeiten von Jürgen Felger, der sein Berufsleben lang Mathematik unterrichtete und Gestaltung lehrte. Genau aus dieser Doppelrolle schöpft er seine Kunst.

Neues Rathaus, kurz gefasst

Ausstellung – Mathematik in Farbe
Eintritt: frei
Wann: Montag, 5. bis Freitag 16. Januar 2026
Midissage: Dienstag, 13. Januar 2026
Öffnungszeiten: Mo–Fr 7:00 – 18.30 Uhr, Sa 9:00 – 15:00 Uhr
Wo: Rathaus, Rathausfoyer, Schloßplatz 6, 65183 Wiesbaden

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Wenn Kurven Geschichten erzählen

Felger greift nach bekannten mathematischen Formen und entzieht ihnen ihre Trockenheit. Sinus und Kosinus schwingen nicht mehr nur durch Schulhefte, sie begegnen sich als farbige Linien, die Nähe suchen, sich verschieben, einander antworten. Später treten der goldene Schnitt, die Fibonacci-Folge, magische Quadrate und Zahlenspiele hinzu. Die Bilder erklären sich nicht sofort. Sie laden erst ein, zu gefallen – und fordern dann heraus. Wer nähertritt, entdeckt Strukturen, Wiederholungen, kleine Brüche. Felger will genau diesen Moment: das Umschalten vom bloßen Schauen zum Fragen.

Farbe als Türöffner

Viele Besucher bringen Hemmungen mit, sobald Mathematik im Spiel ist. Felger nimmt diese Angst ernst. Seine Werke funktionieren auch ohne Vorwissen. Die Farben wirken zuerst, sie schaffen Zugang. Erst danach öffnet sich eine zweite Ebene, in der Zahlenbeziehungen sichtbar werden. Manche bleiben dort stehen, andere fragen nach. Felger erklärt gern, spricht über Ideen, über Wege zum Bild, über Aha-Momente. Kunst wird hier nicht belehrt, sondern geteilt.

Digitales Arbeiten mit Haltung

Gemalt hat Felger nicht im klassischen Sinn. Er konstruiert digital, arbeitet mit Programmen, die ihm unzählige Variationen erlauben. Farben überblenden, Nuancen verschieben, Kontraste testen – all das gehört zu seinem Prozess. Doch Beliebigkeit lässt er nicht zu. Jede Entscheidung prüft er, oft gemeinsam mit einem zweiten, geschulten Blick. Am Ende entstehen Fine-Art-Prints, präzise gedruckt, klar im Ausdruck, ruhig in der Komposition. Das Digitale wird hier nicht zum Selbstzweck, sondern zum Werkzeug.

Inspiration zwischen Alltag und Weltkunst

Ideen fallen Felger nicht zu. Sie entstehen unterwegs, im Lesen, auf Reisen, im Beobachten. Ein Detail an der Sagrada Família in Barcelona kann ebenso Ausgangspunkt sein wie ein berühmtes Kunstwerk oder eine mathematische Randnotiz. So treffen in seinen Arbeiten Dürer und Fibonacci aufeinander, manchmal sogar Mathematik und Banksy. Felger spielt mit solchen Begegnungen, ohne sie auszustellen wie Trophäen. Sie bleiben Teil einer stillen Erzählung im Bild.

Ein Haus der Bürger – mit Kunst gefüllt

Bei der Midissage am Dienstagabend betonte Stadtverordnetenvorsteher Dr. Gerhard Obermayr, wie wichtig es sei, das Rathaus als offenen Ort zu begreifen. Die Ausstellung, die noch bis zum 16. Januar zu sehen ist, folge genau diesem Gedanken. Sie senke Schwellen, sie verbinde Disziplinen, sie lade ein. Niemand muss rechnen können. Neugier reicht, unterstreicht der Künstler Felger. Und vielleicht entsteht genau hier, zwischen Formularen und Farbfeldern, eine neue Lust auf Mathematik – nicht als Pflichtfach, sondern als Sprache der Formen.

Jürgen Felger und Dr. Gerhard Obermayr im Zahlen- udn Frabenfieber. ©2026 Volker Watschounek

Symbolfoto – Jürgen Felger erklärt ©2025 Volker Watschounek

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