Umfrageergebnisse, die der NZZ vorab vorlagen, legen nahe: Während die EU international als eigenständiger Akteur an Gewicht gewinnt, trauen ihre eigenen Bürger dieser Rolle kaum – auch in Deutschland.
EU-Kommissions-Präsidentin Ursula von der Leyen trifft im Juli 2025 den amerikanischen Präsidenten Donald Trump in Schottland.
Jacquelyn Martin / AP
Europa erscheint von aussen relevanter, als es sich selbst sieht. Internationale Umfragebefunde zeigen, dass die Europäische Union in vielen Teilen der Welt zunehmend als eigenständige Macht wahrgenommen wird. Die Europäer selbst – auch in Deutschland – trauen der EU diese Rolle mehrheitlich nicht zu.
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Diese Diskrepanz gehört zu den auffälligen Ergebnissen einer neuen internationalen Umfrage des Aussenpolitik-Thinktanks European Council on Foreign Relations, die der NZZ vorab vorlagen.
Grundlage der Analyse ist eine weltweit durchgeführte Erhebung mit rund 25 000 Befragten in mehr als zwei Dutzend Ländern. Der Schwerpunkt der Umfrage lag in Europa; in Deutschland wurden gut 1500 Personen repräsentativ befragt. Die Daten erlauben damit sowohl einen internationalen Vergleich als auch belastbare Aussagen zur europäischen und deutschen Perspektive.
In vielen Teilen der Welt gilt die EU heute nicht mehr primär als Anhängsel amerikanischer Politik, sondern als Akteur mit eigener Linie. In China etwa sind klare Mehrheiten der Ansicht, dass sich die europäische Politik gegenüber Peking von jener Washingtons unterscheidet. In der Ukraine erwarten fast zwei Drittel der Befragten eine Vertiefung der Beziehungen zur EU, während nur rund ein Drittel Ähnliches für die Vereinigten Staaten annimmt. Gleichzeitig trauen in Ländern wie Brasilien, Südafrika oder China deutlich mehr Menschen der EU geopolitisches Gewicht zu als noch vor wenigen Jahren.
Das ist ein deutlicher Bruch mit früheren Befunden – und einer, der durch die scharfe US-Politik gegenüber China sowie die gelegentlich düstere Rhetorik amerikanischer Regierungsvertreter gegenüber der EU gedeckt ist.
Europäer sind die grössten Pessimisten
Das nüchterne, oft skeptische europäische Selbstbild legt hingegen nahe, dass die rund 15 000 europäischen Befragten wenig geneigt sind, Eigenständigkeit mit Handlungsmacht zu verwechseln. Innerhalb der EU zweifeln Mehrheiten daran, dass Europa in der Lage ist, auf Augenhöhe mit den Vereinigten Staaten oder China zu agieren.
Zugleich zählen europäische Befragte weltweit zu den grössten Pessimisten, wenn es um die eigene Zukunft, die globale Stabilität oder das Risiko militärischer Eskalation geht. Europa erscheint damit weniger als eine Macht im objektiven Niedergang denn als eine Macht im Zweifel – ratlos zwischen äusserer Zuschreibung und innerer Verunsicherung.
Diese Unsicherheit ist kein blosses Stimmungsphänomen. Sie wurzelt in Realitäten, die über Jahrzehnte in Kauf genommen oder bewusst geschaffen wurden, in denen Sicherheitspolitik, Verteidigung und strategische Verantwortung an die USA delegiert wurden. Die Folge ist eine in vielem realistische Einschätzung der eigenen Fähigkeiten: Wer über begrenzte militärische Integration, fragmentierte Entscheidungsstrukturen und eine schwach koordinierte Rüstungsindustrie verfügt, kann sich schwerlich als geopolitische Grossmacht begreifen.
Gerade darin liegt ein zentraler politischer Befund dieser Umfrage. Die deutsche und europäische Öffentlichkeit scheint den mentalen Schritt in eine Welt bereits vollzogen zu haben, die die Autoren der ECFR-Studie als «postwestlich» beschreiben. Sie rechnet nicht mehr mit einer Rückkehr zur alten transatlantischen Gewissheit, akzeptiert grössere Unsicherheit und trennt nüchtern zwischen Anspruch und Fähigkeit.
Die Gesellschaft ist weiter als die Politik
Der Zweifel vieler Europäer ist weniger Ausdruck von Resignation als von realistischer Erwartung. Während viele Bürger diese Verschiebung innerlich akzeptiert haben, ohne ihr nachzutrauern, tut sich die europäische Politik schwer, daraus eine konsistente Erzählung und – wichtiger – eine tragfähige Strategie zu entwickeln.
Besonders deutlich wird diese Verschiebung im Blick auf China. Die Umfrage zeigt, dass China in weiten Teilen der Welt nicht länger primär als Bedrohung wahrgenommen wird, sondern als gegebene Macht, mit der man lebt und rechnet. Nur in zwei der untersuchten Länder – der Ukraine und Südkorea – betrachtet eine Mehrheit China als Gegner oder Rivalen; in der EU ist dies nicht der Fall.
Für Europa ist diese Normalisierung Chinas ambivalent, aber aufschlussreich. Einerseits verschwindet damit die vertraute Klarheit einer Weltordnung, in der sich Loyalitäten entlang westlicher Linien ordnen liessen. Andererseits eröffnet diese Verschiebung Spielräume. In China selbst hält eine Mehrheit der Befragten die Politik der EU gegenüber ihrem Land für unterscheidbar von jener der Vereinigten Staaten – ein Befund, der sich sonst nur noch in Brasilien findet. Zugleich sehen dort deutlich mehr Menschen Europa als Partner denn als Rivalen.
Die Umfrage zeigt, dass ausserhalb Europas kaum jemand eine Rückkehr zu klaren westlichen Führungsstrukturen erwartet; und selbst innerhalb der EU sind die Illusionen über die Vereinigten Staaten gering. Die Zustimmung zu höheren Verteidigungsausgaben ist hoch, die Sorge vor Krieg, Eskalation und nuklearen Risiken ebenso. Zugleich hat sich das Bild der USA weiter eingetrübt: Weniger Europäer als noch vor einem Jahr betrachten Amerika als Verbündeten oder glauben, dass die Politik in Washington im Interesse der eigenen Bürger handelt.
Umso auffälliger wirken die politischen Rituale, mit denen europäische Regierungen diese Verschiebung rhetorisch zu überdecken versuchen. Noch in dieser Woche beschwor der deutsche Aussenminister Johann Wadephul die transatlantische Freundschaft als unzerbrechlich und zeitlos – während er bei einem Besuch in Washington nur recht begrenzt politische Aufmerksamkeit erhielt.